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Streit um die Kapitänsbinde : Grüße an Ballack

Stützen sie sich oder drücken sie sich? Lahm will Ballack (l., im August 2009) die Binde jedenfalls nicht feierlich überreichen Bild: dpa

Mit seinem untrüglichen Sinn für Timing hat Philipp Lahm unmittelbar vor dem Halbfinale am Mittwoch den Kampf um die Spielführerbinde eröffnet. Der WM-Kapitän möchte auch nach Ballacks Rückkehr Führungskraft bleiben.

          Philipp Lahm kann man Gefühl für Timing nicht absprechen. Auf dem Fußballplatz gibt es nicht viele Verteidiger, die in Sekundenbruchteilen so häufig die richtige Entscheidung treffen wie der deutsche Kapitän. Mal mit einem Steilpass Tempo machen, mal mit einen Schlenker hinten rum den Gegner ins Leere laufen lassen. Mal den Gegner blocken oder nur neben ihm herlaufen, um ihm seine Gefährlichkeit zu nehmen. Oder mal mit einer offensiven Attacke den entscheidenden Treffer einleiten oder gleich selbst das Tor machen. All das kann Philipp Lahm auf dem Fußballplatz, und deswegen ist er vor dem Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Spanien (Mittwoch, 20.30 Uhr/ live im ZDF und FAZ.NET-WM-Liveticker) auch eine der Säulen, auf die es ankommen wird gegen die vielleicht beste Mannschaft der Welt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das Gefühl für das richtige Timing hat Lahm zuletzt auch jenseits des Platzes bewiesen. Vor der Weltmeisterschaft, als nach dem Ausfall von Michael Ballack die zweifelnde Nation das junge Team am liebsten von der Weltmeisterschaft abgemeldet hätte, ergriff der Interimskapitän das Wort und sagte: „Das ist die beste Nationalmannschaft, in der ich je gespielt habe.“ Es war ein Zeichen, das in der jungen Mannschaft großen Eindruck machte.

          Einen Tag vor dem letzten Duell, das die Nationalelf vom Endspiel trennt, hat Lahm wiederum pünktlich für Aufsehen gesorgt: Nachdem er erst den jungen Spielern Mut machte, möchte er jetzt auch noch Ballack entmachten. „Es ist doch klar, dass ich die Kapitänsbinde gerne behalten möchte. Die Rolle auf dem Platz erfülle ich seit mehreren Jahren, die habe ich im Griff. Dann will man sich auch um mehr kümmern, mehr Verantwortung übernehmen. Das habe ich jetzt hier gemacht. Warum soll ich dann das Kapitänsamt wieder freiwillig zur Verfügung stellen“, sagte Lahm gegenüber mehreren Boulevardblättern.

          Du kriegst meine Binde nicht! Ballack (l.) will wieder Kapitän werden, Lahm will das Amt behalten

          Ausdruck eines enorm gewachsenen Selbstbewusstseins

          Die Revolte gegen den alten, angeschlagenen Boss am Tag vor dem Halbfinale wirft einige Fragen auf, und es waren im Lager des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sofort verschiedene Interpretationen im Umlauf, was Lahms Attacke bedeuten mag. Oliver Bierhoff befand in der Abschlusspressekonferenz in Pretoria, dass der Zeitpunkt von Lahms Vorstoß nicht „glücklich“ sei. „In der wichtigsten Woche der WM müssen die sportlichen Dinge im Vordergrund stehen.“ Er bedauerte, dass aus den Aussagen des Münchners nun ein Machtkampf „missinterpretiert“ werde, der natürlich nichts anderes ist als ein Machtkampf.

          Aber so wie man das junge Team in den vergangenen Wochen erleben konnte, kann man kaum glauben, dass Lahm mit seinem Alleingang nicht auch eine interne Stimmung artikulierte, die seit Wochen zu spüren ist, aber über die öffentlich nur in Andeutungen geredet wurde. Die Abwesenheit des jahrelang herrschenden und beherrschenden Kapitäns empfinden einige Spieler wie eine Befreiung, die flache Hierarchie mit der Verantwortungsteilung auf ganz viele verschiedene Schultern als einen entscheidenden Faktor für den Erfolg. Die Verantwortung, die Ballack in der Vergangenheit übernahm und auch an sich zog, hat vielfältige Kräfte freigesetzt, von denen der Bundestrainer und auch die Spieler zu Beginn gar nicht so genau wussten, wie weit sie tatsächlich tragen würden.

