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Mourinho in Tottenham : „The Special One“ soll Pokale ranschaffen

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Hat er es noch drauf? José Mourinho soll Tottenham Erfolge bescheren. Bild: dpa

José Mourinho ist zurück auf der Trainerbank. Tottenham Hotspur hofft, dass der Portugiese ähnlich erfolgreich wirkt wie einst beim Londoner Stadtrivalen Chelsea. Dort brachte er lange herbeigesehnte Erfolge.

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          Die erste Nachricht überraschte niemanden so richtig, die zweite dafür umso mehr. Tottenham Hotspur hat seinen Trainer Mauricio Pochettino am Dienstagabend entlassen, nachdem es angesichts des schwachen Saisonverlaufs schon länger Gerüchte über eine angeblich bevorstehende Trennung von dem Argentinier gegeben hatte. Wenige Stunden später aber, am frühen Mittwochmorgen, stellte der Londoner Premier-League-Klub dann schon Pochettinos Nachfolger vor: José Mourinho, der vor ungefähr einem Jahr bei Manchester United gefeuert worden war, soll die „Spurs“ zurück in die Spur bringen, also wieder näher heran an die Tabellenplätze führen, die zur Teilnahme an der finanziell so lukrativen Champions League berechtigen. Keine leichte Aufgabe: Nach zwölf Spielen in Englands erster Liga steht Tottenham auf Platz 14 von 20 Klubs – und hat zuletzt fünf Spiele in Serie nicht gewonnen.

          Mit Pochettino verlässt zudem eine bei Spielern und Fans gleichermaßen populäre Figur den Klub. Kapitän Harry Kane schrieb bei Twitter, er werde Pochettino „für immer dankbar“ sein: „Du warst mein Trainer, aber auch mein Freund.“ Unter seiner Führung schaffte es Tottenham in vier von fünf Spielzeiten unter die begehrten und hart umkämpften Top-Four-Plätze in der Premier League, 2017 wurden sie Meisterschaftszweiter, in der vergangenen Saison drangen sie bis ins Finale der Champions League vor, das sie jedoch 0:2 gegen den FC Liverpool verloren. Überhaupt ist dem ambitionierten Verein, der in diesem Jahr in sein neues, hochmodernes und extrem teures Stadion umgezogen ist, eines unter Pochettino nicht gelungen: „Silverware“, wie man in England zu Titeln und Pokalen aller Art sagt, gab es trotz der positiven Gesamtentwicklung keine.

          Der Klubchef will Titel

          Die Idee hinter der Verpflichtung von José Mourinho, der einen Vertrag bis Mitte 2023 unterschrieben hat, ist entsprechend selbsterklärend: Der Portugiese ist einer der erfolgreichsten Trainer des Weltfußballs, die Champions League hat er zweimal gewonnen, hinzu kommen etliche nationale Meisterschaften und Pokalsiege in England, Spanien, Italien und Portugal.

          Ablösung durch einen guten Bekannten: Mauricio Pochettino sprach stets von einem guten Verhältnis zu Mourinho.

          Klubchef Daniel Levy äußerte die Absicht, endlich Titel zu gewinnen, in einem Klubstatement ziemlich unmissverständlich. „Mit José haben wir einen der erfolgreichsten Trainer im Fußball“, wird er darin zitiert; Mourinho verfüge über umfassende Erfahrung, könne Mannschaften inspirieren, sei ein ausgewiesener Taktiker – und er habe mit jedem Klub, den er trainiert habe, Titel gewonnen. Mourinho wird im selben Kommuniqué mit einer Würdigung der schon geleisteten Vorarbeit bei Tottenham zitiert: „Die Qualität der Mannschaft und der Akademie reizt mich. Mit diesen Spielern zusammenzuarbeiten, das ist es, was mich angezogen hat.“ Gut möglich, dass ihn diese Worte in der Berichterstattung schon bald einholen werden.

          Denn Mourinho hat – anders als Pochettino – nicht den Ruf, junge Spieler langfristig zu entwickeln. Lieber kauft er fertige Stars ein, um seine sportlichen Ziele schnell zu erreichen. Der Trainerwechsel wenige Wochen vor dem Winter-Transferfenster dürfte jedenfalls kein Zufall sein. Sollten die „Spurs“ sich dann signifikant verstärken, wäre das eine ganz neue Herangehensweise für den Klub, der vor der laufenden Saison zwar ausnahmsweise mehr als 100 Millionen Euro ausgegeben hat, sich ansonsten mit teuren Neuverpflichtungen aber oft zurückhielt. In der vergangenen Saison wechselte bekanntlich kein einziger Spieler von einem anderen Klub zu den Londonern.

          Hat Mourinho es noch drauf?

          Allerdings steht der Name Mourinho nicht nur für Titel, sondern bisweilen auch für Ärger. Bei seinen ehemaligen englischen Arbeitgebern FC Chelsea und Manchester United ging er jeweils nicht im Guten. Wenn es schlecht läuft oder er seinen Willen nicht bekommt, ist er jedenfalls keiner, der seinen Frust darüber etwa in Pressekonferenzen kaschiert oder sich auch nur im Ansatz darum bemüht. Während seiner Zeit bei Manchester United trug er zum Beispiel seinen Konflikt mit dem Starspieler Paul Pogba in aller Öffentlichkeit aus, weil der es gewagt hatte, Mourinho für dessen ergebnisorientierten, dadurch pragmatischen und bisweilen als langweilig wahrgenommenen Fußball zu kritisieren. Insgesamt enttäuschte Mourinho die Erwartungen der Klubführung trotz hoher Ausgaben für neue Spieler von mehr als 350 Millionen Pfund in zweieinhalb Jahren. Zwar gewann er mit Englands taumelndem Rekordmeister die Europa League und den Ligapokal, beide Wettbewerbe aber entsprechen nicht dem Selbstbild dieses Klubs.

          2018 wurde er mit United Zweiter in der Liga, zur Zeit seiner Entlassung im Dezember desselben Jahres stand United aber auf Platz sechs und hatte 19 Punkte Rückstand auf den alten Rivalen FC Liverpool an der Tabellenspitze. „The Special One“, wie Mourinho sich einmal selbst nannte, schien plötzlich gar nicht mehr so besonders zu sein. Mit dem Charisma – und dem Erfolg – von Konkurrenten wie Jürgen Klopp beim FC Liverpool und Pep Guardiola bei Manchester City konnte er zuletzt jedenfalls nicht mehr mithalten.

          Diesen Eindruck kann er nun beim dritten Premier-League-Klub seiner Trainerkarriere widerlegen. In der Liga spielt Tottenham am Samstag gegen West Ham United, am Dienstag darauf empfängt der Klub Olympiakos Piräus in der Champions League. Anfang Dezember spielen die „Spurs“ dann auswärts bei Mourinhos altem Arbeitgeber Manchester United, wo es nach seinem Rauswurf unter dem neuen Trainer Ole Gunnar Solskjaer auch nicht viel besser läuft. Es dürfte ein besonderes Spiel werden, vor allem für den eigentlich so abgebrühten Mourinho. Denn für ihn geht es nicht nur darum, Tottenham Hotspur vor einer desaströsen Saison zu bewahren und mittelfristig zu Titeln zu führen, sondern auch darum, seinen Kritikern zu beweisen, dass er es immer noch draufhat.

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