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Theo Zwanziger im Interview : „Dieses Gehabe der Fifa muss weg“

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Reformen - aber wie? Theo Zwanziger Bild: Wonge Bergmann

DFB-Präsident Theo Zwanziger über Blatters Vertrauenswürdigkeit, den Kampf gegen Korruption und den Fehler, die WM nach Qatar vergeben zu haben.

          7 Min.

          Wie vertrauenswürdig ist Joseph Blatter mit dem von ihm am Freitag verkündeten Maßnahmenkatalog zur Reformierung des Internationalen Fußballverbandes (Fifa)?

          Ich persönlich habe den Fifa-Präsidenten immer als einen Menschen erlebt, der sein Wort hält. Also nie so, wie er oftmals in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Deshalb baue ich auf seinen Reformwillen. Ich habe ein ausgezeichnetes Verhältnis zu ihm, und es ehrt mich, dass er in seinen Reformbemühungen sehr stark auch auf meine Unterstützung und meine Fähigkeiten setzt. Der Zeitplan, den der Fifa-Präsident entworfen hat, ist ambitioniert, und ich bin daher gespannt, ob das Tempo in dem Erneuerungsprozess so hoch gehalten wird, wie es der Fifa-Präsident versprochen hat.

          Man könnte auch zweifeln und behaupten, dass er als langjähriger Präsident der Fifa den Sittenverfall zu verantworten hat und deshalb wohl kaum als Vorkämpfer einer Reform taugt.

          Es wird natürlich immer Menschen geben, die ihr Bild von Blatter nicht verändern wollen und werden. Aber es gibt glücklicherweise mittlerweile auch einige, die zu denken beginnen, dadurch ihre Feindbilder abbauen und den Blick nach vorne richten. Vielleicht kann man Sepp Blatter vorwerfen, dass er einige Dinge zu lange hat laufen lassen, ohne konsequent einzugreifen.

          Hätte man nicht für einen echten Neustart Blatter zum Rücktritt bewegen müssen? Das wäre doch ein Signal gewesen?

          Es wäre ein rein populistisches Signal gewesen. Und außerdem: Wie soll das gehen? Sepp Blatter ist auf dem letzten Kongress in Zürich mit einer großen Mehrheit für weitere vier Jahre gewählt worden. Man kann doch nicht auf der einen Seite eine demokratische Verfassung haben wollen und dann auf der anderen Seite einen Staatsstreich machen. Der Reformprozess zum jetzigen Zeitpunkt ist daher nur mit Blatter möglich, darauf habe ich immer wieder hingewiesen. Und wenn er sich, wie jetzt auch im Exekutivkomitee, an die Spitze dieser Bewegung setzt, dann gibt es sehr gute Chancen, auch Widerstände in den eigenen Reihen zu beseitigen und die dringend notwendigen Reformen umzusetzen.

          Sie werden in der Fifa fortan für die Überarbeitung der Statuten und die Revision verantwortlich sein. Damit müssen Sie zwangsläufig auch den alten Profiteuren des Systems etwas wegnehmen. Mit welchen Widerständen rechnen Sie? Wer sind Ihre Gegner?

          Meine Aufgabe ist zunächst einmal zukunftsorientiert. Ich muss dafür sorgen, dass die Statuten der Fifa eine Struktur bekommen, in der Transparenz, Demokratie und Unabhängigkeit eine gewichtige Rollen spielen. Das ist die Grundlage dafür, dass etwaige Verfehlungen der Vergangenheit sich nicht wiederholen oder besser geahndet werden können. Natürlich werde ich auf diesem Weg auf andere Betrachtungsweisen, ja auch auf Widerstände stoßen, aber dann gilt es eben, Überzeugungsarbeit für die Sache zu betreiben. Außerdem: Einige der alten Strippenzieher, wie Sie sie nennen, sind im Exekutivkomitee doch gar nicht mehr dabei. Es gibt da jetzt schon neue Gesichter, die den Reformen aufgeschlossen gegenüberstehen.

          Herr Blatter hat angekündigt, dass er eine bisher geheime Liste mit Schmiergeldempfängern, die Millionen von der 2001 liquidierten Sportrechteagentur ISL/ISMM erhielten, dem Exekutivkomitee vorlegen will. Auf diesem Papier sollen Ihre drei Gremiumskollegen Teixeira, Hayatou und Leoz stehen. Müsste nicht auch die Öffentlichkeit von den Namen erfahren?

          Ich finde die Ankündigung, die Akte zu öffnen, ist ein erstes starkes Signal des Fifa-Präsidenten, dass er wirklich auch Dinge aus der Vergangenheit aufklären will.

          Nochmals: Die Schmiergeldliste ist doch von hohem öffentlichen Interesse.

