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Straßenfußball für Flüchtlinge : Für einen Moment die Probleme vergessen

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Auf dem Platz ist egal, wer welche Sprache spricht. Bei buntkicktgut zählt vielmehr das gemeinsame Fußballspielen. Bild: Sebastian Schulke

Sport verbindet – buntkicktgut bietet die Möglichkeit dazu. Die Straßenfußball-Liga engagiert sich seit langem in der Flüchtlingsarbeit. Doch wie hat sich die Arbeit seit dem vergangenen Jahr geändert?

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          Ein Jahr ist es nun her, dass der Flüchtlingszuzug in Deutschland massiv anstieg und freiwillige Helfer vor große Herausforderungen stellte. Viel wurde geschrieben und geurteilt. Doch wie sieht es ein Jahr später aus? Rüdiger Heid, kurz Rudi oder einfach Papa gerufen, ist der Gründer von buntkicktgut – der integrativen Straßenfußball-Liga. Das Projekt engagiert sich schon seit Jahren in der Flüchtlingsarbeit für Jugendliche unterschiedlicher kultureller und nationaler Herkunft. Entstanden ist es vor etwa 20 Jahren aus der Idee, eine Betreuungsmöglichkeit für Kinder und Jugendliche zu schaffen. So sollen sie Struktur im Alltag durch kontinuierliches Training bekommen. Ob Afghane, Jamaikaner, Kongolese, Tunesier oder Türke – in der Straßenliga kann eine Mannschaft bunt aussehen. „Es kommen keine Massen zu uns, sondern einzelne Menschen“, sagt Heid. Dabei sei es wichtig, hinter jeder Fluchtgeschichte auch die Biografie zu sehen.

          Der Alltag der Streetworker hat sich, seit die Zahl der Flüchtlinge anstieg, nicht geändert: „Der Anteil der tatsächlichen Arbeit mit Flüchtlingen und Asylsuchenden beträgt inzwischen lediglich ein Drittel“, sagt Mathias Groeneveld, stellvertretender Projektleiter und Koordinator. Durch die jahrelange Erfahrung in Flüchtlingsheimen hat sich im Team eine Expertise aufgebaut – besonders die jüngeren Mitarbeiter haben einen sehr guten Draht zu Jugendlichen aus Flüchtlingsunterkünften. Oft zeigt ihre Biografie selbst Parallelen zu den heutigen Schicksalen. „So etwas verbindet und schafft schnell Vertrauen zu uns“, meint Groeneveld.

          Sport kennt auch Grenzen

          Die psychologische Verantwortung für Minderjährige will er jedoch nicht übernehmen. „Fußball bringt Struktur in ihren Alltag und gibt ihnen die Möglichkeit, sich richtig auspowern zu können.“ Die Betreuung und Traumahilfe in Flüchtlingsheimen übernehmen professionelle Psychologen. Doch die Integration durch den Sport kennt seine Grenzen: Verschließt sich ein Jugendlicher oder entwickelt innerhalb kürzester Zeit radikale Ansichten, hilft auch der gemeinsame Sport nicht. Der Straßenfußball soll ihnen helfen, ihre traumatischen Bilder und Probleme für einen Moment auf dem Platz zu vergessen – und zugleich Vorurteile gegenüber fremden Kulturen abzubauen und womöglich Freundschaften zu schließen. So sind Flüchtlingsmannschaften unter anderem auch in das Straßenfußballliga-System integriert.

           Street Football Worker (vorne) dienen oft auch durch eigene Schicksale als Vorbild für jüngere Spieler.
          Street Football Worker (vorne) dienen oft auch durch eigene Schicksale als Vorbild für jüngere Spieler. : Bild: Sebastian Schulke

          Gestartet in München konnte sich das Projekt inzwischen auf weitere Städte ausweiten. Neben der bayrischen Hauptstadt sind Berlin, Würzburg, Niederbayern, Dortmund und selbst Basel in dem Projekt vernetzt. Das Außergewöhnliche dabei: Der stetige Ligabetrieb, die Wettbewerbe und Regeln werden von den Jugendlichen selbst bestimmt. „Als Street Football Worker können Jugendliche selbst Verantwortung in ihren Stadtteilen und Quartieren für jüngere Teilnehmer und ganze Teams übernehmen“, erklärt Heid. „Diejenigen, die sich engagiert zeigen und durch Eigenverantwortung und Zuverlässigkeit auszeichnen, werden zu Referees ausgebildet und dürfen somit im Liga-Rat mitbestimmen“, ergänzt Groeneveld. Hier wird über Regeländerungen, das Sperren von unfairen Spielbegegnungen und die Organisation von Turnieren diskutiert. Die Verantwortung liegt dabei bei den Jugendlichen selbst, so lernen sie zu argumentieren und sich konstruktiv mit Konflikten auseinanderzusetzen.

          „Natürlich Kastriot Shabani.“ Auf die Frage, welcher Mensch ihm über die Jahre am meisten im Gedächtnis geblieben sei, antwortet Rüdiger Heid mit einem Namen. Als einer der ersten Kinder kam der damals 13 Jahre alte Junge zu buntkicktgut. „Er war ein super Fußballer und hatte richtig Ambitionen. Sogar  in die Bayernliga schaffte er es und eine Profi-Laufbahn wäre durchaus möglich gewesen“, erzählt Heid über seine Anfänge.  Bis ein Autounfall ihn aus der Bahn warf. „Der Kontakt war immer intensiv aber auch wellenhaft, abgerissen ist er bis heute nicht. Er war immer mit vollem Herzen dabei, auch wenn er mal länger nichts von sich hören ließ“. Shabani ist inzwischen 33 Jahre alt und hat trotz schlechter Schulausbildung ein Kleinunternehmen gegründet. „Ich bewundere ihn, wie er das geschafft hat.“

          Stattliches Gesamtwerk an Entschuldigungsbriefen

          Doch es gibt auch Fälle, die nicht glücklich endeten. Besonders die Anfangsjahre waren geprägt durch gescheiterte Geschichten. In Problemszenen aufgewachsen und durch das falsche Umfeld ins Drogenmilieu gekommen – der Charakter doch zu schwach. So gibt es auch Jugendliche, die abstürzten, abgeschoben wurden oder strafrechtlich auffielen. In diesen Fällen hilft auch das soziale Umfeld nicht. Heid meint: „Es hängt von dir ab, du entscheidest“. Jugendlichen, die auffällig werden, wird überlassen, ob sie weiterhin in der Liga – ihrer „kleinen Gang“ und sozialem Umfeld – bleiben wollen. Erst nach einer schriftlichen Entschuldigung oder Erklärung in Form eines Briefes dürfen sie wieder mitspielen. „Die meisten Spieler brennen darauf, wieder dabei sein zu können. Über die Jahre hat sich eine stattliches Gesamtwerk an Entschuldigungsbriefen angesammelt“, sagt Heid lachend.

          Auch ein Jahr später haben sich Probleme in den Flüchtlingsunterkünften nicht in Luft aufgelöst. Das zu erwarten wäre auch unrealistisch. Doch Sportprojekte wie buntkicktgut geben einen Impuls und helfen im Kleinen: Starkgewordene Jugendliche dienen als Vorbilder für Minderjährige, indem sie ihre Einstellung weitergeben und so schlechten Einflüssen entgegenwirken.

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