https://www.faz.net/-gtl-7l89a

Sportwetten : Gefährliches Spiel

Dunkle Mächte und der Einfluss auf den Sport Bild: iStock

Ein Mord in Frankfurt rückt die dunklen Seiten des Sportwettenmarktes in den Blick. Es gibt viel zu verdienen. Gangster-Syndikate schrecken vor nichts zurück.

          5 Min.

          Der Waldfriedhof von Oberrad ist ein beschaulicher Ort. Die alten Bäume schmiegen sich dicht aneinander, stehen in Reihen und in Grüppchen um die Gräber herum. An diesem Freitagmorgen ist die Stille seltsam. So jedenfalls sagt es der Mann, der um Punkt zehn Uhr beginnt, in der Kapelle die Trauerrede zu halten. Er sagt, der, der heute in Frankfurt beerdigt werde, Oliver F., sei gewaltsam aus dem Leben gerissen worden. Dieser Mord habe Schrecken über ihn und seine Familie gebracht. Als die Worte fallen, schauen die meisten, die draußen in der Kälte unter eisblauem Himmel stehen, weil die Kapelle nicht groß genug ist, zu Boden.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Später wird der Mann, der die Trauerrede hält, sagen, das Opfer sei ein fröhlicher Mensch gewesen. Ein „unverbesserlicher Optimist“. Einer, der geschäftlich Höhen und Tiefen erlebt habe, und „nach schwierigen Fahrwassern erst wieder Boden unter den Füßen bekommen hat“.

          Ermittler verfolgen vielversprechende Spur

          Der Mann, der da spricht, muss es wissen. Er war der Anwalt des Toten Oliver F. Und der Boden, der da wiedergewonnen wurde, ist möglicherweise der Grund, warum der Gründer des aufsteigenden Sportwetten-Unternehmens „Happybet“, Oliver F., nun mit 50 Jahren beerdigt wird. Getötet durch zwei Kugeln, die ihn vergangene Woche auf dem Weg ins Büro in den Kopf trafen - mitten in Frankfurt, am helllichten Tag. Oliver F. hatte gerade seinen Wagen auf dem Hinterhof geparkt. Es gab keine Kampfspuren, noch nicht einmal die Andeutung eines Gesprächs. Der Täter, so stellt es sich dar, hat sich einfach hinter ihn gestellt und ihm die Pistole an den Kopf gedrückt.

          Seitdem rätselt die Polizei über das Motiv. Es könne alles sein, vom Eifersuchtsdrama bis hin zur Tat eines Irren. Hinter einem Mord, so heißt es im Frankfurter Polizeipräsidium, steckten manchmal die absurdesten, die banalsten Gründe. „Etwas, womit man nicht im Geringsten gerechnet hat.“ Gleichzeitig aber verfolgen die Ermittler längst eine andere Spur. Eine vielversprechende. Denn der, der Oliver F. getötet hat, wusste genau, was er tat. Professionell und präzise sei der Mord ausgeführt worden, wie von jemandem, der dafür beauftragt wird. Die Ermittler, so ist zu hören, halten die Hypothese, Oliver F. sei wegen seiner Geschäfte umgebracht worden, für die wahrscheinlichste. Seit Tagen versuchen sie, sich einen Überblick über seine Konten zu verschaffen, die zum großen Teil im Ausland liegen.

          Für Kriminelle attraktiver als Drogenhandel

          Außerdem versuchen sie nachzuvollziehen, was an den Gerüchten dran sei, Oliver F. habe mit „Happybet“ auf den osteuropäischen Markt expandieren wollen. Möglicherweise sei er dabei jemandem in die Quere gekommen. Die „Soko Walter“, wie die Ermittlungsgruppe heißt, hat neben der Mordkommission auch Ermittler aus der Abteilung für organisierte Kriminalität eingesetzt, außerdem IT-Spezialisten, um an die Informationen heranzukommen, die erst einmal nur gut versteckte, verwirrende Datenmengen sind, irgendwo abgespeichert auf einem Server. Kontobewegungen, Geldtransfers, vor allem die Auslandsgeschäfte, sind interessant.

          „Happybet“ ist kein kleines Unternehmen, aber gehört auch nicht zu den ganz großen. Es liegt irgendwo im Mittelfeld. Zahlen werden nicht veröffentlicht. Sosehr die Branche über seriöse Strukturen bis hin zu börsennotierten Konzernen verfügt: Unweigerlich rückt der Fall Oliver F. die dunklen Seiten des Sportwettenmarktes in den Blick. Denn Wettbetrug im Fußball ist für Banden attraktiver als Drogenhandel. Die Gewinne sind gigantisch.

          „Noch nie so viele verdächtige Spiele“

          Das Risiko, erwischt zu werden, ist relativ gering. Überall auf der Welt kamen in den vergangenen Monaten die Meldungen hoch über verschobene Fußballspiele, verdächtige Profis oder Schiedsrichter und von der Polizei festgesetzte Betrüger. „Wir hatten noch nie so viele manipulationsverdächtige Spiele und sehen eine sehr negative Entwicklung“, sagt Andreas Krannich, Geschäftsführer der Sportradar GmbH. Die Firma überwacht den Sportwettenmarkt weltweit - speziell für drei Fußball-Konföderationen (Europa, Asien und Nordamerika/Karibik). In Europa sollen jährlich 300 bis 330 Spiele verdächtig sein - Tendenz steigend.

