https://www.faz.net/-gtl-81qel

Fußball-Talentreport (9) : „Mein Vertrag war weg!“

Atakan Yigitoglu (r.) sagt, Fehler suche er immer erst bei sich Bild: Imago

Er stand so dicht vor der Verwirklichung seines Traums. Doch als Atakan Yigitoglu seinen ersten Profivertrag bei Hertha unterschreiben wollte, war dieser plötzlich weg – und sein Berater auch.

          Atakan Yigitoglu (22) standen viele Türen offen. Als er dann seinen Profivertrag unterschreiben wollte, war der Vertrag plötzlich weg – und damit seine große Chance.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Atakan: „Wenn ich zurück schaue auf die Dinge, die nicht gut gelaufen sind, suche ich Fehler immer zuerst bei mir. Das war schon immer so. In der Jugend habe ich zehn Jahre bei Hertha BSC gespielt, da habe ich mich superwohl gefühlt. Als es dann aber um einen Vertrag ging, waren schon ein paar Sachen problematisch. Trotzdem sage ich im Nachhinein, dass es mein Fehler war, dass ich unbedingt in Berlin bleiben wollte. Ich bin nun mal hier aufgewachsen, ich konnte nicht anders. Meine Großeltern kamen in den sechziger Jahren aus der Türkei, aber schon mein Vater wurde in Kreuzberg geboren. Ich gehöre zur dritten Generation, Berlin ist meine Heimat. Ich bin ein echter Kreuzberger Junge, und mein großer Traum war es immer, im Olympiastadion zu spielen.

          Mein erster Verein war Türkiyemspor, aber schnell bin ich anderen Klubs aufgefallen. Über Tasmania Berlin kam ich 2003 zur Hertha. Ab der U15 habe ich in den türkischen Nationalmannschaften gespielt. Bei einem Lehrgang bin ich dann auch Horst Hrubesch aufgefallen. Er hat gesagt, dass es besser für mich wäre, wenn ich für Deutschland spiele. Ich hatte damals aber nur den türkischen Pass.

          „Paradebeispiel für gelungene Integration“

          Der DFB und die Hertha haben sich dafür eingesetzt, dass ich eingebürgert werde. In dem Brief vom DFB stand, dass ich eine Bereicherung für die DFB-Nationalteams wäre. Und die Hertha schrieb, dass mein Weg im Fußball vorgezeichnet wäre, dass man mir in Kürze ein Angebot als Vertragsspieler mit Profi-Option vorlegt. Meine ganze Familie sei ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Mein Vater hat seit Jahren ein eigenes Elektrogeschäft in der Oranienstraße in Kreuzberg, mein Bruder studiert. Die Einbürgerung hat dann auch geklappt.

          Aber ich konnte dann trotzdem nicht für Deutschland spielen. Ich hatte schon ein offizielles Qualifikationsspiel für die Türkei gemacht, daran hatte niemand gedacht. Bei der Hertha habe ich damals jahrelang mit Nico Schulz und Anthony Brooks zusammengespielt, die jetzt beide Profis sind, vorher auch mit Antonio Rüdiger, der ist jetzt sogar Nationalspieler. Die Hertha hat mir dann auch ein Vertragsangebot über drei Jahre gemacht, ein Jahr als Amateur, zwei Jahre als Profi. Viele Vereine waren zu der Zeit an mir interessiert: Bremen, Schalke, Mönchengladbach und Nürnberg.

          Mein Vater hat meinen Berater dann gefragt, ob nicht auch sofort ein Lizenzspielervertrag möglich ist. Ich hätte dafür auch auf Geld verzichtet, weil ich direkt bei den Profis mittrainieren wollte. Das war für mich das Wichtigste, aber ich hätte auch den anderen Vertrag unterschrieben, das war kein Problem. Mein Berater fand den Vorschlag auch gut. Er wollte das mit Hertha besprechen. Nach zwei Wochen meldete er sich und sagte, dass die Hertha einverstanden ist. Das war genau, was ich wollte. Dann haben wir allen anderen Klubs abgesagt.

          Kurz vor Saisonende hatte ich dann endlich den Termin bei Hertha. Da lag dann wieder der alte Vertrag auf dem Tisch. Das konnte ich gar nicht glauben. Die Hertha und mein Manager hatten also genau das Gegenteil gesagt. Ich wusste nicht mehr, wem ich glauben sollte. Am nächsten Tag sagte mein Berater, die Hertha würde doch noch mal überlegen, mir direkt einen Profivertrag zu geben. Mein Vater hat dann tagelang versucht, meinen Berater zu erreichen, da ging aber keiner mehr ran. Einen Tag vor meinem Sommerurlaub hat er dann seinen Mitarbeiter erreicht. Der sagte, dass ich keinen Vertrag von Hertha bekomme. Gar keinen. Und so war es auch: Mein Vertrag war weg!

          Atikan (r.) spielt beim Berliner AK in der Regionalliga – seine Hoffnungen, es nochmal in den Profifußball zu schaffen, schwinden

          Den genauen Grund weiß ich bis heute nicht. Ich habe meinen damaligen Trainer angerufen, und der meinte, dass mein Berater wohl zu hoch gepokert habe. Aber ich hatte ihm gar nicht gesagt, dass er das machen soll. Hertha hat dann wohl einen anderen Verteidiger verpflichtet, aber ganz genau weiß ich das nicht. Aber für mich war alles zu. Ich hatte ja allen anderen Klubs abgesagt. Ich wusste gar nicht mehr, was ich machen sollte. Heute denke ich, dass ich nach dem normalen Training einfach noch mehr an meinen Schwächen hätte arbeiten sollen. Brooks und Schulz haben auch immer hart gearbeitet. Ich hätte mir das Glück härter erarbeiten müssen.

          Andererseits ist es aber auch so, dass ich mit der Schule schon nach dem mittleren Schulabschluss aufgehört habe, weil ich mich voll auf den Fußball konzentriert habe. Sonst hätte ich wie mein Bruder auch Abi gemacht. Ich hatte dann noch Angebote aus der Türkei und anderen Ländern. Aber ich wollte mich immer in Deutschland durchsetzen. Und das will ich heute noch. Ich spiele jetzt beim Berliner Ak in der Regionalliga. Aber man sagt, dass man es spätestens in den Profifußball geschafft haben muss, wenn man aus der U23 rauskommt. Ich bin jetzt 22, viel Zeit bleibt mir da nicht mehr. Eine Sache wundert mich aber bis heute. Bei Hertha hat es noch nie ein türkischer Junge bis zu den Profis geschafft, echt merkwürdig. Und das in Berlin.“

          Weitere Themen

          Sturmwarnung

          Eintracht Frankfurt : Sturmwarnung

          Nach Luca Jovic zieht es auch Sébastien Haller aus der Eintracht weg – zu West Ham United. Damit verlieren die Hessen ihre beiden besten Torschützen.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.
          Will juristisch gegen eine Fotomontage vorgehen: Ilse Aigner

          Wegen Fotomontage : Aigner geht juristisch gegen AfD-Abgeordneten vor

          Der AfD-Politiker Ralf Stadler hat eine Fotomontage veröffentlicht, die zeigt, wie die bayerische Landtagspräsidentin umringt von Kindern angeblich AfD-Luftballons steigen lässt. Die CSU-Politikerin will nun einen Strafantrag stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.