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Amerikanischer Fußball : Wer verdient hier mehr?

  • -Aktualisiert am

Bei der WM das beste Team: die Vereinigten Staaten um Megan Rapinoe (links) und Alex Morgan Bild: AP

Amerikas Fußballchef behauptet, das Frauenteam habe erhalten mehr als die Männer. Die Fußballerinnen widersprechen scharf. Der Streit um gleiche Bezahlung könnte sich sogar auf die Nordamerika-WM 2026 auswirken.

          Bei seiner Rede vor zwei Wochen auf den Stufen des Rathauses von New York wirkte der Präsident des amerikanischen Fußballverbandes nicht gerade wie jemand, der sich für alle Details seines Jobs interessiert. Carlos Cordeiro war zwar wochenlang mit der Frauen-Nationalmannschaft bei der WM in Frankreich unterwegs gewesen. Aber wie man den Nachnamen der Spielführerin seines Teams korrekt ausspricht, hatte er dabei nicht aufgeschnappt. Der von Megan Rapinoe – Torschützenkönigin des Turniers, Symbolfigur einer politischen Konfrontation mit dem Mann im Weißen Haus und selbstbewusstes Sprachrohr im Kampf der Frauen um bessere Bezahlung – wird auf der zweiten Silbe betont. Der Funktionär legte das Gewicht auf die erste.

          Wie unbeholfen er bei dem Versuch wirkte, sich im Glanze des Erfolges mit dem Ausstellungsstück seiner Organisation zu aalen, wurde denn auch überall in den amerikanischen Medien notiert. Ebenso wie seine Erklärung, wonach er und der Vorstand darum bemüht seien, sich im anhängigen Streit ums Geld „anständig zu verhalten“. Seine Losung lautete: „Alle Sportlerinnen verdienen eine faire und gleichberechtigte Behandlung.“ Wie so etwas tatsächlich zu verstehen ist, demonstrierte Cordeiro am Montag in einem offenen Brief an die Mitglieder von US Soccer. In dem stellte er die überraschende Behauptung auf, dass die Mitglieder des Frauen-Teams zwischen 2010 und 2018 Vergütungen von insgesamt 34,1 Millionen Dollar an Gehältern, Spielboni und anderen Zahlungen erhalten hätten. Den Männern hingegen seien in diesem Zeitraum lediglich 26,4 Millionen Dollar zugutegekommen. Merke: Die Frauen werden schon jetzt besser entlohnt als die Männer.

          Die Zahlen, so hieß es, seien das Ergebnis einer internen Analyse. Deren Resultate hatte man allerdings noch nicht zur Hand, als insgesamt 28 betroffene Fußballerinnen im März ihre schon länger angekündigte gemeinschaftliche Zivilklage gegen den Verband vor dem Bundesdistriktgericht in Los Angeles einreichten. Die Spielerinnen hatten keine andere Möglichkeit mehr gesehen, ihre Forderung auf Gleichbehandlung durchzudrücken, weil sich der Verband „beharrlich weigert“, sie genauso zu behandeln wie die Männer. Ein pikanter Vorwurf, denn die Frauen sind Weltspitze. Die Männer schafften zuletzt nicht mal die WM-Qualifikation.

          Spielerinnen weisen Bericht als „grundfalsch“ zurück

          Eine Sprecherin der Spielerinnen wies am Montag das Papier als „grundfalsch“ und als „Finte“ zurück und machte darauf aufmerksam, dass die Organisation seit Jahren „wiederholt zugegeben“ habe, dass sie „Frauen nicht gleichwertig bezahlt“. Davon abgesehen fiel jedoch vor allem eines an dem Vorstoß auf: US Soccer hatte ganz offensichtlich vermieden, sich in den Wochen vor dem WM-Turnier substantiell zum Thema zu äußern. Mehr noch: Cardeiro, so ergab sich aus einem Journalisten zugespielten Austausch von E-Mails, hatte sich in jener Zeit beharrlich jedem direkten Gespräch mit den Spielerinnen entzogen. Man setzte offensichtlich lieber auf Zeit und ging auf diese Weise dem Risiko einer Kollision aus dem Weg. Der von Rapinoe angeführte, selbstbewusste Kader hatte etwa bereits vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit einem Streik gedroht und den nur deshalb wieder abgeblasen, weil die tarifvertragliche Vereinbarung mit dem Verband den Arbeitskampf ausdrücklich ausschloss.

          Fragen nach der Gleichbehandlung von Frauen und Männern sind jedoch nicht vom Tisch. US Soccer kann als gemeinnützige und steuerbefreite Organisation nicht einfach das amerikanische Arbeitsrecht ignorieren. Und schon gar nicht den Washingtoner Kongress in seiner Aufsichtsrolle. So brachten zwei Abgeordnete des Repräsentantenhauses vor wenigen Tagen einen Gesetzentwurf ein, der Bundeszuschüsse für das an die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko vergebene WM-Turnier von 2026 blockieren soll, solange die Frauen nicht gleichberechtigt behandelt werden. „Die Frauen haben die ganze Welt und das ganze Land zusammengebracht“, sagte Doris Matsui, eine der beiden Politikerinnen hinter der Initiative. „Das muss auf angemessene Weise anerkannt werden. Und sie müssen die gleiche Bezahlung erhalten.“

          Das Argument versucht der Verband inzwischen vor allem dadurch zu unterminieren, dass er behauptet, die sportlich erfolgreicheren Frauen, die bei der WM in Frankreich zum vierten Mal den Titel holen konnten, in den vergangenen acht Jahren nicht nur mehr verdient hätten als die Männer, sondern auch weniger eingespielt. So hätten die Frauen zwischen 2009 und 2019 bei insgesamt 238 ausgetragenen Spielen 101,3 Millionen Dollar generiert, während die Männer im selben Zeitraum 185,7 Millionen Dollar erzielen konnten. Und das in nur 191 Spielen.

          Tatsächlich kommt es bei der Interpretation des Datenmaterials auf den Blickwinkel an. Verbandsinterne Unterlagen besagen nach einem Bericht im „Wall Street Journal“, dass die Frauen in den vergangenen drei Jahren höhere Einnahmen als die Männer erwirtschaftet haben. Und dass die Einschaltquoten damit einhergehen. Das letzte Mal, dass die Männer ähnlich großen Publikumszuspruch erzielen konnten, war bei der WM 2014.

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