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St. Pauli : Der ganz normale Mythos

  • -Aktualisiert am

Kultklub mit einziartigen Anhängern Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Im Spagat zwischen kultischer Verehrung und Pleite versucht der FC St. Pauli, ein solide wirtschaftender Verein zu werden. Eine Million Euro Einnahmen machen das Pokalspiel gegen Bremen schon vor dem Anpfiff zum Erfolg.

          "Es darf keine Panik geben, wenn wir nicht aufsteigen", sagt Andreas Bergmann, "sonst müssen wir wieder T-Shirts drucken lassen." Bergmann redet sich in Fahrt, wenn es um seinen Lieblingsverein geht. Er arbeitet seit fünf Jahren für den FC St. Pauli. Erst als Jugendkoordinator, jetzt als Cheftrainer.

          Niemand beim Klub vom Hamburger Kiez wüßte in diesen aufregenden Tagen besser, wovon er spricht, als Andreas Bergmann. Der 46 Jahre alte Trainer wäre nämlich beinahe selbst weggeweht worden, als St. Pauli Mitte Oktober beim Aufstiegsrivalen Holstein Kiel 1:4 verlor. Plötzlich schien das schöne neue Konzept des Regionalliga-Klubs von Gesundung, Kontinuität und Wachstum hinfällig. Wieder sollte ein Trainer fliegen. Es wäre der vierte seit dem Abstieg aus der Bundesliga im Mai 2002.

          „Junge Dachse in der geilen Stadt Hamburg“

          Bergmann hat St. Pauli im ersten Jahr der Drittklassigkeit vor dem Niedergang bewahrt (das wäre Rekord gewesen: von der Bundes- in die Oberliga in 36 Monaten). Er war mit einem zusammengewürfelten Haufen 2004 Siebter geworden und hatte ein Team nach seinen Vorstellungen zusammengestellt. Die Erwartungen schossen 2005 nach gutem Beginn ins Kraut, und nach zu vielen Remis bei fußballerisch dürftigen Leistungen und einer Heimniederlage war die Partie in Kiel plötzlich aufgeladen mit Bedeutung.

          Kulttypen vom Kiez I: Spieler Benny Adrion (l.) und Trainer Andreas Bergmann

          "Die Dynamik damals", sagt Bergmann, "habe ich voll auf die Mütze bekommen. Aber was hat man von dieser Mannschaft denn erwartet? Das sind doch alles junge Dachse, die oft mal der Versuchung der geilen Stadt Hamburg unterliegen. Ich muß ihnen jeden Tag beibringen, daß sie Profis sind." Bergmann hat Verständnis für diese Haltung, er interessiert sich selbst für Musik und Film, für den gesellschaftlichen Diskurs, er hebt hervor, wie sehr er die antifaschistische Einstellung der St.-Pauli-Fans mag.

          Mehrfach vor dem Fall ins Nichts

          Präsident Corny Littmann hielt damals gegen Widerstände im eigenen Vorstand am Trainer fest. Davon will Littmann heute nichts wissen. Er will nicht der Alleinherrscher sein. Aber sein Machtwort war wegweisend: Der FC St. Pauli spielt inzwischen um den Aufstieg in die zweite Liga, begeistert im Pokal und glaubt an Stetigkeit im Handeln.

          Wer versucht, den bekanntesten Regionalliga-Klub der Republik mit normalen Maßstäben zu messen, scheitert. Wie kann man 17.957 Zuschauer gegen Werder Bremen II erklären? Der Spagat zwischen Kultklub und normalem Profiverein ist aber auch der Grund, warum die jüngere Geschichte des FC St. Pauli vom ewigen Fallen und Wiederaufstehen erzählt.

          Dabei kann man gar nicht sagen, ob das Taumeln von einer Geldnot in die nächste durch böswillige Gerissenheit oder einfach persönliche Unfähigkeit entstand. Littmann sagt: "Beim FC St. Pauli hat kaum einer der Verantwortlichen je Verantwortung übernommen." So heruntergeschludert, stand der Klub mit seinen nach wie vor einzigartigen, leidensfähigen, großzügigen Anhängern in den vergangenen Jahren mehrfach vor dem Fall ins Nichts: Insolvenz und Abstieg in die Oberliga drohten.

          Gegen Rassismus, Sexismus und Repression

          Es liegt an Männern wie Littmann mit seinen Ideen ("Retter"- T-Shirts, Benefizspiel des FC Bayern, Dauerkarte auf Lebenszeit), Bergmann mit seinem Jugendkonzept und dem Sportchef Holger Stanislawski mit seinem Fußballverstand, daß es zum ersten Mal seit langem wieder besser steht um den - ja, es muß erlaubt sein: Kultklub vom Kiez. Bergmann sagt: "Es ging hier jahrelang nur um Erhalt, nicht um Aufbau. Jetzt ist endlich ein Fundament da. Auch wenn der Aufstieg nicht klappt."

          Im Pokalspiel gegen Werder Bremen am Mittwoch rückt der Verein wieder einmal in den Mittelpunkt. Das Spiel am ausverkauften Millerntor wird live übertragen. Eine knappe Million Euro nimmt der mit 1,8 Millionen Euro verschuldete Klub ein. Ideell bedeutet diese Partie natürlich viel mehr, zumal St. Pauli einen Brustsponsor für die nächste Serie sucht: Wer einmal ein Flutlichtspiel in der Bruchbude am Heiligengeistfeld erlebt hat, spürt, daß das Herz von St. Pauli hier schlägt. Zwar speist sich das Fluidum am Millerntor vor allem aus Erinnerungen, doch es ist immer noch geistreicher als anderswo und richtet sich gegen Rassismus, Sexismus und Repression.

          Mit heißer Nadel genäht

          Trotz eines Zuschauerschnitts von 15.000 in der dritten Liga reicht das Geld hinten und vorne nicht. Zu gering sind die Einnahmen beim ausverkauften Stadion (deswegen und wegen mangelnder Sicherheit muß ein neues her), zu wenig erwirtschaftet der Klub bei Sponsoren. Der Etat liegt bei vier Millionen Euro, die meisten Profis verdienen zwischen 2.000 und 4.000 Euro. In Essen, Osnabrück, Düsseldorf, Kiel wird besser bezahlt. Diesen Verein zu führen bedeutet: den Mangel verwalten. Wo früher der verstorbene Altpräsident "Papa Heinz" Weisener ins Portemonnaie griff (wohl fast zehn Millionen Euro) oder Einnahmen in den Kassen der Vermarkter versandeten, soll jetzt solide gewirtschaftet werden. Doch es ist alles mit heißer Nadel genäht: Für Stürmer Scharping kamen Littmann und Vizepräsident Marcus Schulz auf. "Ein letztes Mal", sagt Littmann. In den dreieinhalb Jahren im Amt hat der Theater-Manager selbst den Klub mit einer sechsstelligen Summe vor der Insolvenz bewahrt.

          Er sieht den Klub seines Herzens auf einem guten Weg. Littmann, Stanislawski, Bergmann, das sollen die Säulen für die nächsten Jahre sein. Bergmann sagt: "Der FC St. Pauli ist wieder auf dem Weg zum Kult. Als ich als Cheftrainer anfing, stand nicht der Fußball im Mittelpunkt. Jeder hat mitgeredet, sogar die Leistungsausrichtung in der Jugend gefiel einigen Fans nicht. St. Pauli sollte ihrer Meinung nach der Klub für alle sein." Ein Klub für alle, Mitsprache für viele und die erste Mannschaft am liebsten in der Bundesliga: Widersprüche haben dem Kult um den FC St. Pauli noch nie geschadet.

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