          Klar ist, dass wir alle Verdachtsmomente und Korruptionsfälle der Vergangenheit abarbeiten müssen, um die Glaubwürdigkeit in die Institution Fifa und somit auch in den Fußball weltweit zurückzugewinnen. Aber das ist zunächst nicht der Kernpunkt der mir übertragenen Aufgabe in diesem Reformprozess. Das muss die Fifa mit externen Spezialisten lösen.

          Wenn die kolportierten Namen stimmen, dann wären zumindest drei Ihrer Kollegen im Exekutivkomitee erwiesenermaßen korrupt, auch wenn der Geldfluss damals nicht strafbar war. Und bei anderen Mitgliedern in Ihrem Kreis gibt es ähnliche Verdächtigungen. Haben Sie kein Problem, mit diesen Herren weiterhin am selben Tisch zu sitzen und über die Zukunft der Fifa zu diskutieren?

          In meinem Alter sieht man das schon gelassener. Es gibt eben solche und solche Menschen auf dieser Welt. Vieles von dem, was öffentlich diskutiert wird, ist in Zeiten passiert, die für mich nicht nachvollziehbar sind, weil ich damals nicht involviert gewesen bin. Ich kenne diese Dinge also nicht genau. Auf jeden Fall steht für mich aber fest, dass der neue Ethikcode der Fifa in Zukunft auch Verfehlungen aburteilen muss, die keine strafrechtlichen Vergehen sind. Denn Ethik geht deutlich weiter als strafrechtliche Verantwortung.

          Wenn Sie Ihre neue Aufgabe ernst nehmen, müssen Sie doch durch Satzungsänderungen auch den immensen Einfluss Blatters auf den Fifa-Apparat begrenzen.

          Mir geht es in erster Linie um eine ausgewogene und sinnvolle Balance bei der Entscheidungsfindung zwischen dem Präsidenten, dem Exekutivkomitee, unabhängigen Beratern und dem Kongress. Auch daran muss sicherlich gearbeitet werden, klar. Aber es ist auch unabdingbar, dass jeder Verband, der solch vielfältige Aufgaben wie die Fifa hat und permanent stark in der Öffentlichkeit steht, auch einen starken Präsidenten benötigt.

          Die Fifa hat ein unheimlich schlechtes Image. Blatter glaubt, dass sich das schon bald ändern werde. Sehen Sie das genauso?

          Zumindest müssen wir alles daransetzen, dass dies gelingt. Die Fifa muss sich selbst für die größte, überzogene und gelegentlich auch bösartige Kritik unangreifbar machen. Das geht jedoch nur, wenn auch die Kritiker ernst genommen, eingebunden und nicht ausgegrenzt werden. Dieses Gehabe muss weg: Wir, die Fifa, sind die Guten und Mächtigen, die anderen, die gegen uns sind, sind immer die Bösen. Dieses Denken ist in vielen Sportverbänden leider sehr ausgeprägt.

          Sportverbände und Sportfunktionäre können nicht mit Opposition umgehen. Sie ist bei ihnen nicht vorgesehen.

          Im Grunde haben sie ja oft keine Opposition in den eigenen Reihen. Das ist der generelle Nachteil des Verbandsaufbaus. Sie meinen deshalb manchmal, dass sie alles richtig machen, und übersehen, dass auch sie von der Gesellschaft profitieren. Deshalb dürfen richtungweisende Entscheidungen in einem Verband nicht ohne eine enge Anbindung an die Bedürfnisse der Gesellschaft geregelt werden.

          Sie vertreten in der Fifa auch die deutschen Interessen und da vor allem die der Klubs. Sie unterstützen deren Forderungen nach mehr Gewinnbeteiligung aus den Turnieren, einem Versicherungsschutz für WM-Spieler und einer Mitwirkung an der Spielplangestaltung. Ein Klubvertreter soll jetzt einen Platz in der Good-Governance-Kommission der Fifa bekommen. Reicht das denn?

          Die Klubs haben eine besondere Stellung. Neben den Nationalmannschaften sorgen sie für die wirtschaftliche Grundlage des Fußballs. Das bedeutet natürlich auch das Anrecht auf Mitbestimmung und Mitwirkung. Diese Wichtigkeit wird allerdings noch nicht von allen in der Fifa realisiert. Ich glaube deshalb, dass mich dieser Teil der Reformen besonders viel Überzeugungskraft kosten wird. Schließlich gibt es diesbezüglich schon in Europa keine einhellige Meinung.

          Sie wurden im Sommer von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sehr angegriffen, die Ihre Unterstützung für Blatter rügten. Dahinter steckte vor allem der Machtanspruch der Profiklubs. Rummenigge kündigte eine Revolution der großen europäischen Vereine an.

