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Steffen Kubald : Im Einsatz für Lok – und gegen rechts

Kubald ist Lok: Im jahr 2003 gründete er den Klub mit Freunden neu. Seitdem ging es stetig aufwärts Bild: Christoph Busse

In der DDR war Steffen Kubald ein „Rowdy“. Heute ist er Präsident von Lokomotive Leipzig. Dort kämpft er gegen Hooligans und die NPD, die sein Aufbauwerk und die Entwicklung des Fußballklubs bedrohen.

          5 Min.

          Steffen Kubald marschierte auf jeder Montagsdemonstration. Nur am 2. Oktober 1989, als in Leipzig die Sicherheitskräfte brutal gegen die Demonstranten vorgingen, war er nicht dabei. Kubalds Stiefbruder war zu Besuch gekommen. Aus dem Westen, wohin sein Vater sieben Jahre zuvor geflohen war. „Abgehauen“, wie Kubald noch heute sagt. Die beiden Stiefbrüder aus Ost und West gingen an jenem Abend zum Essen, und so bekam Kubald nichts mit von den Übergriffen und auch nicht von der Angst der Demonstranten. Angst kannte Kubald damals ohnehin nicht.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch eine Woche später nicht, als 70.000 Menschen von der Nikolaikirche und den anderen Gotteshäusern der Stadt aus auf den Stadtring zogen. In den Nebenstraßen standen Volkspolizei und Nationale Volksarmee bereit, ausgestattet mit Waffen und dem Befehl, den Protestzug aufzulösen. Notfalls mit Gewalt, die „chinesische Lösung“. Doch die Einsatzkräfte zogen sich wie durch ein Wunder zurück. Die Panzer blieben in den Kasernen. Die Staatsmacht hatte keine Menschen erwartet, die Kerzen in den Händen hielten und riefen: „Keine Gewalt.“

          „Wer ist der Stärkste? Wer ist der Beste?“

          Doch ausgerechnet Steffen Kubald sehnte sich in der DDR nach Gewalt. Vor allem samstags, wenn sein Klub spielte: der 1. FC Lokomotive Leipzig. Kubald war in der DDR das, was man im Arbeiter- und-Bauern-Staat einen „Rowdy“ nannte. Der Begriff Hooligan war dem Westen vorbehalten, aber es war nichts anderes, was Kubald und seine prügelnden Kumpels jede Woche in den Stadien anstellten. „Es ging darum: Wer ist der Stärkste? Wer ist der Beste?“, sagt Kubald. „Und es gab ein Ranking: Der BFC Dynamo hat geführt, dann kam Union Berlin und gleich danach schon Lok und Dynamo Dresden.“

          Kampf gegen rechte Gewalt: Nach den Ausschreitungen 2007
          Kampf gegen rechte Gewalt: Nach den Ausschreitungen 2007 : Bild: ddp

          Wenn man Steffen Kubald heute sieht, kann man noch ahnen, wie bedrohlich er damals wirkte: Ein Kerl wie ein Baum. Zwei Meter groß, 120 Kilo schwer. Aus den Ärmeln des Hemds wachsen riesige Hände. Aber sie packen heute andere Dinge an. Er spricht sogar sanft. Kubald ist seit sechs Jahren Präsident von Lok Leipzig, man kann sagen: Kubald ist Lok. Er hat den Klub mit Kumpels 2003 neu gegründet, nach der Insolvenz haben sie in der untersten Liga angefangen, es ging stetig aufwärts. Er arbeitet ehrenamtlich, der Verein stellt ihm nur ein Auto zur Verfügung. Bei einer Reinigungsfirma ist er mittlerweile beschäftigt, aber ständig im Einsatz ist er für Lok. „Der Chef drückt ein Auge zu“, sagt er. Denn Kubald kämpft jetzt einen anderen Kampf.

          Ein deutsches Stück über Niedergang und Neubeginn

          Gegen Hooligans und die NPD, die sein Aufbauwerk und die Entwicklung des Klubs bedrohen. In der wechselvollen Geschichte von Kubald und Lok Leipzig fällt all das zusammen, was die Wende aus einem Menschen und einer DDR-Institution machen konnte. Die Geschichte von Kubald und Lok Leipzig verwebt sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall zu einem dramatischen Stoff. Es ist ein deutsches Stück über Niedergang und Neubeginn, über falsche Hoffnungen und ungebrochene Zuversicht, über Liebe und Hass. Lok spielt heute in der fünften Liga, Platz elf. In der vergangenen Woche kamen die BBC und „France Football“ ins Bruno-Plache-Stadion nach Probstheida im Südosten der Stadt.

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