          Den demonstrativen Anspruch, die Dinge auch ohne Ballack regeln zu können, kann man auch als Ausdruck eines enorm gewachsenen Selbstbewusstseins einer Mannschaft lesen, die sich ihre Grenzen nur noch selbst setzt - und sich stark genug fühlt, es nicht nur mit England, Argentinien, Spanien und was dann noch kommen könnte aufzunehmen, sondern auch mit der deutschen Leitfigur der vergangenen Dekade.

          Merkwürdige Presseerklärung

          An Indizien, dass der jahrelang Unentbehrliche derzeit wie ein Fremdkörper wirkt, dass der bei der EM 2008 so Autoritäre den „Twentysomethings“ in diesen Tagen wie ein Anachronismus vorkommt, fehlt es nicht. Arne Friedrich hielt die ständigen Fragen über den Verlust von Ballack zu Turnierbeginn schon früh für Gequatsche. Klar ist auch, dass man im Mannschaftsrat mit Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker, Friedrich und Klose nicht die besten Freunde Ballacks findet, sondern Kollegen, die er seine Überlegenheit in der Vergangenheit immer wieder spüren ließ. Am Dienstag konnte man sich des Eindrucks kaum mehr erwehren, dass Ballack derzeit bei der Nationalmannschaft einfach fehl am Platz wirkt.

          Knapp 24 Stunden vor dem Halbfinale verbreitete der DFB eine Pressemitteilung über seinen überraschenden Abschied aus dem Quartier. Der Verband teilte mit, die Neuerwerbung von Bayer Leverkusen lasse die Behandlung seines verletzten Knöchels nun in Deutschland weiterführen, und da der Heilungsprozess so große Fortschritte mache, wären für den gesteigerten Trainingsumfang die „notwendigen Rahmenbedingungen“ nicht gegeben - was auch immer das heißen mag in einem Umfeld, das für seine exzellente Arbeit mit verletzten, angeschlagenen und rekonvaleszenten Profis weltweit gerühmt wird.

          Ballack sucht nach seine neuen Rolle

          Der Wirklichkeit und der Machtverschiebung dürfte man ein bisschen näher kommen, wenn man die Erklärung liest, die der Kapitän selbst zu seinem Abschied verbreitete: „Der Fokus der medizinischen Abteilung des DFB liegt derzeit ganz klar auf dem Team, dafür haben Ärzte und Physiotherapeuten in den vergangenen Tagen fast rund um die Uhr gearbeitet.“ Mit anderen Worten: Für Ballack ist derzeit kaum oder gar kein Platz in der Nationalelf. Es passt ins Bild, dass der buchstäbliche Kapitän a.D. in Südafrika bisher jedes Interview vermied, ganz offenbar, weil er auch nicht genau weiß, welchen Ton er unter den veränderten Bedingungen anschlagen soll.

          Der große Anführer der vergangenen Turniere muss erst seine neue Rolle finden. Dass er nach der Weltmeisterschaft nicht mehr als Nummer eins wiederkehren wird, hat Lahm nun sehr deutlich gemacht. „Freiwillig werde ich sie ganz sicher nicht abgeben“, sagte er auf die Frage, ob er die Kapitänsbinde nach der WM wieder feierlich an Ballack überreichen werde. „Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein.“ Lahms Timing, das Kapitänsamt auf dem Höhepunkt der Begeisterung und Anerkennung indirekt zu fordern, ist in eigener Sache jedenfalls perfekt, und die Mannschaft dürfte die Ballack-Diskussion am Tag vor dem Spiel nicht negativ berühren - genau wie schon seine punktgenau plazierte Kritik in dieser Saison an der Bayern-Führung.

          Schweinsteiger wird ebenfalls Ansprüche anmelden

          Wie wird es nach der WM weitergehen? „Platz ist immer da. Michael ist ein guter Spieler. Alles andere wird man nach der WM sehen“, sagte Lahm. Und auf die Frage, ob die Nationalelf Ballack überhaupt noch brauche, sagte Lahm kühl: „Es steht mir nicht zu, dass ich bei dieser Frage Ja oder Nein sage.“ Ach, so.

          Schweinsteiger wird seine Führungsrolle im Mittelfeld jedenfalls nicht mehr an Ballack abtreten. Und selbst Nachrücker Sami Khedira wird man gute Gründe nennen müssen, weshalb er seine „Sechser“-Position räumen sollte, auf der er doch in beeindruckender Weise mithalf, das Halbfinale zu erreichen. Ganz zu schweigen, falls die junge Mannschaft tatsächlich das Endspiel erreichen sollte - oder gar als Weltmeister heimkehrt.

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