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Wolfgang Steubing : Eintracht Frankfurt hat neuen Aufsichtsratschef

Hat jetzt in ganz offizieller Mission ein gewichtiges Wort: Wolfgang Steubing führt den neuen Aufsichtsrat der Eintracht. Bild: Wonge Bergmann

Der Börsenmakler und Mäzen Wolfgang Steubing ist zum neuen Aufsichtsratschef der Eintracht gewählt worden. Vor allem bei einer wichtigen Entscheidung sind die Vereinskontrolleure unter seiner Führung nun gefragt.

          4 Min.

          Jetzt ist es offiziell. Der neue Aufsichtsratschef der Eintracht Frankfurt Fußball AG heißt Wolfgang Steubing. Eine Überraschung ist dies nicht, galt doch der 65 Jahre alte Börsenmakler als großer Favorit für die Nachfolge des nicht mehr kandidierenden Wilhelm Bender. Ein Zufall war es auch nicht, dass die entscheidende Hauptversammlung der Eintracht-Aktionäre dort stattfand, wo seit Jahrzehnten das Herz des ersten Klubs der Stadt schlägt: am Riederwald, dem Geschäftsstellensitz des Muttervereins Eintracht und der Heimat des Nachwuchs-Leistungszentrums. Am späten Montagabend, als nach gut vierstündiger Sitzung das neue, wie bisher neun Personen umfassende Kontrollgremium gebildet war, stellte sich der große Frankfurter Mäzen Steubing erstmals in offizieller Funktion der wartenden Presse. Begleitet wurde er vom Mehrheitsgesellschafter der Eintracht-AG, Präsident Peter Fischer.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Nicht nur der langjährige Fraport-Chef Bender hat am 8. Juni den Aufsichtsrat verlassen. Auch Dietmar Schmid von der BHF-Bank und der ehemalige Frankfurter Bürgermeister Achim Vandreike sind ausgeschieden. Wieder geschlossen wurden die Reihen durch die Berufung von Eintracht-Vizepräsident Dieter Burkert, dem Vorstandsvorsitzenden der Helaba, Hans-Dieter Brenner, sowie dem BHF-Vorstand Frank Behrends.

          „Ich alleine werde keine Pflöcke einschlagen, um mit Eintracht Frankfurt erfolgreich zu sein. Ich bin ein Teamplayer, der gemeinsam Ideen entwickelt. Wir wollen eine tragfähige, nachhaltige Geschäftspolitik betreiben“, sagte Steubing. Er erinnerte zudem daran, „dass 2016/2017 die TV-Gelder explodieren werden. Da wollen wir dabei sein, und als Aufsichtsratsvorsitzender darf man auch von der Europa League träumen. Bordeaux, das war schon toll.“ Kernpunkte der zukünftigen Arbeit sollen die „werthaltige Weiterentwicklung des Kaders sein, die Einbringung des Nachwuchsbereichs. Zudem wollen wir die Kapitalbasis stärken. Es wird tragfähiges Eigenkapital in Form von Genussscheinkapital sein.“

          Auch die Frage des Stadionbetriebs liegt Steubing am Herzen. „Wir müssen mal ins Rathaus gehen und fragen, ob wir vor 2020 was machen können.“ Bei der Suche nach einem Trainernachfolger für Thomas Schaaf sieht Steubing ebenso wie Präsident Fischer den Vorstand in der Pflicht. „Das Zeitfenster ist festgelegt“, sagte Fischer. „Der Vorstand ist vorbereitet. Und auch mit der Nachfolge von Heribert Bruchhagen werden wir sauber und seriös umgehen.“

          Unveränderte Besitzverhältnisse

          Mit an Bord des Kontrollgremiums sind schon seit der vergangenen Amtsperiode neben Vereinspräsident Fischer, Schatzmeister Thomas Förster und Steubing auch Goldman Sachs-Aufsichtsrat Philip Holzer, Claudio Montanini, der Vorsitzende des Marketing Club Frankfurt, und der langjährige VR-Leasing-Vorstandschef Reinhard Gödel. Unverändert geblieben sind die Besitzverhältnisse der Eintracht-AG. Der Mutterverein hält 62,9 Prozent der Anteile, die sogenannten Freunde der Eintracht, zu denen das Bankhaus Metzler, die Landesbank Hessen-Thüringen, die BHF-Bank und die DZ-Bank gehören, besitzen ein Aktienpaket in Höhe von 28,5 Prozent. Hinzu kommen nochmals die BHF-Bank (5 Prozent) und die Wolfgang Steubing AG mit einem Stimmenanteil von 3,6 Prozent.

