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Fußball-Nationalmannschaft : Die Mängel des deutschen Sturms

Neuling Mark Uth mühte sich redlich, traf aber in Amsterdam auch nicht. Bild: EPA

Killerinstinkt? Fehlanzeige! Nur zehn Treffer in den zurückliegenden zwölf Länderspielen erzielte die deutsche Fußball-Auswahl. Es hapert im Angriff. Und die Aussichten sind nicht gerade gut.

          Es dauerte einen Augenblick, bis er seinen Platz gefunden hatte. Dezente Hinweise der Kollegen waren notwendig, ehe sich Mark Uth zwischen Toni Kroos und Matthias Ginter so aufgestellt hatte, dass das obligatorische Mannschaftsfoto vor dem Anstoß aufgenommen werden konnte. Durch weitergehende Anlaufschwierigkeiten fiel der Profi des FC Schalke auf dem Rasen nicht auf. Uth kam in Amsterdam zu seinem Debüt in der Nationalmannschaft, wobei seine Nominierung als weiteres Anzeichen gedeutet werden konnte, dass Joachim Löw die Neuausrichtung des Teams nach der WM-Blamage nicht unbedingt mit Hilfe einer Verjüngungskur vorantreiben will.

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          Der Stürmer wurde vor wenigen Wochen 27 Jahre alt. Gegen die Holländer war der Spätberufene redlich bemüht, sich für das Vertrauen des Bundestrainers zu revanchieren: Er war als zentraler Angreifer in einer Elf vorgesehen, die ansonsten zunächst Wert darauf legte, dass der Defensivverbund keine Lücken aufwies. Uth ließ sich nach einem Fehlpass bei seiner ersten Ballberührung nach 34 Sekunden nicht irritieren, zog im Folgenden viele Sprints an, blieb in Zweikämpfen standhaft und suchte den direkten Weg in den Strafraum. In der 20. Minute bot sich ihm eine gute Möglichkeit, bei der mehr drin gewesen wäre, wenn Timo Werner die Schussbahn eher freigemacht hätte.

          Doch der Leipziger setzte seine Reihe eifriger, aber erfolgloser Auftritte im Nationaltrikot fort, scheiterte selbst nach einer vielversprechenden Kombination (15.) genauso wie Thomas Müller, der zweimal zu unpräzise abschloss (18. und 38.). Für Mats Hummels lag der neuerliche Fehlschlag „eindeutig“ in der „fehlenden Chancenverwertung“ begründet, wie der Verteidiger im Anschluss an die Vorführung durch die Holländer behauptete: „Wir haben 0:3 verloren in einem Spiel, das wir meiner Meinung nach gewinnen müssen. Wir werden auf jeden Fall auf die Fresse kriegen, aber so viel haben wir uns nicht vorzuwerfen.“

          Nur zehn Treffer in den zurückliegenden zwölf Länderspielen sind eine der Ursachen, warum der Druck auf Löw und seine Leute zunimmt. „Wir haben nicht den Killerinstinkt“, stellte Torwart Manuel Neuer fest, der es eine „Riesenenttäuschung“ nannte, dass es nicht gelungen sei, die Niederlage abzuwenden, nachdem sich in der Vorbereitung auf den prestigeträchtigen Klassiker jeder „von der allerbesten Seite“ präsentiert habe: „Mir ist es ein bisschen unerklärlich, warum wir das nicht auf den Platz bekommen haben.“ Leichtigkeit und Selbstverständnis früherer Tage sind insbesondere Müller abhandengekommen. Für ihn war am Samstag mit seiner Auswechslung nach knapp einer Stunde vorzeitig Schluss, in der er höheren Ansprüchen nicht gerecht wurde.


          Es müllert nicht mehr in der Nationalmannschaft. Dem 29-Jährigen, der in der Vergangenheit bei vielen seiner bis heute 97 Länderspiele demonstrierte, dass ihm ein besonderer Instinkt im Abschluss zu eigen ist, setzt eine akute Schaffenskrise zu. Sein letzter von bislang 38 DFB-Treffern datiert aus dem März (beim 1:1 gegen Spanien). Die WM in Russland war nach der EM 2016 das zweite Turnier in Serie für den Routinier, bei dem der Goalgetter von gestern gänzlich leer ausging; am Triumph vor vier Jahren in Brasilien hatte er mit fünf Treffern noch entscheidenden Anteil. Müller, der ansonsten eigentlich nie um einen Spruch verlegen ist, verließ das Stadion in Amsterdam im Eilschritt – und kommentarlos.

          Löw sagte über den Münchner, dass er bei den Übungseinheiten den Eindruck vermittelt habe, dass er den „Ballast“, den die Lage beim FC Bayern mit sich bringe, habe abschütteln können: „Ich hatte das Gefühl, das ist der Müller, wie ich ihn kannte.“ Ein Trugschluss, wie Löw im Rückblick einräumen musste, und das habe wohl „mit dem angekratzten Selbstbewusstsein“ zu tun, unter dem gerade „viele Spieler“ zu leiden hätten. Auf Uth traf diese heikle Einschätzung nicht zu. Dem Neuling bescheinigte Löw bei der Aufzählung der wenigen Dinge, die ihn positiv stimmten, „dass er es im Training sehr gut macht und ein Näschen für Situationen hat“. Um an diesem Dienstag Weltmeister Frankreich beizukommen, braucht es aber insgesamt wesentlich mehr.

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