https://www.faz.net/-gtl-agqqi

DFB-Elf besiegt Rumänien : Müller sorgt für eine „kleine Explosion“

Ein Knall am Ende: Thomas Müller jubelt über das 2:1 gegen Rumänien. Bild: dpa

Fast wird das vierte Spiel unter Bundestrainer Hansi Flick zum Rohrkrepierer. Dann hat Sprengmeister Thomas Müller eine Idee. Die Fans nimmt das DFB-Team beim 2:1-Sieg wieder rundum für sich ein.

          3 Min.

          Es war eine „kleine Explosion“, von der Thomas Müller berichtete, und die Zündschnur hatte er selbst gelegt. Allerdings sah man das erst auf den zweiten Blick. Beim ersten wunderte man sich noch, wo dieser Müller eigentlich herkam, als er den Ball zum 2:1-Siegtreffer gegen Rumänien über die Linie wuchtete.

          Fußball-Länderspiele
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Naja, Müllers Näschen eben, mag mancher unter den 25.000 Zuschauern im Volksparkstadion gedacht haben, „dafür kennen und lieben wir ihn“, jubilierten die Stadionsprecher, was angesichts der Tatsache, dass es Müllers zweites Länderspieltor seit über drei Jahren gewesen ist, ein wenig forsch klang.

          So richtig spannend wurde der Treffer aber erst, wenn man zurückspulte. Und wie auf dem Material einer Überwachungskamera plötzlich sah, was am Tatort wirklich geschehen war. Wie der eine Viertelstunde zuvor eingewechselte Müller sich Joshua Kimmich beim Eckball zu einem kurzen Anspiel anbot, wie er dann abdrehte, einmal parallel zur Torauslinie quer durch den Strafraum trabte, einerseits total auffällig: Was macht der denn da? Andererseits aber doch so, dass sich kein Rumäne für ihn interessierte – und als er aus dem Inkognito wieder auftauchte, tat er das als Sprengmeister, zur rechten Zeit am rechten Ort, um die Kopfballverlängerung Leon Goretzkas punktgenau und mit einem Knall zu verwerten.

          WM-Qualifikation rückt näher

          Es war eine Entladung der Gefühle in dieser 81. Minute, für Müller, für das Nationalteam, für die meisten der Zuschauer im Stadion. „War geil“, sagte Müller, noch ganz aufgekratzt, am RTL-Mikrofon über den Moment, in dem man ganz besonders „die Verbindung gespürt“ habe, zwischen Spielfeld und Tribüne, Team und Fans.

          Müllers Lust und List? Was er und Flick später zu der Szene sagten, klang nicht, als wäre es ein Werk des neuen Standardtrainers, eher im Gegenteil. Müller sprach davon, dass es den Bundestrainer in „Alarmbereitschaft“ versetze, wenn er in der Nähe des Eckstoßschützen auftauche, „da hat er eigentlich nichts zu suchen“, bemerkte Flick launig. Aber wer weiß, vielleicht sollte das auch genau so klingen.

          Man konnte es in jedem Fall so sagen: So gut wie bei diesem 2:1 fielen die Dinge ziemlich selten zusammen für die Nationalmannschaft am Freitagabend. Dass sie es am Ende doch noch taten, war einerseits zwar schon „mehr als verdient“, wie Flick sagte, aber viel fehlte eben auch nicht, und es wäre nicht passiert. Dann stünde jetzt, statt Flicks viertem Sieg im vierten Spiel, der die Qualifikation für die WM in Qatar in greifbare Nähe rückte, die erste Enttäuschung unter dem neuen Bundestrainer, ein Rohrkrepierer gewissermaßen.

          Vorher, nach dem frühen Rückstand durch Ianis Hagi in der neunten Minute, hatten die Deutschen von den Außenpositionen reihenweise Bälle vor das Tor gelegt, geschlagen, geschaufelt, allerdings notorisch unpräzise und somit eher unverbindlich, Motto: Alles kann, nichts muss.

