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Sport in Südafrika : Eine einmalige Geschichte

Handschlag der Versöhnung: Nelson Madnela überreicht Francois Pienaar den Rugby-WM-Pokal Bild: AP

Von einer neuen Einheit Südafrikas träumen vor allem die Organisatoren der Fußball-WM. Doch der Mandela-Effekt von 1995 ist Historie. Die Wunden der Apartheid lassen sich nicht schließen. Und die WM 2010 ist in erster Linie ein Geschäft.

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          Nelson Mandela trug das grün-goldene Trikot der Springboks - das einstige Kleid des weißen Herrenmenschentums. Mit der passenden Mütze winkte er in die jubelnde Menge im Ellis-Park-Stadion von Johannesburg. Es war eine der größten Stunden seiner Präsidentschaft. 62.000 weiße und schwarze Zuschauer feierten am 24. Juni 1995 den 15:12-Sieg der Springboks, der südafrikanischen Rugby-Mannschaft, im Weltmeisterschaftsfinale über Neuseeland, und die Begeisterung erreichte das ganze Land, die weißen Villenviertel und die schwarzen Townships.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Mandela hatte es geschafft, eine unüberwindlich scheinende Grenze zu überwinden. In diesem magischen Augenblick, fünf Jahre nach dem Ende der Apartheid, ein Jahr nach Mandelas Wahl zum Präsidenten, fügten sich die Gegensätze dieses zerrissenen Landes zu einer Einheit zusammen. Im Sport hatte sich jahrzehntelang die unmenschliche Rassentrennung manifestiert. Der Sport brachte nun das Land zusammen. Clint Eastwood hat mit „Invictus“ einen ergreifenden Film darüber gedreht.

          Der Sport der Schwarzen blieb der Fußball

          Und heute? 15 Jahre und zwei Präsidenten später besteht die soziale und ethnische Ungleichheit des Landes weiter. Rugby ist ein weißer Sport geblieben, und trotz aller Bemühungen der Politiker sind dunkelhäutige Springboks eine Seltenheit, einen Stammplatz hat zurzeit nur ein einziger. Ihr dunkelhäutiger Trainer Peter de Villiers wurde, das geben die Funktionäre unverblümt zu, vor zwei Jahren aus Gründen politischer Korrektheit ausgewählt.

          Der Sport der Schwarzen aber blieb der Fußball. Darum hat alles an dieser WM Symbolkraft: das Umrüsten von Rugby-Stadien für den Fußball. Weiße Zuschauer. Die Nationalmannschaft „Bafana Bafana“, in der nur eine weiße Stammkraft spielt, der Verteidiger Matthew Booth. Die Stars der schwarzafrikanischen Mannschaften. Diese WM soll auch ein Heilmittel für alte Wunden sein, die sich einfach nicht schließen wollen.

          „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

          Doch so schnell geht das Vergessen nicht. Alles, was das heutige Bild Südafrikas ausmacht, ist auf die Apartheid-Politik des vergangenen Jahrhunderts zurückzuführen. Und alles, was den südafrikanischen Sport ausmacht, ist von der Apartheid geprägt. Die Erinnerungen sitzen tief - nicht nur in Südafrika, sondern in aller Welt. Erinnerungen an eine Rassentrennungspolitik, die von den Vereinten Nationen als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gebrandmarkt wurde.

          Erinnerungen an einen jahrzehntelangen internationalen Sportboykott gegen dieses Land. Weder politisch noch wirtschaftlich noch kulturell konnte die empörte Welt Südafrika so schmerzhaft unter Druck setzen wie im Sport. „Der Sport war ihre Religion“, sagte Dennis Brutus, Lehrer, Dichter und Aktivist der Anti-Apartheid-Bewegung. „Damit konnte man sie treffen.“ Brutus ist im Dezember 2009 mit 85 Jahren in Kapstadt gestorben. Vor seinem Tod aber gab er der preisgekrönten amerikanischen Dokumentarfilmerin Connie Field ein Interview.

          Wenig Gehör bei den weißen Dachorganisationen

          Einer der sieben Teile ihrer Dokumentation „Have you heard from Johannesburg“ unter dem Titel „Fair Play“, der jüngst von der Heinrich-Böll-Stiftung in mehreren deutschen Städten gezeigt wurde, befasst sich auf grundlegende Weise mit dem einzigen Sportboykott, der jemals zu einem politischen Erfolg führte. Das Schicksal von Brutus steht für einen langen und blutigen Kampf, der nach Jahrzehnten gewonnen wurde.

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