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Thomas Müller : Der komischste Deutsche

„Ein Spieler, der ähnlich komisch spielt wie ich, ist nicht leicht zu finden”: Thomas Müller ist auch abseits des Platzes ein Gewinn für die deutsche Mannschaft Bild: AFP

Keiner spielt in der DFB-Auswahl so seltsam wie Thomas Müller - von Diego Maradona im März noch ignoriert, dürfte der Argentinier das Allround-Talent mit der Vorliebe für Steilvorlagen jetzt kennen. Der treffsicherste deutsche Stürmer ist auch abseits des Platzes ein Gewinn.

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          Thomas Müller und Diego Maradona haben sich vor gut drei Monaten, wie soll man sagen - kennengelernt. Besser ist wohl, wenn man sagt, sie sind sich irgendwie über den Weg gelaufen. Nach dem Länderspiel zwischen Deutschland und Argentinien in München saß ein blasser, schmächtiger Junge im weißen T-Shirt auf dem Podium der Pressekonferenz, als ein vom Sieg erfüllter Maradona dröhnend im Saal einmarschierte, seinen gedrungenen Körper die Treppen emporwuchtete, um sich nach dem Sieg vor den Kameras in Positur zu bringen.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Doch was machte dieser Junge da oben auf dem Stuhl? Ein Übersetzer vielleicht, der seine Worte nach Deutschland transportieren sollte? Ein Techniker, der die Mikrofonanlage überprüfte? Ein vorwitziger Balljunge, der sich in die Pressekonferenz eingeschlichen hat? Egal. Wie konnte es dieser Junge bloß wagen, ungefragt einen Platz neben der argentinischen Fußball-Ikone zu beanspruchen? Maradona polterte die Treppe wieder hinunter, lamentierte lautstark und gestikulierte wild über die Majestätsbeleidigung, die ihm widerfuhr. Ein, zwei endlose Minuten ging das so, und man ahnte schon, dass Maradona diese Kraftprobe leider im falschen Moment inszeniert hatte. Er kannte diesen Jungen einfach nicht, und weil Müller, als höflicher junger Mann und Münchner Gastgeber, wusste, was sich gehört, trollte er sich. Maradona, ganz Macho, eroberte fröhlich das Podium, aber als man ihm irgendwann sagte, dass er einen deutschen Nationalspieler durch seinen unmöglichen Auftritt verjagt hatte, tat ihm dies leid, und er entschuldigte sich am nächsten Tag.

          Müller sieht sich als „Offensiv-Allrounder“

          Wenn sich Maradona und Müller am Samstag im Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Kapstadt wieder begegnen, dürfte Maradona diesmal sehr genau wissen, mit wem er es zu tun hat. Und nur zur Sicherheit, dass da nicht wieder etwas schiefläuft: Thomas Müller trägt die Nummer 13, und mit zwanzig Jahren und drei Toren ist er der jüngste und erfolgreichste deutsche Nationalspieler bei dieser WM. Er hat natürlich die Münchner Episode nicht vergessen, und dass sie ihm nicht gefallen hat, ist unschwer zu bemerken, auch wenn er das nicht sagt. Er sagt nur: „Darüber können wir am Samstag nach dem Spiel noch mal reden.“

          Nummer 13 und die Drehung - der junge Müller gegen Australien wie der Müller Gerd
          Nummer 13 und die Drehung - der junge Müller gegen Australien wie der Müller Gerd : Bild: dpa

          Müller ist nicht nur der torgefährlichste Spieler im Aufgebot des Bundestrainers, er ist auch ihr seltsamster Spieler. „Ein Spieler, der ähnlich komisch spielt wie ich, ist nicht leicht zu finden“, sagt er selbst über seinen Spielstil, für den es in Deutschland so recht kein Vorbild gibt. Müller ist auf keine Position festgelegt, er kann Stürmer, linkes Mittelfeld, rechtes Mittelfeld. Und er kann das zentral, halb hängend, hängend oder ganz vorne drin. Er selbst fasst das zusammen als „Offensiv-Allrounder“, aber das beschreibt nur die Örtlichkeit seines Spiels, nicht das Wesen seines Spiels. Er kann sich eine Stunde lang der Wahrnehmung des Gegners und der Zuschauer komplett entziehen, aber dann taucht er auf und erzielt den entscheidenden Treffer. Mal wild und ungestüm tritt er auf, mal lässt er den Ball einfach prallen oder spielt überlegt den entscheidenden Pass.

          Selbstbewusste Schnoddrigkeit

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