          Dabei waren sie das erste Mal unter Flick in der Situation, dass sie wirklich mussten, das erste Gegentor, der erste Rückstand, und es zeigte sich, warum Flicks von den Bayern bekanntes Credo, wonach ein frühes Tor die Dinge immer leichter macht, für die Nationalmannschaft noch ein bisschen mehr gilt: Weil sie zwar so viele gute Offensivspieler hat, dass sie an den meisten Tagen schon einen Treffer landen wird, aber niemanden, der aus Wahrscheinlichkeit auch zwingend Gewissheit macht, jedenfalls nicht im Stile einer Nummer neun.

          Das Plakat eines Fans, der sich zwar nicht einen Lewandowski oder Haaland, aber zumindest einen Terodde wünschte, lieferte mutmaßlich anders als gedacht eine Pointe zur Lage. Es bedurfte dann erst Serge Gnabrys exquisiter Schusstechnik von jenseits der Strafraumlinie für das 1:1 (52. Minute), sein 20. Treffer im 30. Länderspiel, und dann noch jener Standardsituation, die den Sieg brachte.

          Als der Bundestrainer nach dem Spiel auf das Fehlen eines „klassischen Mittelstürmers“ angesprochen wurde, hob er zu einer energischen Verteidigungsrede für Timo Werner an, aber in den 90 Minuten von Hamburg hatte es eher ausgesehen, als würde es noch ein komplexeres Projekt, ihn zu dem Spieler zu machen, den Flick in ihm sieht und den das Team auf dieser Position braucht.

          Auch dem Bundestrainer war nicht entgangen, dass Werner oft sich selbst und damit dem Team im Weg stand, indem er das Glück zwingen wollte und dabei ein, zwei Schritte zu früh auf der Abschlussposition war. „Das kann er besser machen und das erwarten wir auch von ihm“, sagte Flick, sicherte ihm aber zugleich Einsatzzeit und Rückendeckung zu, „das ist für einen Stürmer das Wichtigste“.

          Für Timo Werner lief am Freitag in Hamburg nicht alles optimal.
          Für Timo Werner lief am Freitag in Hamburg nicht alles optimal. : Bild: AFP

          Der Abend hatte eigentlich verheißungsvoll begonnen für Werner und das deutsche Team, doch weil der türkische Spielleiter Cüneyt Cakir einen Elfmeterpfiff zugunsten Werners nach Intervention des Videoassistenten zu Recht annullierte, und weil kurz darauf erst Thilo Kehrer bei einem Konter zu ungestüm verteidigte und dann Hagi die Lücke zwischen Antonio Rüdigers Beinen fand, liefen die Deutschen erst einmal hinterher.

          Das jedoch taten sie, angetrieben von Kimmich und Goretzka, mit einer Einsatzfreude, die das Publikum rundum für sie einnahm, und mit einer Hartnäckigkeit, die viel Gutes über die innere Verfassung der Mannschaft verriet. „Sie hat über 90 Minuten das Tempo sehr hoch gehalten. Sie war sehr gierig, dieses Spiel zu gewinnen“, sagte Flick. „So ein Spiel umzubiegen, gehört auch dazu in der Entwicklung, die wir gerade haben.“

          Mit einem Sieg am Montag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur WM-Qualifikation und bei RTL) in Skopje gegen Nordmazedonien wäre das Ticket für Qatar schon gelöst, zwei Spieltage vor Ende der Qualifikation. Aber das stand nicht im Vordergrund an diesem „schönen Abend für alle Beteiligten“, von dem Müller schwärmte – auch wenn es eine ziemlich lange Lunte brauchte.

          Länderspiel

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Querdenker“-Demo in Frankfurt Ende November.

          Neue Studie zu Corona : Politische Propaganda für Verschwörungsgläubige

          Die AfD in Deutschland oder Pis in Polen: Eine Studie zeigt, wie europäische Rechtspopulisten Corona nutzen, um gegen den Staat zu agitieren und sich neue Wähler zu erschließen. Doch die Mobilisierung hat Grenzen.