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WM-2006-Affäre : Selbstreinigende Saubermänner

  • -Aktualisiert am

Das Präsidium des WM-Organisationskomitees: Vizepräsident Dr. Theo Zwanziger, Präsident Franz Beckenbauer, 1. Vizepräsident Horst R. Schmidt, Vizepräsident Wolfgang Niersbach (Bild vom Mai 2004, von links) Bild: Picture-Alliance

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger bezichtigt seinen Nachfolger Wolfgang Niersbach der Lüge. Der darf trotz Wissenslücken in der Affäre um die WM 2006 im Amt bleiben. Und Franz Beckenbauer schweigt.

          Seit Tagen wankt der deutsche Fußball-Präsident Wolfgang Niersbach. Aber auch am Freitagnachmittag fiel er nicht um. Wie lange er sich noch halten kann? Das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes beschloss auf seiner Sitzung in Dortmund, ihn trotz der Ungereimtheiten rund um einen Geld-Transfer in Höhe von 6,7 Millionen Euro im Jahr 2005 zu stützen. Aber, sagte der mächtige Liga-Präsident Reinhard Rauball, die Wahrheit müsse ans Licht. Die Hintergründe der Zahlung hat Niersbach bisher nicht aufklären können.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Derweil setzte sein Vorgänger und Erzfeind Theo Zwanziger mit Hilfe des Magazins „Spiegel“ seine Attacken auf den sichtlich gezeichneten Funktionär fort. Einer Vorab-Meldung der Zeitschrift vom Freitag ist zu entnehmen, dass Zwanziger den DFB-Präsidenten der Lüge bezichtigt.

          Er bestätigte die eine Woche alte Behauptung des „Spiegel“, es habe „eine schwarze Kasse in der WM-Bewerbung“ gegeben. Und es sei „ebenso klar, dass der heutige Präsident davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005. So wie ich das sehe, lügt Niersbach.“

          Die Frage, ob das „Sommermärchen“ wirklich eine gekaufte WM war, bleibt allerdings auch nach Zwanzigers neuerlichem Angriff offen. Bei den 6,7 Millionen, die 2005 über ein Fifa-Konto transferiert wurden, handelt es sich offenbar um die Rückzahlung eines Kredites, der dem Organisationskomitee (OK) der Fußball-WM vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus gegen einen vom OK-Präsidenten Franz Beckenbauer unterzeichneten Schuldschein gewährt wurde – das Geld wurde unter anrüchigen Umständen – angeblich als Beitrag für das Kulturprogramm – an den Fußball-Weltverband Fifa überwiesen.

          „So wie ich das sehe, lügt Niersbach“: Theo Zwanziger (links, Bild von 2011)

          Wann aber Dreyfus diesen Kredit ursprünglich gestellt hat, ist unklar. Dabei würden sich aus dieser Information wichtige Hinweise für den Verwendungszweck des Geldes ergeben. Sollten es die Bewerber im Jahr 2000 an die Fifa überwiesen haben, so würde dies die Behauptung stützen, es handele sich um Bestechungsgeld, um Stimmen für die WM 2006 zu kaufen. In einem von Zwanziger bestellten Gutachten heißt es laut „Spiegel“, Beckenbauer habe den dazugehörigen Schuldschein „in seiner Tätigkeit im Rahmen der Bewerbung für die WM 2006“ unterzeichnet. Das Nachrichtenmagazin zitierte dazu am Freitag aus einem Dossier, das Zwanzigers Anwalt Hans-Jörg Metz für den früheren DFB-Präsidenten angelegt haben soll: „Dr. Zwanziger hatte von Günter Netzer, einem engen Dreyfus-Vertrauten, im Herbst 2012 beiläufig erfahren, der Schuldschein über 10 Millionen Schweizer Franken sei für die vier Stimmen der Asiaten im FIFA-Exekutivkomitee verwendet worden.“ Netzer hatte diese Aussagen bestritten. Die WM-Vergabe fand im Juli 2000 statt.

          Sollte das Geld aber später, nämlich wie Niersbach behauptet 2002 geflossen sein, erhielten andere Spekulationen Nahrung. Diese besagen, dass das Geld für Joseph Blatters teuren Wahlkampf in jenem Jahr gegen den Kameruner Issa Hayatou verwendet wurde. Niersbach hatte in einer Pressekonferenz am Donnerstag angegeben, das Geld habe zunächst bezahlt werden müssen, um einen Organisationszuschuss in Höhe von 170 Millionen Euro für die WM zu bekommen. Nach Niersbachs Angaben hatte Beckenbauer den Deal in einem Vier-Augen-Gespräch mit Blatter abgemacht.

          Die Nerven beim DFB liegen blank

          Zwanziger behauptet im „Spiegel“, er habe am vergangenen Dienstag mit Horst R. Schmidt telefoniert, dem ehemaligen Vizepräsidenten des WM-Organisationskomitees. Laut seinem Gedächtnisprotokoll habe Schmidt ihm gesagt, Empfänger des Geldes sei der Qatarer Mohammed bin Hammam gewesen, damals Mitglied der Fifa-Exekutive und einer der vier der Korruption verdächtigten Asiaten.

          Bin Hammam gilt allerdings gleichzeitig als Blatters wichtigster Stimmenbeschaffer für seine Wiederwahl 2002. Sich selbst sieht zwanziger als unangreifbar an. Der „Spiegel“ führt ein Gutachten an, das besagt, er habe sich als DFB-Präsident nicht strafbar gemacht, als er 2005 die 6,7 Millionen habe anweisen lassen. Allerdings ist es Zwanzigers eigener Anwalt, der seinen Mandanten als Saubermann hinstellt. Korruption ist in Deutschland nach zehn Jahren verjährt.

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