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Frauenfußball-Nationalteam : Noch hat Neid die Hosen an

Zweimal 111 Länderspiele: Steffi Jones soll bei Bundestrainer Silvia Neid (r.) in die Lehre gehen Bild: dpa

Steffi Jones steht erstmals als Assistentin von Bundestrainerin Silvia Neid auf dem Trainingsplatz. Die Direktorin Frauenfußball beginnt ihre Lehre zur Bundestrainerin - und wird skeptisch betrachtet.

          Die Kleiderfrage hat Steffi Jones schon einmal geklärt. Sie wird in ihrer neuen Funktion als Ko-Trainerin des deutschen Frauenfußball-Nationalteams künftig durchweg im Trainingsanzug zu sehen sein, sowohl während der Übungseinheiten wie auch bei den Spielen wie an diesem Freitag (16 Uhr/ live im ZDF) in Halle/Saale, wo die DFB-Auswahl zum Auftakt der EM-Qualifikation im Spiel gegen Ungarn erstmals nach der letztlich enttäuschenden Weltmeisterschaft in Kanada wieder am Ball ist. „Ich werde auch Hütchen aufstellen, ich werde zuarbeiten und wichtige Erfahrungen machen, aber auch eigenen Input einbringen“, sagt Jones.

          Der schickere Hosenanzug, an den sich Jones in den vergangenen Jahren als Präsidentin des WM-Organisationskomitees und Direktorin Frauenfußball beim DFB gewöhnt hatte, bleibt einstweilen während der Spiele noch der modebewussten Silvia Neid an der Seitenlinie vorbehalten. Die Bundestrainerin hat nach Stand der Dinge bis nach den Olympischen Spielen im kommenden August noch die schickeren Hosen an, ehe die 42 Jahre alte ehemalige Nationalteam-Verteidigerin Jones die Nachfolge der ehemaligen Spielmacherin antritt. Bis dahin sollen die jeweils 111 Mal im Nationalteam eingesetzten Neid und Jones nicht nur an diesem Donnerstag eine neue Spielführerin, vermutlich Saskia Bartusiak oder Annike Krahn, küren, sondern vor allem zusammen die WM in Kanada aufarbeiten und die erkennbaren Schwächen des Teams beheben.

          Schon die im März verkündete Kür der zwar zur Fußballlehrerin ausgebildeten, aber im Traineralltag völlig unerfahrenen Jones als Nachfolgerin wurde in der Frauenfußballszene mit großer Skepsis aufgenommen. Die von den beiden Trainerinnen als „logische Schlussfolgerung“ aus der Entscheidung vom Frühjahr bezeichnete neue Konstellation, dass Jones nun ein Jahr als Assistentin bei Neid in die Lehre gehen soll, sorgte abermals für ratlose Gesichter, die meisten Vertreter von Bundesligavereinen sprachen eher von einer unvernünftigen Entwicklung. Die Nachricht wurde zudem im August ausgerechnet bei der offiziellen Präsentation der Bundesligaklubs verkündet, was bei den Klubs zusätzlich als Respekt- und Stillosigkeit empfunden wurde.

          Umgang mit der Kritik

          Wenngleich die EM-Qualifikation, auf die sich das Team seit Dienstag im nahe des Spielorts Halle gelegenen Leipzig vorbereitet, aufgrund des extremen Leistungsunterschieds zwischen dem deutschen Team und den weiteren Gruppengegnern wie Kroatien, Russland oder Türkei keine Hürde darstellen dürfte, so ist die Ausgangslage für den Neubeginn nach der WM und dem Abschied der langjährigen Führungsspielerinnen Nadine Angerer und Célia Sasic also durchaus problematisch mit Blick auf die Olympischen Spiele im kommenden Jahr.

          Die WM hat genügend Hinweise auf eine notwendige Kurskorrektur geboten. Bundesligatrainer wie Colin Bell vom Champions-League-Sieger FFC Frankfurt oder Ralf Kellermann vom VfL Wolfsburg hatten vor allem auf fehlende taktische Flexibilität hingewiesen. Selbst Silvia Neid, die nach der Halbfinalniederlage gegen die Vereinigten Staaten und der auf Rang vier beendeten WM noch alles schöngeredet hatte, räumte zwischenzeitlich gravierende Mängel ein.

          Kaum neue Gesichter: Das Nationalteam beim ersten Treffen nach der WM

          „Wir hatten keine Ideen vor dem gegnerischen Sechzehner, wir haben gegen die USA bei 14 Schüssen nix aufs Tor gebracht, wir müssen lernen, uns im gegnerischen Raum wohler zu fühlen, wir müssen am Ball im Eins-gegen-Eins beispielsweise mit Finten besser werden. Und gegenüber Frankreich sind wir technisch und von der Spielintelligenz her unterlegen“, sagt die Bundestrainerin und stellt damit so ziemlich alles außer dem von ihrem Team beherrschten Pressing in Frage. Intern soll sie zudem die Einstellung einiger Spielerinnen bemängelt haben. Auch deshalb hat die 51 Jahre alte Bundestrainerin während des Turniers wohl auf personelle Veränderungen verzichtet.

          Kaum neue Gesichter

          Erstaunlicherweise spiegelt sich diese kritische Beurteilung einiger Spielerinnen bei der Nominierung des Kaders für das Spiel gegen Ungarn nicht wider: Neben Angerer und Śasic fehlen aus dem WM-Aufgebot nur verletzte Spielerinnen, neue Gesichter fanden allein aufgrund dieser Lücken in den Kader.

          Neue Nummer 1: Almuth Schult ist zur Nachfolgerin von Nadine Angerer gekürt worden

          Silvia Neid muss sich in Hinblick auf ihr letztes Turnier als Bundestrainerin noch ein wenig selbst motivieren. Während der WM hatte sie angedeutet, dass sie für das olympische Turnier wegen des geringeren sportlichen Werts und der meist weit von der eigentlichen Olympiastadt Rio entfernt ausgetragenen Spiele gar keine sonderliche Zuneigung empfinde. Daraus lässt sich freilich nicht unbedingt eine weitere „logische Schlussfolgerung“ ableiten, dass Steffi Jones doch schon vorzeitig den Hosenanzug anziehen könnte. „Ich habe nicht vor, an ihrem Stuhl zu sägen“, beteuert Jones.

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