https://www.faz.net/-gtl-6uj5o

Theo Zwanziger im Interview : „Dieses Gehabe der Fifa muss weg“

  • Aktualisiert am

Wenn die kolportierten Namen stimmen, dann wären zumindest drei Ihrer Kollegen im Exekutivkomitee erwiesenermaßen korrupt, auch wenn der Geldfluss damals nicht strafbar war. Und bei anderen Mitgliedern in Ihrem Kreis gibt es ähnliche Verdächtigungen. Haben Sie kein Problem, mit diesen Herren weiterhin am selben Tisch zu sitzen und über die Zukunft der Fifa zu diskutieren?

In meinem Alter sieht man das schon gelassener. Es gibt eben solche und solche Menschen auf dieser Welt. Vieles von dem, was öffentlich diskutiert wird, ist in Zeiten passiert, die für mich nicht nachvollziehbar sind, weil ich damals nicht involviert gewesen bin. Ich kenne diese Dinge also nicht genau. Auf jeden Fall steht für mich aber fest, dass der neue Ethikcode der Fifa in Zukunft auch Verfehlungen aburteilen muss, die keine strafrechtlichen Vergehen sind. Denn Ethik geht deutlich weiter als strafrechtliche Verantwortung.

Wenn Sie Ihre neue Aufgabe ernst nehmen, müssen Sie doch durch Satzungsänderungen auch den immensen Einfluss Blatters auf den Fifa-Apparat begrenzen.

Mir geht es in erster Linie um eine ausgewogene und sinnvolle Balance bei der Entscheidungsfindung zwischen dem Präsidenten, dem Exekutivkomitee, unabhängigen Beratern und dem Kongress. Auch daran muss sicherlich gearbeitet werden, klar. Aber es ist auch unabdingbar, dass jeder Verband, der solch vielfältige Aufgaben wie die Fifa hat und permanent stark in der Öffentlichkeit steht, auch einen starken Präsidenten benötigt.

Die Fifa hat ein unheimlich schlechtes Image. Blatter glaubt, dass sich das schon bald ändern werde. Sehen Sie das genauso?

Zumindest müssen wir alles daransetzen, dass dies gelingt. Die Fifa muss sich selbst für die größte, überzogene und gelegentlich auch bösartige Kritik unangreifbar machen. Das geht jedoch nur, wenn auch die Kritiker ernst genommen, eingebunden und nicht ausgegrenzt werden. Dieses Gehabe muss weg: Wir, die Fifa, sind die Guten und Mächtigen, die anderen, die gegen uns sind, sind immer die Bösen. Dieses Denken ist in vielen Sportverbänden leider sehr ausgeprägt.

Sportverbände und Sportfunktionäre können nicht mit Opposition umgehen. Sie ist bei ihnen nicht vorgesehen.

Im Grunde haben sie ja oft keine Opposition in den eigenen Reihen. Das ist der generelle Nachteil des Verbandsaufbaus. Sie meinen deshalb manchmal, dass sie alles richtig machen, und übersehen, dass auch sie von der Gesellschaft profitieren. Deshalb dürfen richtungweisende Entscheidungen in einem Verband nicht ohne eine enge Anbindung an die Bedürfnisse der Gesellschaft geregelt werden.

Sie vertreten in der Fifa auch die deutschen Interessen und da vor allem die der Klubs. Sie unterstützen deren Forderungen nach mehr Gewinnbeteiligung aus den Turnieren, einem Versicherungsschutz für WM-Spieler und einer Mitwirkung an der Spielplangestaltung. Ein Klubvertreter soll jetzt einen Platz in der Good-Governance-Kommission der Fifa bekommen. Reicht das denn?

Die Klubs haben eine besondere Stellung. Neben den Nationalmannschaften sorgen sie für die wirtschaftliche Grundlage des Fußballs. Das bedeutet natürlich auch das Anrecht auf Mitbestimmung und Mitwirkung. Diese Wichtigkeit wird allerdings noch nicht von allen in der Fifa realisiert. Ich glaube deshalb, dass mich dieser Teil der Reformen besonders viel Überzeugungskraft kosten wird. Schließlich gibt es diesbezüglich schon in Europa keine einhellige Meinung.

Sie wurden im Sommer von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sehr angegriffen, die Ihre Unterstützung für Blatter rügten. Dahinter steckte vor allem der Machtanspruch der Profiklubs. Rummenigge kündigte eine Revolution der großen europäischen Vereine an.

Weitere Themen

Topmeldungen

Erinnerung an eine „Ikone“

Tod von Ruth Bader Ginsburg : Kampf um Amerika

Die Ernennung von Richtern am Obersten Gericht ist so etwas wie der große Preis für Präsidenten. Donald Trump will die Gunst der Stunde nutzen und auf lange Zeit eine konservative Mehrheit durchsetzen. Das mobilisiert – auf allen Seiten.
Wo geht es lang? Wegweiser zu einer kommunalen Zulassungsstelle

Warten aufs Nummernschild : Chaos in der Zulassungsstelle

Wer sein Auto zulassen will, muss wegen der Corona-Einschränkungen teils wochenlang auf einen Termin beim Amt warten. Bürger verzweifeln, Händler und Industrie toben. Was läuft da schief? Ein Ortstermin.
Corona-Debatte bei Anne Will

TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.