          Steubing gibt gerne und viel Geld

          Der Aufsichtsrat ist das höchste Gremium im Profifußball der Eintracht-AG. Er beruft Vorstände, die für das operative Geschäft zuständig sind. So obliegt es den neuen, alten Räten, in absehbarer Zeit über die Nachfolge des im September 67 Jahre alt werdenden Heribert Bruchhagen zu befinden. Der Vertrag des Vorstandsvorsitzenden, der dann auf eine knapp dreizehnjährige Amtszeit zurückblicken kann, endet am 30. Juni 2016. Als einer der Kandidaten für den freiwerdenden Chefposten wird immer wieder Armin Veh genannt, der als möglicher Seitenwechsler den Sprung von der vertrauten Trainerbank auf den unbekannten Vorstandssessel vollziehen könnte.

          Steubing, der neue Chef des Aufsichtsrates, schätzt Veh seit seiner Zeit als Eintracht-Trainer (2011 bis 2014). Dass die Eintracht fortan auch in offizieller Mission von Steubing vertreten wird, dürfte vor allem in der Frankfurter Stadtgesellschaft auf Wohlgefallen stoßen. Steubing gibt gerne und viel Geld, so schon 2006, als zur Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland die Frankfurter Hochhäuser angestrahlt wurden. Für den neuen Campus der Frankfurt School of Finance and Management hat er eine Million Euro gespendet, der Senckenberg-Gesellschaft hat er eine temporäre Ausstellungshalle geschenkt.

          Auch für die Spendenaktion dieser Zeitung, als sie einmal für die Praunheimer Werkstätten sammelte, also für jenen Stadtteil, in dem Steubing aufgewachsen ist, hat er großzügig sein Portemonnaie geöffnet. Steubing hat den Frauen-Fußballklub 1. FFC Frankfurt gefördert und ist bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe engagiert. Die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt gab es für ihn schon im Jahr 2000, zehn Jahre später wurde Steubing mit der erstmals verliehenen Arthur-von-Weinberg-Plakette ausgezeichnet. Beruflich hat Steubing sein Handwerk bei der Commerzbank gelernt, wo er später für den Handel mit ausländischen Aktien verantwortlich war.

          Zum Zwanzigjährigen kam Gorbatschow

          1987 hat er sein eigenes Unternehmen gegründet, das er zwölf Jahre später in eine AG umwandelte. Zum zwanzigjährigen Bestehen kam Michail Gorbatschow und hielt eine Rede. Reden halten, das muss der einstige Präsident von Rot-Weiss Frankfurt, der 1990 vergeblich an das Tor zur Zweiten Fußball-Bundesliga klopfte, fortan in seiner neuen Rolle als Chef des Aufsichtsrates. Von Vorteil für die Führung des Kontrollgremiums dürfte es zudem sein, dass Steubing der einzige Aufsichtsrat ist, der auch im Verwaltungsrat des Muttervereins Eintracht sitzt und über exzellente Kenntnisse des Gesamtgebildes Eintracht verfügt. Das lässt hoffen, dass seine Prognose Wirklichkeit wird: „Wir werden weiter solide bleiben. Wer etwas anderes sagt, meint es nicht gut mit uns.“

          Der neue Mann ist ein alter Mäzen, dessen Spuren schon jetzt unübersehbar sind.
          Der neue Mann ist ein alter Mäzen, dessen Spuren schon jetzt unübersehbar sind. : Bild: Wonge Bergmann

          Vordringlichste Aufgabe der neun Räte: Sie müssen ihr formales Einverständnis für die Verpflichtung des dringend benötigten neuen Cheftrainers geben. Nach der Demission von Fußballlehrer Thomas Schaaf ist Sportdirektor Bruno Hübner im Auftrag des Vorstands damit beschäftigt, den geeigneten Kandidaten für ein Engagement bei der Eintracht zu begeistern. Wenn Konsens darüber mit den Vorständen Bruchhagen und Finanzmann Axel Hellmann besteht, wird der Aufsichtsrat informiert. Auch über Spielertransfers muss das Kontrollgremium in Kenntnis gesetzt werden. Dass sich dort derzeit nicht viel tut, ist verständlich. Der neue Trainer dürfte ein gewichtiges Wort bei den Personalien der Zukunft mitreden.

          Eine Personalie der Vergangenheit ist Patrick Ochs. Der mittlerweile 31 Jahre alte Rechtsverteidiger, der im Abstiegsjahr 2011 der Eintracht den Rücken kehrte, um sein sportliches, vor allem aber wirtschaftliches Glück beim VfL Wolfsburg zu suchen, hat nach Ablauf seines Vierjahresvertrages in Form einer Initiativbewerbung sein gesteigertes Interesse bekundet, gerne zur Eintracht zurückkehren zu wollen. Ob sich die Wege von Carlos Zambrano und der Eintracht zum 30. Juni trennen, ist weiter offen. Jüngst hat der Peruaner, der sich gerne über soziale Netzwerke mitteilt, in Aussicht gestellt, vielleicht am Bosporus für Galatasaray Istanbul am Ball zu sein. Abwarten.

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