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Startrainer Parreira beim Afrika-Cup : Brasilianisch ja, selbstverliebt nein

Guter Hoffnung: Carlos Alberto Parreira will 2010 guten Fußball bieten Bild: AFP

Bei seinem ersten Job als Nationaltrainer in Ghana übernachtete er mit dem Team in Militärzelten. Sie erreichten das Finale des Afrika-Cups, er bekam Malaria und eine Medaille. 41 Jahre später treibt Trainer-Veteran Parreira Südafrikas Fußball die Flausen aus.

          3 Min.

          41 Jahre sind in jedem Beruf eine schöne Strecke. Im Trainer-Job sind sie ein Marathon. Als 1967 der 24 Jahre alte Universitätsabsolvent Carlos Alberto Parreira seinen ersten Posten antrat, als Nationaltrainer in Ghana, bezahlte sein Heimatland Brasilien das Sportlehrergehalt weiter - „von den Ghanaern bekam ich hundert Dollar Taschengeld“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          In Ghana übernachtete er mit dem Team in Militärzelten, sie erreichten das Finale des Afrika-Cups in Addis Abeba. Er bekam Malaria und eine Medaille vom äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Auch mit dem ghanaischen Meister Asante Kotoko kam er ins kontinentale Finale, im Kongo gegen ein kongolesisches Team. Mobutu, der Diktator, „fuhr vor dem Spiel im Panzer um den Platz, und der Schiedsrichter hatte Angst“. Das Resultat war abzusehen.

          Diese Woche schließt sich der Kreis

          So hat sich der Berufsanfänger von damals, inzwischen ein berühmter Mann, der 1994 mit Brasilien Weltmeister wurde, vor wenigen Tagen an seine Anfänge in Afrika erinnert. Diese Woche schließt sich der Kreis. Der 65 Jahre alte Trainer erlebt seinen zweiten Afrika-Cup, nach 41 Jahren. Aus den hundert Dollar Taschengeld ist ein Millionensalär geworden. Parreira ist der bestbezahlte Coach Afrikas. Er soll das Team Südafrikas hinkriegen für die WM 2010. Denn neben all den anderen Problemen am Kap kann das Gastgeberland nicht auch noch ein untaugliches Team brauchen. Der Rest der Welt auch nicht. Ohne Siege der Heimmannschaft wird jedes Turnier steril.

          Leidiges Problem: „Wenn wir den Ball am Boden ließen, hätten wir Chancen”

          Am Mittwoch in Tamale hat Parreiras neu formiertes, junges Team ein erstes Zeichen gesetzt. Es hat den Niedergang zumindest gestoppt. Seit dem Titelgewinn 1996 im eigenen Land, beim Debüt Südafrikas beim Afrika-Cup, waren die Resultate Turnier für Turnier alle zwei Jahre immer schlechter geworden, bis zum Tiefpunkt 2006, dem WM-Aus in der Vorrunde ohne Punkt und Tor. Das haben sie nun schon übertroffen, weil Einwechselspieler Elrio van Heerden in der 88. Minute mit einem famosen Distanzschuss das verdiente 1:1 gegen das starke angolanische Team erzielte.

          Südafrika muss sich Gegner kaufen

          „Wenn wir den Ball am Boden ließen, hatten wir Chancen“, sagte Parreira, der mit Südafrika eine brasilianische Spielweise umsetzen will: „Meine Philosophie von Pass-Spiel und Ballkontrolle hat sich nie geändert.“ Das Problem der Südafrikaner ist die Übung. Während schwarzafrikanische Länder Länderspiele in Europa organisieren können, wo die meisten ihrer Profis ihr Geld verdienen, spielt der Großteil der Südafrikaner in der heimischen Liga. Diese zahlt dank der Wirtschaftskraft des Landes und der großen Firmen Gehälter, die den Reiz Europas schmälern. Die Kehrseite: Für Länderspiele müssen die Südafrikaner halbe Weltreisen unternehmen. „Wir können nicht erwarten, dass jemand nach Südafrika kommt“, sagt Parreira. Demnächst kommen voraussichtlich die Portugiesen, aber nur gegen komplette Kostenübernahme. Südafrika muss sich Gegner kaufen.

          Deshalb bietet der Afrika-Cup in Ghana ebenso wie der nächste in zwei Jahren in Angola das bestmögliche WM-Training, betont Parreira. Es sind bis 2010 die einzigen Wettkampfspiele für das einzige Team, das seinen WM-Platz schon sicher hat. Ansonsten muss es für einen WM-Gastgeber kein Nachteil sein, zu viele „Ausländer“ zu haben, wie es Südkorea 2002 bewies oder auch Deutschland 2006. Für Turniervorbereitung und Termingestaltung ist es eher ein Vorteil. Vielleicht auch für den Teamgeist. Ohne den mit dem Verband zerstrittenen Torjäger Benny McCarthy hat Südafrika eine Mannschaft ohne Stars. Die „Europäer“ im Team sind vom Kaliber des 32 Jahre alten Bielefelders Sibusiso Zuma oder des von Dortmund nach Everton verliehenen Steven Pienaar. In diesem Team ist niemand etwas Besseres.

          Brotlose Tricks werden bejubelt

          Als Problem der südafrikanischen Liga gilt, dass sie ihre Spieler zur Bequemlichkeit verleitet. Das Tempo ist niedrig, brotlose Tricks werden bejubelt. Die letzten Teams, die man zum Afrika-Cup schickte, spiegelten diese Selbstverliebtheit. Sie waren chancenlos gegen kompakte, schnelle Gegner. 2008 sieht das schon etwas anders aus. Die „Bafana Bafana“ bemüht sich um zügigen Kombinationsfußball - eine Trendwende dank des Afrika-Veteranen Parreira. Dessen Karriere wird auf dem Kontinent enden, auf dem sie begann, betont er: Südafrika ist Endstation. „Ich bin hier gegen den Wunsch meiner Familie“, sagte er vor dem Turnier. „Sie denken, ich sollte längst aufgehört haben.“

          Was sich noch geändert hat seit den frühen Trainertagen? „Die größte Industrie der Welt vor dreißig Jahren war Krieg. Heute ist es Tourismus. Und Südafrika hat der Welt so viele schöne Dinge zu zeigen.“ Südafrikas Fußball soll 2010 auch dazugehören.

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