https://www.faz.net/-gtl-6k33a

Streit um die Kapitänsbinde : Grüße an Ballack

Merkwürdige Presseerklärung

An Indizien, dass der jahrelang Unentbehrliche derzeit wie ein Fremdkörper wirkt, dass der bei der EM 2008 so Autoritäre den „Twentysomethings“ in diesen Tagen wie ein Anachronismus vorkommt, fehlt es nicht. Arne Friedrich hielt die ständigen Fragen über den Verlust von Ballack zu Turnierbeginn schon früh für Gequatsche. Klar ist auch, dass man im Mannschaftsrat mit Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker, Friedrich und Klose nicht die besten Freunde Ballacks findet, sondern Kollegen, die er seine Überlegenheit in der Vergangenheit immer wieder spüren ließ. Am Dienstag konnte man sich des Eindrucks kaum mehr erwehren, dass Ballack derzeit bei der Nationalmannschaft einfach fehl am Platz wirkt.

Knapp 24 Stunden vor dem Halbfinale verbreitete der DFB eine Pressemitteilung über seinen überraschenden Abschied aus dem Quartier. Der Verband teilte mit, die Neuerwerbung von Bayer Leverkusen lasse die Behandlung seines verletzten Knöchels nun in Deutschland weiterführen, und da der Heilungsprozess so große Fortschritte mache, wären für den gesteigerten Trainingsumfang die „notwendigen Rahmenbedingungen“ nicht gegeben - was auch immer das heißen mag in einem Umfeld, das für seine exzellente Arbeit mit verletzten, angeschlagenen und rekonvaleszenten Profis weltweit gerühmt wird.

Ballack sucht nach seine neuen Rolle

Der Wirklichkeit und der Machtverschiebung dürfte man ein bisschen näher kommen, wenn man die Erklärung liest, die der Kapitän selbst zu seinem Abschied verbreitete: „Der Fokus der medizinischen Abteilung des DFB liegt derzeit ganz klar auf dem Team, dafür haben Ärzte und Physiotherapeuten in den vergangenen Tagen fast rund um die Uhr gearbeitet.“ Mit anderen Worten: Für Ballack ist derzeit kaum oder gar kein Platz in der Nationalelf. Es passt ins Bild, dass der buchstäbliche Kapitän a.D. in Südafrika bisher jedes Interview vermied, ganz offenbar, weil er auch nicht genau weiß, welchen Ton er unter den veränderten Bedingungen anschlagen soll.

Der große Anführer der vergangenen Turniere muss erst seine neue Rolle finden. Dass er nach der Weltmeisterschaft nicht mehr als Nummer eins wiederkehren wird, hat Lahm nun sehr deutlich gemacht. „Freiwillig werde ich sie ganz sicher nicht abgeben“, sagte er auf die Frage, ob er die Kapitänsbinde nach der WM wieder feierlich an Ballack überreichen werde. „Aber das wird die Entscheidung des Bundestrainers sein.“ Lahms Timing, das Kapitänsamt auf dem Höhepunkt der Begeisterung und Anerkennung indirekt zu fordern, ist in eigener Sache jedenfalls perfekt, und die Mannschaft dürfte die Ballack-Diskussion am Tag vor dem Spiel nicht negativ berühren - genau wie schon seine punktgenau plazierte Kritik in dieser Saison an der Bayern-Führung.

Schweinsteiger wird ebenfalls Ansprüche anmelden

Wie wird es nach der WM weitergehen? „Platz ist immer da. Michael ist ein guter Spieler. Alles andere wird man nach der WM sehen“, sagte Lahm. Und auf die Frage, ob die Nationalelf Ballack überhaupt noch brauche, sagte Lahm kühl: „Es steht mir nicht zu, dass ich bei dieser Frage Ja oder Nein sage.“ Ach, so.

Schweinsteiger wird seine Führungsrolle im Mittelfeld jedenfalls nicht mehr an Ballack abtreten. Und selbst Nachrücker Sami Khedira wird man gute Gründe nennen müssen, weshalb er seine „Sechser“-Position räumen sollte, auf der er doch in beeindruckender Weise mithalf, das Halbfinale zu erreichen. Ganz zu schweigen, falls die junge Mannschaft tatsächlich das Endspiel erreichen sollte - oder gar als Weltmeister heimkehrt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.