https://www.faz.net/-gtl-16pkz

Südafrika : Bloß keine Blamage

Eine Mannschaft wird gefeiert: Begeisterter Empfang für „Bafana Bafana” am Mittwoch in Johannesburg Bild: REUTERS

Zwar ist Südafrika seit elf Spielen ungeschlagen. Doch in der „Monstergruppe“ wird es das Team schwer haben, die Vorrunde zu überstehen. Südafrika wäre dann der erste Gastgeber, der sich vorzeitig verabschieden würde.

          Berührungsängste hatten Carlos Alberto Parreira und seine Spieler nicht. Natürlich nahmen sie ihn gerne in die Hand, den goldverzierten Ball für das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Das war im April, als sich die Südafrikaner in Herzogenaurach zu ihrem zweiten von drei Trainingslagern aufhielten, und ihr Ausrüster das besondere Modell mit einer kleinen Show vorstellte. Ehrengast Franz Beckenbauer sprach bei dieser Gelegenheit davon, dass er sich für den 11. Juli in Johannesburg ein Finale zwischen Südafrika und Deutschland wünsche.

          Parreira, der brasilianische Trainer der Südafrikaner, lächelte recht freundlich und sagte, er hoffe, dass Beckenbauers Wunsch in Erfüllung gehe. So weit die Inszenierung. In der Realität dürfte es für Bafana Bafana kein zweites Rendezvous mit dem Goldball geben. Angesichts der Gruppengegner, Frankreich, Mexiko und Uruguay, wäre schon das Erreichen der K.-o.-Phase ein Erfolg. Von einer „Monstergruppe“ war nach der Auslosung in der heimischen Presse zu lesen, und die Sorge war groß, Südafrika könne sich blamieren und als erster Gastgeber der WM-Geschichte nicht die Vorrunde überstehen.

          Inzwischen herrscht zumindest vorsichtiger Optimismus. Nach Testspielsiegen gegen Kolumbien (2:1), Guatemala (5:0) und zuletzt am Samstag gegen Dänemark (1:0) ist Südafrika nun schon seit elf Spielen ungeschlagen. Vor allem der Erfolg gegen Kolumbien, vor 75.000 Zuschauern im Soccer City Stadium von Johannesburg, wo Südafrika am 11. Juni das Eröffnungsspiel gegen Mexiko bestreitet, brachte frisches Selbstvertrauen. „Das war genau das, was ich wollte“, sagte Parreira. „Ich wollte, dass meine Spieler genau diese Erfahrung machen und ein Gefühl dafür bekommen, was sie hier am 11. Juni erwartet.“ Hoffen auf den Heimvorteil also, zumal sich Südafrika schon beim Confederations Cup im vergangenen Jahr überraschend gut verkauft hatte. Nach knappen Niederlagen gegen Brasilien und Spanien war Platz vier in dieser Konkurrenz der kontinentalen Meister aller Ehren wert.

          Laut ins Turnier: Die Hoffnung der Südafrikaner auf eine erfolgreiche WM sind gestiegen

          Ein konkretes WM-Ziel hat Parreira bislang nicht ausgegeben. „Die Gruppenphase zu überstehen ist die schwierigste Aufgabe“, sagt er. Einerseits. Andererseits glaubt er auch an die positive Dynamik, die ein Weiterkommen entfalten kann: „Wenn wir das geschafft haben, ist alles möglich.“ Dass es für einen Spitzenplatz reicht, ist dennoch eher unwahrscheinlich. In der Weltrangliste der Fifa liegt Südafrika nur auf Rang 83 (auch wenn zuletzt sieben Plätze gutgemacht wurden). Die meisten Spieler sind in der heimischen Premier Soccer League beschäftigt. Dort wird zwar bei den Großklubs wie Meister Supersport United, den Kaizer Chiefs, den Orlando Pirates oder den neureichen Mamelodi Sundowns professionell gearbeitet und auch gutes Geld verdient; insgesamt dürfte das Niveau aber eher in der Güteklasse Zweite Bundesliga liegen.

          Kein Nachwuchskonzept

          Außer Steven Pienaar, dem früheren Dortmunder, der inzwischen beim FC Everton spielt, und dem Rekordtorschützen der Bafana Bafana, Benni McCarthy, hat das Land in den vergangenen Jahren keine internationalen Stars hervorgebracht. Der 32 Jahre alte McCarthy, der bei West Ham United unter Vertrag steht, wurde nun sogar von Parreira aus dem Aufgebot gestrichen - wohl wegen körperlicher Defizite. „Ich habe in meiner ganzen Zeit noch nie einen Fußballer gesehen, der dicker ist als McCarthy“, hatte David Sullivan, der Klubvorsitzende von West Ham, kürzlich bemerkt. Auch die beiden südafrikanischen WM-Kandidaten, die in Deutschland ihr Geld verdienen - der Bielefelder Torwart Rowen Fernandez und der Rostocker Bradley Carnell - verkörpern nicht gerade Wettbewerbsfähigkeit auf Weltniveau. Dass auch sie am Ende nicht berücksichtigt wurden, ist vielleicht nicht einmal ein schlechtes Zeichen.

          Parreira sieht es als das größte Problem des südafrikanischen Fußballs, dass nach dem Gewinn der Afrika-Meisterschaft 1996 versäumt worden sei, ein vernünftiges Nachwuchskonzept auf die Beine zu stellen - von einem Verband, der sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem durch Machtkämpfe, Cliquenwirtschaft und fragwürdiges Finanzgebaren hervorgetan hat (und damit dem politischen Südafrika nicht unähnlich ist). Parreira, der Weltmann, der schon zum sechsten Mal an einer WM teilnimmt und 1994 mit Brasilien Weltmeister wurde, hat manches Mal unter dem Dilettantismus gelitten. Nach dem Turnier ist die Südafrika-Mission des Siebenundsechzigjährigen in jedem Fall beendet, das Angebot, als Trainer-Chefausbilder zu arbeiten, schlug er aus. „Ich möchte Südafrika in einem guten Zustand übergeben“, sagte Parreira kürzlich. Vom Goldpokal war dabei nicht die Rede.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.