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Rödinghausen gegen Bayern : „Das ist schon eine verrückte Geschichte“

Das große Spiel des SV Rödinghausen findet in Osnabrück statt. Bild: dpa

Das Duell mit den Bayern im DFB-Pokal ist für den SV Rödinghausen das größte Spiel der Vereinsgeschichte. Besonders kurios ist die Partie für den neuen Trainer des Außenseiters aus Ostwestfalen.

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          In Rödinghausen haben sie die Ruhe weg. So still wie rund um den Trainingsplatz des SVR im Ortsteil Bieren ist es im nördlichsten Zipfel von Ostwestfalen nur selten. Keine Fans und keine Rentner an der Seitenlinie, um vor dem größten Spiel der Vereinsgeschichte das Trainingsgeschehen des Regionalligaklubs zu beobachten. Leichter Nieselregen verschluckt den letzten Lärm von der wenige hundert Meter entfernt gelegenen Bundesstraße. Nur zwei Kamerateams vom Sportfernsehen fangen lautlos ein paar Trainingsbilder ein.

          DFB-Pokal
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          Keinen geringeren Gegner als den FC Bayern München erwartet der SV Rödinghausen an diesem Dienstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal, in der ARD und bei Sky) in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Gespielt wird im etwa dreißig Kilometer entfernten Osnabrück im Stadion des Drittligaklubs VfL an der Bremer Brücke. 16.000 Fans werden die Partie im Stadion verfolgen, Millionen an den Bildschirmen kommen hinzu. Für die Verantwortlichen beim SVR ist das jedoch kein Grund zur Aufregung – äußerlich jedenfalls.

          „Ich bin nicht nervös. Ich wüsste auch nicht, warum ich es sein sollte“, sagt Rödinghausens Bürgermeister Ernst-Wilhelm Vortmeyer. Seit 14 Jahren führt er die Gemeinde an, seit 18 Jahren ist er zudem Vorsitzender des SVR. Unter ihm – und mit Hilfe eines zahlungskräftigen Sponsors – hat es der Klub in zehn Jahren aus der Tristesse der Kreisliga bis ins obere Drittel der Regionalliga West geschafft. Nach 15 Spieltagen steht der SVR auf dem vierten Tabellenplatz. Am Samstag siegte das Team von Cheftrainer Enrico Maaßen beim Abstiegskandidaten aus Kaan-Marienborn souverän 2:0. Die Generalprobe ist also gelungen.

          „Wir haben versucht, die Vorbereitung auf das Pokalspiel so normal wie möglich zu gestalten und die Bayern wie jeden Gegner zu behandeln“, bemüht sich auch Maaßen um entspannte Professionalität. Er lässt offen, ob er Lewandowski, Robben und Co. lieber mit Dreier-, Vierer- oder gar Fünferkette vom eigenen Tor weghalten will. „Aber wir sollten nicht vermessen sein. Wir werden das Spiel nur ansatzweise eng halten können, wenn jeder seine Aufgabe perfekt erfüllt“, sagt der SVR-Coach, der direkt nach der Auslosung im „Sportschau“-Interview noch zwinkernd erklärt hatte, Rödinghausen wolle versuchen, gegen München seiner „Favoritenrolle gerecht zu werden“. „Natürlich wird das für viele unserer Jungs das größte Erlebnis im Fußball sein. Aber ein bisschen Spaß muss manchmal sein“, sagt der 34-Jährige. „Auch in der vierten Liga arbeiten wir hart und professionell. Schließlich sind wir keine Dorfmannschaft.“


          Erst im Sommer wechselte der gebürtige Wismarer und Inhaber der Trainer-A-Lizenz zu den Ostwestfalen – nachdem er zuvor vier Jahre lang mit dem SV Drochtersen/Assel jenen Amateurverein aus Niedersachsen trainiert hatte, der in der ersten Pokalrunde im August nur 0:1 gegen den Rekordmeister verlor – und den Gegentreffer dabei erst nach 81 Minuten kassierte. „Dass erst mein Ex-Klub und jetzt ich gegen die Bayern antreten darf, ist schon eine verrückte Geschichte“, sagt Maaßen. Tipps, wie man der Münchner Offensive standhält, hat er sich von seinem Nachfolger jedoch nicht geholt. „Wer als Regionalligaklub so knapp gegen Bayern verliert, macht unfassbar viel richtig“, sagt Maaßen. Aber die Situation von Drochtersen – mit der Partie am Nachmittag im eigenen kleinen Stadion und noch vor dem Ligastart – könne man nicht mit der Lage von Rödinghausen vergleichen.

          Dabei hat sich die Lage des SVR im vergangenen Jahrzehnt stetig verbessert: Am Fuße des Wiehengebirges – Einheimischen zufolge die letzte Erhebung vor der Nordsee – wurde ein modernes Stadion für 3000 Zuschauer gebaut, inklusive Geschäftsstelle, Fanshop, Restaurant und anliegendem Kunstrasenplatz. Bezahlt wurde ein Großteil davon vom Chef des ortsansässigen Küchenherstellers, der es nach eigener Aussage vor zwölf Jahren nicht mehr ausgehalten habe, dass der Klub in der Kreisliga herumdümpelte und sich die Jugendmannschaft seines Enkels nicht einmal einheitliche Trikots leisten konnte.

          Daraufhin sei der Entschluss gefallen, den SVR mit viel Geld und professioneller Organisation in den oberen Amateurbereich zu führen. „Wir haben die Zukunft des SV Rödinghausen damals detailliert geplant und uns Stück für Stück vorgearbeitet. Dass wir jetzt vor einem Pokalspiel gegen den FC Bayern stehen, ist allerdings mehr, als wir uns je erträumt haben“, sagt Vereinsboss Vortmeyer und fügt an: „Wenn uns ein Treffer gelingt, ist mir die Anzahl der Gegentore total egal.“

          Kein Tor gegen den Rekordmeister beisteuern wird Maximilian Hippe, der gegen Dresden in der 123. Minute zum 3:2-Endstand traf – und dem damit der späteste Treffer in der Geschichte des DFB-Pokals gelang. Der Innenverteidiger fehlt im größten Spiel der Ostwestfalen wegen einer noch nicht ganz auskurierten Schambeinentzündung. „Klar bin ich traurig, dass ich nicht mitspielen kann“, sagt Hippe. „Aber vielleicht gelingt den Jungs ja die Sensation – dann wünsche ich mir fürs Achtelfinale ein Derby gegen Arminia Bielefeld.“ Dann wäre es selbst in Rödinghausen mit der Ruhe vorbei.

          Enrico Maaßen wurde erst im Sommer Trainer in Rödinghausen.

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