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Thomas Hitzlsperger im Gespräch : „Ich will keine Ikone einer Schwulenbewegung werden“

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Rassismus in den Stadien hat ein Gesicht und ist sichtbar. Jeder von uns hat die Bilder von Hassfratzen vor Augen. Und somit können wir auch besser dagegen angehen. Homophobie hingegen macht sich nur in den Schlachtgesängen der Fans, den dummen Witzen der Stammtische und in Personalbüros bemerkbar. Doch Homophobie sitzt meist unbewusst in den Köpfen der Menschen, aus Angst oder aus Unwissenheit. Deshalb kann auch nur ein natürlicher Umgang und Aufklärung über Homosexualität weiterhelfen.

Mit dem VfB gewann er 2007 die deutsche Meisterschaft

Ihr Schritt an die Öffentlichkeit war hochprofessionell vorbereitet: Neben dem Interview mit der „Zeit“ haben Sie eine Medienagentur eingeschaltet, betreiben eine Homepage mit einem Countdown zu Video- und Audiobotschaften, der DFB wurde vorab informiert. Das sieht alles sehr generalstabsmäßig aus. Wie lange haben Sie sich auf Ihren Gang an die Öffentlichkeit vorbereitet - und warum so akribisch?

Meine persönliche Vorbereitung hat länger gedauert, weil sie Teil des Prozesses war, der in mir reifen musste. Der Kontakt zu der Medienagentur entstand erst kurz vor Weihnachten aufgrund einer Empfehlung. Mir war von Anfang an klar, dass dieses wichtige Thema nur durch eine solide Vorbereitung und professionelle Begleitung in den Medien gelingen kann. Der Arbeitsaufwand war enorm. Auch die britischen Medien mussten miteinbezogen werden, weil ich auf der Insel bekannt bin. Ohne professionelle Begleitung eines Teams und Überstunden wäre das nicht gelungen.

Wie sind Sie denn als aktiver Fußballspieler in den vergangenen Jahren damit klargekommen, dass Sie einen Teil Ihrer Persönlichkeit nicht gezeigt haben?

Der Fußball stand immer im Mittelpunkt. Das Thema Homosexualität hat während des Fußballspielens für mich in der aktiven Zeit keine Rolle gespielt. Erst nach dem Ende habe ich mich damit auseinandergesetzt. Die Gespräche mit Freunden und meiner Familie haben mir viel Halt gegeben.

Der spätere Abstecher nach Wolfsburg hingegen verlief unbefriedigend

Uns hat in zweifacher Weise überrascht, dass Manager Oliver Bierhoff erklärte, in Ihrer Zeit bei der Nationalelf sei niemand Ihre Homosexualität bekannt gewesen. Erstens: Spricht man als Fußballer wirklich mit niemandem darüber? Und zweitens: Was hätte es geändert?

Eine Mannschaft im Sport kann man nicht mit einer Redaktion vergleichen. In der Mannschaft geht es nicht um Nachrichten und Befindlichkeiten, sondern um Kondition, Technik und Taktik. Da kann es schon vorkommen, dass der Interviewer etwas als Überraschung erlebt, was in der Mannschaft eine Selbstverständlichkeit ist und bleibt.

Nachdem nun einige Tagen vergangen sind: Hat sich Ihre Einschätzung, welche Chancen und Gefahren darin liegen, im Fußball offen über seine Homosexualität zu sprechen, geändert?

Meine Auffassung hat sich dazu nicht geändert. Ich sehe darin nur Chancen. Das positive Feedback zeigt mir, dass ich da richtig liege. Homosexualität im Fußball soll nicht weiter ignoriert oder skandalisiert werden. Gefahren sehe ich grundsätzlich, insbesondere auch nach dem öffentlichen Meinungsbild, nicht. Aber sicherlich kann es für einzelne Spieler zu Drucksituationen kommen, wenn sie über ihre Homosexualität sprechen würden.

Hitzlsperger beendete seine Karriere 2013 in der Reserve des FC Everton

Und was hat sich im Fußball nach Ihrem Outing nun geändert?

Für eine Antwort ist es natürlich noch viel zu früh. Aber vielleicht wird jetzt offener im Fußball über Homosexualität gesprochen und das Thema nicht mehr so stark tabuisiert. Das wäre schon ein großer Schritt nach vorn.

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