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Geheime Treffen von Infantino : Strafverfahren gegen Fifa-Präsident eröffnet

  • -Aktualisiert am

Verhängnisvolle Treffen: Der Staatsanwalt erhebt schweren Verdacht gegen Gianni Infantino. Bild: dpa

Gut ein Jahr nach seiner Wiederwahl als Fifa-Präsident gerät Gianni Infantino weiter in Erklärungsnot. Die Schweizer Staatsanwaltschaft eröffnet ein Strafverfahren. Es geht um geheime Treffen.

          3 Min.

          Schon einige Male seit seiner Wahl zum Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) im Jahr 2016 ist es für Gianni Infantino eng geworden. Immer wieder geriet der 50 Jahre alte Funktionär aus dem Wallis aufgrund seines undurchsichtigen Führungsstils und dubioser Machenschaften schwer in die Kritik. Doch nie zuvor musste er so um seine Position an der Fifa-Spitze fürchten wie jetzt. Stefan Keller, der von einer Schweizer Aufsichtsbehörde eingesetzte außerordentliche Staatsanwalt des eidgenössischen Bundes, hat ein Strafverfahren gegen Infantino eröffnet.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach der Prüfung mehrerer Strafanzeigen ist Keller zu dem Schluss gekommen, dass im Zusammenhang von Treffen Infantinos mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber und dem Walliser Oberstaatsanwalt Rinaldo Arnold Anzeichen für ein strafbares Verhalten bestehen. Es gehe um Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses, Begünstigung und die Anstiftung zu diesen Tatbeständen, teilte die Aufsichtsbehörde, welche die Schweizer Bundesanwaltschaft kontrolliert, am Donnerstag mit.

          Gespräche mit Lauber und Arnold

          Stein des Anstoßes sind die informellen, nicht protokollierten Gespräche von Infantino mit Lauber und Arnold, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen rund um die verschiedenen Fifa-Korruptionsverfahren standen – auch hinsichtlich der Vergaben der Weltmeisterschaften an Russland (2018) und Qatar (2022). Lauber sah sich in der vergangenen Woche gezwungen, zu Ende August aus dem Amt auszuscheiden, nachdem das Schweizer Bundesverwaltungsgericht dem langjährigen Bundesanwalt ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt hatte.

          Die Aussagen der Gesprächsteilnehmer, wonach sie sich allesamt an ihr drittes informelles Treffen im Juni 2017 partout nicht erinnern können, hielten die Richter für unglaubwürdig. Im Urteil vom vergangenen Freitag vertraten sie die Ansicht, dass Lauber dieses Treffen gegenüber der Aufsicht bewusst verschwiegen und damit seine Amts- und Treuepflicht schwer verletzt habe. Der Ende Juni eingesetzte Sonderstaatsanwalt Keller will auch gegen Lauber ein Strafverfahren eröffnen. Zuvor muss diesem vom Parlament die Immunität entzogen werden.

          In den vergangenen Wochen war bereits spekuliert worden, dass Infantino als Fifa-Präsident zurücktreten müsse, sobald ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet werde. So war es auch seinem Vorgänger Joseph Blatter ergangen. Nach Einschätzung des Basler Strafrechtlers und Anti-Korruptions-Experten Mark Pieth, der vor Infantino mehrere Jahre als Governance-Beauftragter der Fifa eingesetzt war, könnte dieser Automatismus aber inzwischen hinfällig geworden sein. Es könne sein, dass die Fifa die entsprechenden Regeln geändert habe, sagte Pieth der F.A.Z. Infantino hatte zwischenzeitlich für die Absetzung wichtiger Kontrolleure im Verband gesorgt. Blatter war im Jahr 2015 von der damaligen Fifa-Ethikkommission wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung für 90 Tage gesperrt worden. Das Strafverfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft gegen den früheren Patron läuft immer noch.

          „Für mich ist diese ganze Sache absurd“

          Gerade erst hatte sich Infantino zuversichtlich gezeigt und die Treffen als notwendig dargestellt. Im vergangenen Jahr war er wiedergewählt worden. „Für mich ist diese ganze Sache absurd“, sagte er. Sich mit dem Bundesanwalt der Schweiz zu treffen sei absolut legitim und legal. Es sei kein Verstoß gegen irgendetwas. Von der Fifa gab es zunächst keine Reaktion. Anfang Juni hatte der Verband sämtliche Vorwürfe gegen seinen Präsidenten zurückgewiesen. Dieser habe nichts falsch gemacht, indem er Herrn Lauber getroffen habe. „Gianni Infantinos Motivation war, den Schweizer Behörden jegliche Unterstützung anzubieten.“

          Infantino stand seit Beginn seiner Amtszeit als Fifa-Präsident in der Kritik. Mal ging es um private Anschaffungen auf Kosten des Verbandes und fragwürdige Flüge in Privatjets. Dann intrigierte er gegen Kontrolleure des Verbandes, die ihm nicht genehm waren, und sorgte dafür, dass diese nach und nach aus der Fifa gedrängt wurden. Aufregung verursachte sein angebliches Vorhaben, Teile der Fifa mit den lukrativen Turnieren in ein dubioses Konsortium auszugliedern, an dem Spekulationen zufolge auch Saudi-Arabien beteiligt werden sollte. Es ging um einen Deal von 25 Milliarden Dollar. In der Sportpolitik stieg Infantino auf, das Internationale Olympische Komitee machte ihn erst im Januar zum Mitglied.

          Pieth nannte Infantino den „neuen Fifa-Diktator“. Vergangenes Jahr hatte der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes Theo Zwanziger aufgrund der merkwürdigen Verbindungen zu den Staatsanwälten in der Schweiz Strafanzeige gegen Infantino gestellt, die von der dortigen Bundesanwaltschaft abgewiesen wurde. Zwanziger war einer von vier Angeklagten im Sommermärchen-Prozess um die WM 2006, den Laubers Bundesanwaltschaft vor dem Schweizer Bundesstrafgericht geführt hatte. Die Vorwürfe verjährten im April.

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