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Fußball-Star fällt aus : Copa ohne Fixstern Neymar

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Kann derzeit nicht auf dem Fußball-Platz stehen: Brasiliens Star Neymar bei einem Polizeitermin in Sao Paulo Bild: dpa

Bei der Südamerika-Meisterschaft steht für die brasilianische Nationalmannschaft einiges auf dem Spiel. In Abwesenheit von Superstar Neymar werden die Machtverhältnisse neu sortiert. Doch es geht noch um viel mehr.

          Seine großen Auftritte hat Neymar inzwischen abseits des Rasens. Dutzende Polizeibeamte schirmen den Stürmer von Paris Saint-Germain ab, wenn er bei den Behörden wegen der umstrittenen Vergewaltigungsvorwürfe eines brasilianischen Models aussagen muss. Es ist sein ganz eigenes Spiel, das Neymar in diesen Tagen in Brasilien spielt. Mit Fußball und der Copa America hat das nichts zu tun. Die verpasst Neymar wegen einer im Testspiel gegen Qatar erlittenen Fußverletzung. Und doch geht es bei der in der Nacht von diesem Freitag auf Samstag (2.30 Uhr MESZ) in São Paulo beginnenden Südamerika-Meisterschaft auch um Neymars Zukunft und seinen Stellenwert in der Seleção.

          Seit ein paar Tagen ist es vergleichsweise still in der Herzkammer der brasilianischen Nationalmannschaft. Keine Kampfansagen, keine Inszenierungen. Kein Hubschrauber landet irgendwo im Trainingszentrum und spuckt den der Welt so seltsam entrückten Superstar aus. Statt täglicher Telenovela um Models, Instagram-Posts und Polizei-Verhöre prägen nüchterne Taktikbesprechungen und Videoanalysen das Innenleben der Seleção. Während Neymar an den Bildschirmen des Landes um seinen Ruf kämpft, wird die Nationalmannschaft im Stadion Morumbi versuchen, die Stimmung im Land so zu beeinflussen, dass sie das Team durch das dreiwöchige Turnier tragen wird. Ein überzeugender Auftaktsieg gegen den krassen Außenseiter Bolivien ist das erste Ziel.

          Mannschaftsinternes Erdbeben

          Nationaltrainer Tite hat schon vor Bekanntwerden der Vergewaltigungsvorwürfe gegen Neymar für ein mannschaftsinternes Erdbeben gesorgt, als er seinem Starstürmer wegen dessen ständiger Eskapaden die Kapitänsrolle entzog und sie Dani Alves übertrug. Jenem Alves, der mit seinen inzwischen 36 Jahren alles erlebt hat, was der Fußball so bieten kann. Auch so manche Pfiffe der brasilianischen Fans, die ihn für nicht mehr schnell genug auf der Außenbahn halten. Für Neymar ist seine Degradierung eine erste Warnung: Es geht notfalls auch ohne ihn.

          Alves’ mannschaftsinterner Aufstieg ist eine politische Entscheidung. Eine, die für Neymar noch gefährlich werden könnte. Wenn nämlich diese neuformierte Seleção bei der Copa America ohne ihren Superstar funktioniert. Wenn sich der frisch mit dem Champions-League-Titel dekorierte Roberto Firmino, wenn sich Gabriel Jesus und der junge Ajax-Stürmer David Neres finden. Wenn Torhüter Alisson Becker auch im Nationaltrikot zu jener Persönlichkeit heranreift, zu der er an der Anfield Road bereits gewachsen ist. Dann wird die brasilianische Öffentlichkeit die Frage stellen, ob es nicht vielleicht besser ist, künftig auf den extravaganten, aber im Nationaltrikot erfolglosen Superstar zu verzichten.

          Bis heute hat Neymar bei einer WM oder einer Copa America noch nie ein Halbfinale bestritten. Mal war es eine Verletzung, eine Sperre oder einfach nur ein schwaches Spiel, das ihn aus jenen sportlichen Sphären fernhielt, in die er als Social-Media-Star längst aufgestiegen ist. Rein sportlich gesehen, ist die Kombination Neymar/Seleção eine Enttäuschung. Auch für Trainer Tite ist das Turnier deswegen eine große Chance: Gewinnt er den Titel, hat er Drohpotential in der Hand, um Neymar zu disziplinieren. Verliert er, liefert der Ausfall Neymars die Entschuldigung.

          Wenn die WM 2022 in Qatar beginnt, dann ist Neymar fast 31 Jahre alt. Nationaltrainer Tite hat die Aufgabe, bis dahin ein Team zu formen, das den sechsten WM-Titel nach Brasilien holen muss. Diesem Ziel wird er fast alles unterordnen. Die Copa America ist für die jungen Spieler die Chance, eigene Reviere abzustecken und dem fehlenden Leitwolf Neymar Grenzen aufzuzeigen. Wie schnell so etwas gehen kann, weiß Michael Ballack, der 2010 in Südafrika verletzt miterleben musste, wie eine junge Generation auf und davon eilte.

          Gastgeber Brasilien geht als Favorit in dieses Turnier, das wichtige Hinweise liefert für die danach beginnende südamerikanische WM-Qualifikation. Über den Argentiniern hängt wieder einmal das Damoklesschwert des ewigen Scheiterns. Lionel Messi und die alten Granden raffen sich noch einmal auf zum gefühlt zehnten Versuch, einen Titel zu gewinnen. Sie präsentieren sich in diesen Tagen gut gelaunt. Trainer Lionel Scaloni ist es offenbar gelungen, die argentinische Herde der Alphatiere neu zu ordnen. Messi postet Juxbilder aus dem Teamhotel, beim Training wird geflachst. Ein Jahr nachdem die argentinische Auswahl bei der WM in Russland in Streit, Meuterei und Missgunst versank, ist das bemerkenswert. Doch spätestens wenn es am Samstag in Salvador gegen Kolumbien geht, kommt der Druck zurück. Und der hat der „Albiceleste“ schon genug Streiche gespielt. Was nichts daran ändert, dass sich nicht nur die Fernsehmacher schon auf ihr Traumfinale festgelegt haben: Brasilien gegen Argentinien.

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