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Sportpolitische Kampagne : Russland gibt Gas

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Nach dem Ausscheiden der „Sbornaja“ trat Trainer Dick Advocaat zurück. Putin hatte ihn höchstpersönlich für dieses Amt auserkoren. Denn zuvor war es Advocaat gelungen, Zenit Sankt Petersburg, den Werksklubs des halbstaatlichen Energiekonzerns Gazprom aus Putins Heimatstadt, zur ersten Meisterschaft zu führen (2007), im Jahr darauf schließlich zum Gewinn des Uefa-Cups, einem Wettbewerb der Europäischen Fußball-Union (Uefa). Das Geld von Gazprom spielte dabei eine bedeutende Rolle. Und damit Putin, der nach seinem Machtantritt sieben Jahre zuvor Gazprom zu einer knappen staatlichen Mehrheitsbeteiligung verholfen hatte.

Mächtige Männer, mächtige Signale: Putin trifft Verbandsfürsten Blatter (links) und Platini (mitte)

Seither wächst der Energieriese zum entscheidenden Machtinstrument des Kreml heran. Unter anderem als Finanzier im russischen Fußball und Eishockey, aber mit außenpolitischem Hintergedanken auch international: So tritt Gazprom in der laufenden Saison erstmals als Sponsor der Uefa Champions League auf, um dem medial wichtigsten allgemein verbindenden europäischen Kulturgut eine russische Note zu verleihen. Schließlich erstreckt sich die Uefa auch auf Staaten außerhalb der Europäischen Union, die sie gleichsam an die EU bindet. Fußball funktioniert als Klammer auf dem Kontinent, und mit Blick auf die WM 2018 greift sie auch global.

Aus diesem Grund steht nun auch Franz Beckenbauer in Russland unter Vertrag. Er wirbt im Auftrag der Russischen Gasgesellschaft (RGO) für russisches Gas, aber als weltberühmter Fußballer vor allem für den Sportstandort Russland, den die RGO protegiert: Gazprom ist das wichtigste Mitglied dieses nationalen Branchenverbandes. Aber es geht nicht nur um Fußball. Denn in Zukunft - der vertrauliche Vertrag mit Beckenbauer läuft angeblich über mindestens fünf Jahre - steht Russland im weltweiten Fokus des Sports: Etwa mit der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, dem ersten Formel-1-Rennen an gleicher Stelle im selben Jahr sowie der Eishockey-WM 2016. Die Fußball-WM ist der Höhepunkt einer politischen Kampagne, mit der Russland nationale Identität stiften und eine Sport-Großmacht werden will. Wer den Russen dabei hilft, dem soll es gut ergehen. Mit diesem Vertragsschluss ist Beckenbauer um mehrere Millionen reicher geworden.

Den Verbrauchermarkt über Fußball erobern

Ausgesorgt hat auch Altkanzler Gerhard Schröder, der seit dem Ende seiner Amtszeit als Lobbyist für Gazprom in Deutschland auch bei der Anbahnung von Verbindungen zum Sport hilft. Wie etwa bei dem Gazprom-Sponsoring mit Schalke 04, von dem der hoch verschuldete Bundesligaklub stark profitiert. „Uns“, sagt Schalkes Geschäftsführer Peter Peters, hat „vor allem die Langfristigkeit der geplanten Zusammenarbeit überrascht.“ Gazprom versucht, über den Fußball den strategisch wichtigen deutschen Gas-Verbrauchermarkt zu erobern. Das räumt auch Peters gerne ein: „Die haben uns gesagt, dass Schalke ja für Energie steht, also für die Kohle, die Knappen im Ruhrgebiet, all das. Aber die Kohle verschwindet ja, und jetzt ist das Gas da!“ Und noch mehr. Denn die Verbindung ist nicht zum Schaden von Clemens Tönnies. Der größte deutsche Fleischfabrikant investiert viel Geld in Russland. Zumal es dort eine Binse ist, dass persönliche Kontakte zu Putin Geschäfte befruchten.

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