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Thomas Hitzlsperger im Gespräch : „Ich will keine Ikone einer Schwulenbewegung werden“

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Ich wollte jetzt nur einen Impuls geben und eine Diskussion voranbringen, die wieder ein Stück weiterkommt. Das ist gelungen. Das Thema ist nach wie vor klischeebehaftet. Ich möchte dazu beitragen, dass über Homosexualität im Profisport offen gesprochen werden kann und nach wie vor bestehende Irrtümer ausgeräumt werden. Wichtig ist mir, dem Thema die Exklusivität und Schärfe zu nehmen. Aus meiner Sicht ist die Gesellschaft dafür inzwischen auch offener und toleranter geworden.

Mit der Nationalelf stand er im EM-Endspiel 2008

Sie haben erklärt, dass die Gegner der Schwulen nun selbst einen neuen Gegner haben: nämlich Sie. Werden Sie sich im Zug der Olympischen Spiele von Sotschi aktiv für die Rechte Homosexueller engagieren?

Da bin ich scheinbar von einigen Medien missverstanden worden. Meinen Schritt in die Öffentlichkeit und den Zeitpunkt dafür habe ich nicht von den Olympischen Spielen in Sotschi abhängig gemacht. Allerdings denke ich, dass der Zeitpunkt gut ist. Denn es braucht kritische Stimmen gegen die Kampagnen von Regierungen gegen Homosexuelle. Im internationalen Profifußball ist Homosexualität immer noch ein Tabuthema.

Sie erinnern sich sicher an den Ausspruch von Fifa-Präsident Joseph Blatter, dass Homosexuelle in Qatar auf Sex verzichten sollten. Beim WM-Ausrichter ist gleichgeschlechtlicher Sex gesetzlich verboten. Das Strafmaß reicht von neunzig Peitschenhieben bis zu fünf Jahren Haft. Homosexuellen-Verbände hatten Blatters Rücktritt gefordert - was fordern Sie mit Blick auf die WM in Qatar?

Ich bin als Einzelner nicht in der Position, Forderungen an große Verbände zu richten. Wir leben zwar im 21. Jahrhundert und angeblich in einer aufgeklärten Informationsgesellschaft, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse unterscheiden sich erheblich von Land zu Land. Sie erinnern in Teilen an Umstände aus dem Mittelalter. Heute muss die Auskunft lauten: Diskriminierungen aufgrund von Religion, Hautfarbe oder sexueller Neigung und öffentliche Züchtigungen sind mit dem Bild eines modernen, aufgeklärten Staates nicht zu vereinbaren. Diese Länder können sich dem Einfluss und der Entwicklung moderner freier Staaten nicht entziehen. Die Bastionen der Willkür werden fallen.

Die erfolgreichste Zeit in der Bundesliga hatte Hitzlsperger in Stuttgart

Ihnen ist schon klar, dass Sie der Rolle als neue Galionsfigur im Kampf für die Rechte homosexueller Sportler wohl nur noch schwer entkommen können?

Das funktioniert nicht nach den Gesetzen des Mikado. Da gilt ja: Wer sich zuerst bewegt, scheidet aus. Wer als Erster etwas wagt, wird stets auch auf diese Rolle festgelegt. Ich habe diesen Schritt gemacht, um eine Diskussion voranzubringen. Wogegen ich mich sträube: Ich will nicht zur Ikone einer Schwulenbewegung im Sport werden. Ich nehme diese Rolle nicht an. Eine Vereinnahmung und Instrumentalisierung durch Leute, die damit ein Eigeninteresse verfolgen, werden mit mir nicht möglich sein.

Warum ist der Fußball im Kampf gegen Rassismus schon weiter als im Kampf gegen Homophobie?

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