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Sportstadt Leipzig : Sturz vom Olymp

Tradition im Kampf um Bedeutung: Fans von Lok Leipzig Bild: picture-alliance/ dpa

Am Samstagabend steht Leipzig kurz im Mittelpunkt des deutschen Sportgeschehens. Wenn das Spiel der deutschen Nationalelf gegen Liechtenstein vorüber ist, kehrt die Tristesse zurück in die einstige Sportstadt mit Tradition.

          6 Min.

          Das neue Zentralstadion kennt kaum jemand besser als Winfried Lonzen. Der Rheinländer ist so etwas wie ein Mann der ersten Stunde. Er war schon dabei, als das Stadion geplant wurde und als es schließlich seine schönsten Tage bei der Fußball-WM 2006 erlebte. Mittlerweile ist Lonzen Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, aber so schön sind die Tage nicht mehr. Lonzen soll in der Arena weiter für sportliches Leben sorgen. Das ist überall in Deutschland schwierig. In Leipzig sollte man aber eher sagen, dass Lonzen dafür zuständig ist, dass aus dem Vorzeigekomplex keine Sport- und Investitionsruine wird. Das trifft es besser.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Sportliche Großereignisse sind selten geworden in Leipzig. Selbst national hat die Stadt fast nichts mehr zu bieten. Nach dem Eishockeyklub Blue Lions mussten in diesen Tagen auch der Fußballklub FC Sachsen Leipzig und der Volleyball-Bundesligaklub VC Leipzig den Gang zum Insolvenzverwalter antreten. „Die Handballfrauen spielen vor 1000 Zuschauern in der Bundesliga – das ist das sportliche Aushängeschild der Stadt. Das ist blamabel für Leipzig“, sagt Lonzen. Um die Fallhöhe des Leipziger Sports zu ermessen, muss man sich klarmachen, dass Leipzig zu Beginn des Jahrtausends die Ambition besaß, die Olympischen Spiele 2012 auszurichten.

          (siehe: Schweigen, Trauer, Tränen - Leipzig kehrt auf den Boden zurück)

          Stolze Tage: Der Geschäftsführer des Leipziger Zentralstadions, Winfried Lonzen (r.) übergibt für die WM 2006 den Schlüssel an das WM-OK
          Stolze Tage: Der Geschäftsführer des Leipziger Zentralstadions, Winfried Lonzen (r.) übergibt für die WM 2006 den Schlüssel an das WM-OK : Bild: picture-alliance/ dpa

          Sportstadt mit Tradition

          Zudem ist Leipzig die Stadt mit der vielleicht am tiefsten verwurzelten Sportkultur des Landes. Der Deutsche Fußball-Bund gründete sich 1900 in Leipzig und hatte dort seinen Sitz. Der VfB Leipzig (heute Lok Leipzig) wurde drei Jahre später der erste deutsche Fußballmeister. Zu DDR-Zeiten schmückte sich die Stadt alleine bei den Spielen 1988 mit elf Olympiasiegen. Die Deutsche Hochschule für Körperkultur erlangte Weltgeltung. Der angeschlossene SC DHfK war und ist der weltweit erfolgreichste Klub der Sportgeschichte. In der Leichtathletik, im Schwimmen, Rudern, Kanu, Handball und im Radsport bestimmten die Sportler die Weltspitze. Sie gewannen bis zur Wende 93 olympische Medaillen und 136 WM-Titel. Aber zwanzig Jahre nach dem Mauerfall droht der Sport in Leipzig endgültig den Anschluss zu verlieren.

          Der Fall vom Olymp ist schmerzhaft. Das WM-Qualifikationsspiel an diesem Samstag der deutschen Nationalelf (20 Uhr im FAZ.NET-Länderspiel-Liveticker und Nationalmannschaft: Für Podolski ist schon Frühling) ist für Leipzig schon ein Glücksfall. Selbst wenn der Gegner nur Liechtenstein heißt. Das Stadion ist ausverkauft, schon seit Wochen. Das gelingt mit dem Sport sonst eigentlich nicht, nur mit Rockkonzerten. „Wir brauchen jeden Cent“, sagt Lonzen. „Am besten wäre, wir würden jedes Jahr ein Länderspiel haben. Das würde uns enorm helfen.“ Lonzen kennt sich nicht nur mit den Nöten des Zentralstadions aus. Er ist auch Experte für den Niedergang des Sports in Leipzig. Denn Lonzen hat noch einen anderen Job – und der ist noch ein bisschen komplizierter, als das Stadion sportlich am Leben zu halten. Seit einem Jahr ist er auch Präsident des FC Sachsen Leipzig, des führenden Fußballklubs der Stadt. Man scheut sich fast, den FC Sachsen so zu nennen. Aber das ist er als Vorletzter der Regionalliga Nord tatsächlich. Aber nicht mehr lange.

          „Ex-Sportstadt“ stand auf einem der Transparente

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