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Sportpolitische Kampagne : Russland gibt Gas

  • -Aktualisiert am
Figur im Machtspiel: Russlands Andrej Arschawin

So gab das Unternehmen Tönnies Fleisch zwei Jahre nach dem Vertragsabschluss zwischen Gazprom und Schalke 04 in einer Pressemitteilung die frohe Botschaft bekannt, im Oblast (Bezirk) Belgorod gemeinsam mit einem der größten russischen Fleischproduzenten eine Fabrik für 2000 Mitarbeiter zu bauen. Jährlich sollen dort zwei Millionen Schweine geschlachtet werden. „Eigentlicher Auslöser für das Projekt“, heißt es in einer Mitteilung von Tönnies’ Firma, „war das Zusammentreffen des ehemaligen russischen Staatspräsidenten Putin mit Tönnies. Im Jahr 2006 trafen sie sich in Dresden anlässlich des Gazprom-Sponsorings beim FC Schalke 04, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies ist. Putins Interesse für die Produktion von Schweinefleisch wurde im Rahmen der einstündigen Unterredung geweckt.“ Die persönliche Verbindung zwischen Gelsenkirchen und dem Kreml wird seitdem über Tönnies gehalten, den Aufsichtsratsvorsitzenden, nicht über den Geschäftsführer oder den Präsidenten. 2011 verlängerte Gazprom mit Schalke 04 bis ins Jahr 2017.

Nationalspieler kommen zurück in die Heimat

Zu den gutbezahlten Freunden des Kreml gehört vor allem auch Guus Hiddink, der dem russischen Fußball starke Impulse gegeben hat. Er gab den Russen mit einem Spiel den Glauben an die eigene Stärke zurück. Der dynamische Auftritt beim packenden 3:1 über die Niederländer im Viertelfinale in Basel bei der EM 2008 erinnerte die russische Fußballwelt an die Zeiten, Startrainer Waleri Lobanowski aus Kiew eine sowjetische Variante des niederländischen „Totaalvoetbal“ kreiert hatte. Damals - 1988 - spielte man bei der Niederlage gegen die Niederlande im EM-Finale von München mit dem Spielsystem auf der Höhe der Zeit.

Seit dem Spiel in Basel versucht man in Russland, das wiedergewonnene Hochgefühl zu bewahren. Auf dem Fundament einer starken Liga, die deshalb so viel Geld investiert wie die Bundesliga, aber viel weniger einnimmt: Auf 190 Millionen Euro werden die Schulden durch Transfergeschäfte der Premjer Liga für die laufende Saison geschätzt. Dieser Wert wird nur von England übertroffen, wo allerdings das weltweite Fernsehinteresse größere Einnahmen garantiert. Alleine Meister Zenit Sankt Petersburg hat fast 100 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, allein 50 für den brasilianischen Stürmer des FC Porto, Hulk. An der Spitze der Liga steht allerdings ein anderer Klub: Anschi Machatschkala aus der kaukasischen Krisenprovinz Dagestan mit seinem Stürmerstar Samuel Eto’o und mit dem talentierten „Linksfuß“ Juri Schirkow, der sich bei Chelsea London nicht durchsetzen konnte. Wie Schirkow und auch der bei Arsenal London kaum zum Zuge gekommene Andrej Arschawin spielen die meisten Nationalspieler wieder in der Heimat. Anschi könnte die nächste Überraschung sein, mit der Russland über Europa kommt. Trainer ist Guus Hiddink.

Auch für die „Sbornaja“ ist ein Coach von Weltformat engagiert worden. Dem Italiener Fabio Capello gelang es gleich, nach der - so empfundenen - nationalen Schande von Polen, die nächste Etappe im Plan zu erreichen. Denn die Mannschaft um den launischen Kapitän Arschawin führt die Qualifikationsgruppe F zur WM 2014 in Brasilien souverän an: Nach vier Siegen, darunter ein 1:0 gegen Portugal, steht die Auswahl (ohne Gegentor) glänzend da. Das macht die Russen stolz und lässt die Deutschen humorvoll an der Zusammenarbeit mit ihnen zweifeln. „Am Ende“, hieß es bei den deutsch-russischen Fußballkonsultationen unter wuchtigen Kronleuchtern, „werden die noch zu gut für uns.“

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