          In Deutschland sorgten die kriminellen Verquickungen um den Berliner Wettbetrüger Sapina in zwei Prozessen für Aufsehen. Um mehr Licht ins Dunkel dieser Netzwerke zu bekommen, bemüht sich die zuständige Bochumer Staatsanwaltschaft nach eigener Aussage gerade um ein Rechtshilfeersuchen in Singapur, wo der berüchtigte Wettpate Eng Tan Seet, genannt Dan Tan, seit September einsitzt. Südostasien gilt als organisatorische Basis des weltweiten Wettbetrugs, es gibt enge Verbindungen nach Osteuropa, in den Balkan. Die Gangster-Syndikate schrecken vor nichts zurück, nicht mal vor Mord, weiß die Polizei. Die Kernfrage in Frankfurt lautet: Ist Oliver F. da in etwas hineingeraten?

          Die Spur der Ermittler führt auch nach Malta. Dort ist „Happybet“ wie viele andere Wettunternehmen lizenziert, weil in Deutschland lange Zeit durch den alten Glücksspielstaatsvertrag ein staatliches Monopol für Sportwetten bestand. Die Adresse, unter der das Unternehmen auf der Insel gemeldet ist, führt zu einer weiteren Firma, Meridian Gaming.

          Diese bietet Sportwetten „im durchaus seriösen Gewand“ an, wie es bei maltesischen Behörden heißt. Hinter der Firma steht nach Informationen dieser Zeitung die Meridian Group aus Belgrad - der führende Buchmacher in Serbien. Seinen Sitz hat Meridian Gaming in Ta’Xbiex, einem Ort an der Ostküste Maltas. In einem Gebäude mit weiteren Unternehmen, die offenbar mit Poker und anderem Glücksspiel ihren Umsatz machen. Die deutsche Polizei sammelt derzeit Daten. Noch, sagen sie, sei nicht ganz klar, ob es eine Tochterfirma von „Happybet“ ist oder ob eine Art Kooperation auf Augenhöhe besteht.

          Ein Rückschlag fürs Image der Wettbranche

          Für die Unternehmen der Wettbranche in Deutschland ist der Fall Oliver F. ein Rückschlag in ihrem berechtigten Kampf um Anerkennung. „Jetzt werden in der Öffentlichkeit wieder alle Klischees vom Schmuddelimage bedient“, sagt Markus Maul, Präsident des Verbandes Europäischer Wettunternehmer. Er kennt Oliver F. und ist erschüttert. Maul beschreibt das Mordopfer als „seriösen Unternehmer“. „Happybet“ ist seit Oktober Werbepartner des Bundesligaklubs Bayer Leverkusen. Die Firma bemüht sich wie viele andere erstmals nach dem neuen Glücksspielstaatsvertrag um eine Lizenz in Deutschland. Doch das zuständige hessische Innenministerium verschleppt die Entscheidung seit anderthalb Jahren. Es herrscht Rechtsunsicherheit für die Unternehmen, von denen aber über 60 inzwischen schon freiwillig Steuern zahlen.

          Mehr als 200 Millionen Euro sind da schon reingekommen für den deutschen Fiskus. Bei fünf Prozent Abgabe sind das hochgerechnet Wettumsätze in Höhe von vier Milliarden Euro pro Jahr. Die Europäische Kommission hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland laufen und fordert die Öffnung des Marktes mit festen Regeln, damit sich der unregulierte Schwarzmarkt auflöst. Das würde mehr Transparenz ins Gewerbe bringen, sagen Experten. Wegen der unklaren Gemengelage werden die Wettbüros in vielen Bundesländern schon stillschweigend geduldet. „Happybet“ bietet seine Wetten vor allem über Annahmestellen und nicht im Internet an - meist in Bars, Kiosken oder Gaststätten.

          Eine Vermutung, die die Ermittler in Frankfurt beunruhigt, ist die, dass es weitere Opfer geben könnte. Konkrete Hinweise gibt es dafür nicht. Aber sollte der Mord an Oliver F. eine Warnung gewesen sein, stellt sich die Frage, ob die richtige Abrechnung noch folgt. Wer, so fragen sich die Ermittler, wird dann mit wem abrechnen, und wie? Als am Mittwoch die Todesanzeige erschien, brach unter den Ermittlern eine gewisse Unruhe aus. In der Anzeige war ein Spruch von Konfuzius zitiert. „Das Wasser haftet nicht an den Bergen, die Rache nicht an einem großen Herzen.“ Wie auch immer man den Spruch deutet, selbst wenn man die friedlichste aller Interpretationen wählt, das Wort „Rache“ hat den Ermittlern nicht gefallen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen