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Sportgeschichte : Der DFB stellt sich seinem finstersten Kapitel

„Fußball verkam zum Werkzeug der Nazis” Bild: AP

Mit dem Buch „Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz“ ist sechzig Jahre nach Kriegsende eine umfangreiche historische Untersuchung vorgestellt worden.

          3 Min.

          Mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Dienstag in Berlin eine umfangreiche historische Untersuchung vorgestellt, die sich mit seiner Rolle unter dem nationalsozialistischem Regime beschäftigt. "Man darf einen Fehler machen", sagte der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger in Anspielung auf das Fehlen eines solchen Werkes bis zum hundertjährigen Jubiläum seines Verbandes vor fünf Jahren. "Aber man darf ihn nicht zwei Mal machen. Jetzt heißt der Anlaß "die Welt zu Gast bei Freunden". Wenn wir den verpaßt hätten, hätte uns sehr harte Kritik erreicht."

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch Bundesinnenminister Otto Schily lobte die nun als Buch vorliegenden Arbeit, nicht nur im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. "Man muß sich seiner Geschichte vergewissern und wissen, daß sie eine aktuelle Bedeutung hat", sagte er. Schon 1975 hatte Walter Jens in einem Festvortrag zum DFB-Jubiläum diesem vorgeworfen, seine Vergangenheit nicht aufzuarbeiten.

          Fußball verkam zum Werkzeug der Nazis

          Der Mainzer Historiker und Lektor Nils Havemann hat, 2000 vom Vorsitzenden des Verbandes der Historiker Deutschlands als unabhängiger Autor vorgeschlagen, in drei Jahren Publikationen und Akten erschlossen für das Buch "Fußball unterm Hakenkreuz - Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz." Weder die Legende vom militaristischen und nationalistischen DFB noch die vom unpolitischen Sportverband habe er bestätigen können, sondern ein vielschichtiges Bild gezeichnet. "Einige (Funktionäre) identifizierten sich so sehr, daß sie die Niedertracht der NS-Diktatur mit verkörperten", sagte er.

          Insbesondere den damaligen Präsidenten Felix Linnemann, dem in Publikationen der vergangenen Jahre aktive Beteiligung an der Verfolgung von Juden sowie Sinti und Roma in seinem Beruf als Polizeichef von Hannover vorgeworfen wird, dürfte er damit gemeint haben. "Fußball verkam zum Werkzeug der Nazis, die ihn zur Durchsetzung ihrer Rassenideologie benutzten", sagte Havemann. Schily sagte, es gebe keinen schmachvolleren Verstoß gegen Fair Play und Sportsgeist als den Ausschluß der Juden aus den Sportvereinen 1933, von denen viele umgebracht worden seien.

          Julius-Hirsch-Preis an FC Bayern

          Zwanziger kündigte an, es nicht bei der Publikation bewenden zu lassen. Noch im Dezember werde der DFB erstmals einen Preis vergeben, der an den jüdischen deutschen Fußball-Nationalspieler Julius Hirsch aus Karlsruhe erinnert, der im März 1943 im Alter von 51 Jahren nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Im April nächsten Jahres werde bei einem Symposion in Bad Boll über weiteren Handlungsbedarf diskutiert werden.

          Julius Hirsch hatte von 1911 bis 1913 sieben Mal für die deutsche Auswahl gespielt, und anderem bei den Olympischen Spielen von Stockholm 1912. Er erzielte vier Tore. "Er war ein Held", sagte Zwanziger, "und wurde von einem Tag auf den anderen als Insekt behandelt." Der erste mit 20.000 Euro dotierte Julius-Hirsch-Preis soll dem FC Bayern München verliehen werden.

          DFB will gesellschaftliche Orientierung geben

          Schily merkte kritisch an, daß die Bayern seinerzeit ihren jüdischen Präsidenten Kurt Landauer ausgeschlossen hätten, doch Zwanziger vertrat die Auffassung, daß dies nur pro forma geschehen sei. Insbesondere Mannschaft und Funktionären der Fußball-Abteilung hätte ihn weiter als ihren Präsidenten betrachtet und trotz Repressalien in dessen Exil in der Schweiz besucht. "Der FC Bayern hat versucht, dem schleichenden Gift entgegenzuwirken", sagte Zwanziger. "Dieser Geist wirkt bis heute." Erst vor wenigen Wochen hat Bayern München das "Match for Understanding" mit einer israelisch-palästinensischen Jugendmannschaft veranstaltet. Schily nahm das Angebot von Zwanziger an, künftig in der Jury für die Vergabe des Julius-Hirsch-Preises mitzuwirken.

          "Wir wollen Fußball spielen, aber auch gesellschaftliche Orientierung geben, zu Demokratie und Würde des Menschen stehen", sagte Zwanziger. Er wies darauf hin, daß der DFB sich vor fünf Jahren, wegen der Ausgründung des Profi-Fußballs im Ligaverband nahezu unbemerkt, in seiner Satzung verpflichtet habe, rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen entschieden entgegen zu treten. Auch mit dem Julius-Hirsch-Preis wolle er ein Zeichen dafür setzen. Schily sagte, gewiß könne man die Frage stellen, warum die Studie erst jetzt, nach sechzig Jahren, vorgestellt werde. Aber: "Ist das ein Grund, das nicht zu tun?"

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