          Ich kenne doch meine Freunde beim FC Bayern und kann solche Aussagen durchaus einschätzen. Wir sind nach einigen intensiven Gesprächen inzwischen auf einer sehr guten Ebene. Öffentlich eine Revolution auszurufen, bringt vielleicht eine schöne Presse und nette Briefe von den Fans, aber es ändert doch nichts. Man erreicht eher das Gegenteil, weil die Entscheidungsträger komplett dichtmachen. Die Klubs und die Profiligen haben doch das größte Interesse, dass sich bei der Fifa etwas ändert. Das erreicht man nur über Gespräche. Ich denke, diese Einsicht ist jetzt da, und so kann ich in Ruhe meine Arbeit angehen, vor allem auch im Sinne der Liga.

          Franz Beckenbauer führt jetzt eine Fifa-Kommission zur Modernisierung des sportlichen Regelwerks an. Es gibt ja die Forderungen nach dem Chip im Ball oder dem Videobeweis. Doch bisher blockieren die Gralshüter des International FA Board (IFAB), in dem vor allem ältere Herren von der britischen Insel sitzen, jegliche Anpassung an das moderne Spiel. Kann dieser Anachronismus aufgebrochen werden?

          Ich bin zumindest der Überzeugung, dass es so nicht weitergehen kann. Das sind eher Methoden wie im Kaiserreich. Man bekommt auf einen sinnvollen Änderungsvorschlag oftmals nicht einmal eine anständige Antwort. Der DFB würde gerne im Amateurbereich wieder die zehnminütige Zeitstrafe einführen und hat diesen Antrag schon schriftlich gestellt. Ohne Begründung hieß es dann vom IFAB, dass die Anfrage auf die nächste Sitzung, also das nächste Jahr, vertagt worden sei. Das finde ich nicht sonderlich transparent und demokratisch.

          Sie besetzen wichtige Positionen in der Fifa, Franz Beckenbauer ist zurück in einer Rolle, die sicher passender ist als die im Exekutivkomitee. Was können die Deutschen im Weltfußball bewirken?

          Dass zwei wichtige Positionen im neuen Fifa-Konstrukt durch deutsche Vertreter besetzt wurden, zeigt, dass unser Einfluss im internationalen Fußball vielleicht doch nicht so gering ist, wie er oftmals gerne dargestellt wird. Generell ist die neue Kombination zwischen Franz und mir sicher sehr gut. Er hat als weltweit anerkannter Fachmann seine Stärken im sportlichen Sektor, ich im juristischen und statuarischen. Ich denke, wir werden uns zeitnah darüber austauschen, wie wir uns gemeinsam und möglichst produktiv in den Reformprozess bei der Fifa einbringen.

          Werden Sie sich denn dafür einsetzen, dass die umstrittene WM-Vergabe an Qatar für 2022 nochmals überprüft wird? Sie hatten das vor einigen Monaten gefordert.

          Ich halte die Wahl Qatars aus sportlicher Sicht weiterhin für fragwürdig, weil dort wegen des Klimas im Sommer und der Größe des Landes keine WM ausgetragen werden darf. Die Vorüberprüfung durch die Evaluierungskommission hatte das ja auch ergeben.

          Es gibt deshalb den Korruptionsverdacht. Dann müsste aber auch die Vergabe an Russland noch mal untersucht werden.

          Im Gegensatz zu Qatar gibt es bei Russland nicht diesen Anhaltspunkt, der mich am meisten stört und den es sicher noch zu besprechen gilt. Es handelt sich um die vielzitierte Mail des Fifa-Generalsekretärs Jerome Valcke, in der er schrieb, dass Qatar versuche, das Präsidentenamt bei der Fifa genauso zu kaufen wie die WM. Diesen Satz habe ich noch nicht vergessen, der muss aufgeklärt werden. Auch wenn ich denke, dass mit dem „gekauft“ nicht unbedingt Schmiergelder an gewisse Personen, sondern eher eine politische Einflussnahme gemeint war.

          Wie meinen Sie das?

          Es könnte meiner Meinung nach sein, dass die Entscheidung für Qatar auch dadurch zustande gekommen ist, dass sich einige Mitglieder des Exekutivkomitees, die in einer sehr engen Verbindung zu ihren Regierungen stehen, deren politischen Argumenten für Qatar angeschlossen haben. Die Bundeskanzlerin, mit der ich schon einmal über dieses Thema gesprochen habe, würde diesen Druck niemals ausüben, weil sie genau weiß, dass der DFB bei allen Entscheidungen sportliche, politische und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt und genauestens abwägt. Ob dieses Verständnis der Politik für die Souveränität der Sportverbände jedoch überall auf dieser Welt gegeben ist, daran kann man zumindest gewisse Zweifel haben.

          Das Gespräch führte Michael Ashelm.

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