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Sport als Entwicklungshilfe : Besser achtzehn Fußballerinnen als fünf Panzer

  • -Aktualisiert am

Unbeschwerte Tage in der deutschen Provinz Bild: ddp

Wenn die afghanische Frauen-Nationalmannschaft in Schwaben trainiert, ist der fußballerische Erfolg sekundär. Der Sport ist für die jungen Frauen aus Kabul ein Schritt zur Emanzipation.

          4 Min.

          Eigentlich geht es überhaupt nicht um Fußball, eigentlich geht es um die Veränderung der afghanischen Gesellschaft. Fast 30 Jahre Krieg, vor allem die Herrschaft der radikalorthodoxen Taliban zwischen 1995 und 2001, haben das Land am Hindukusch, das vor der russischen Invasion zu den aufgeschlosseneren im Orient zählte, um über ein halbes Jahrhundert zurückgeworfen. Die deutsche Aufbauhilfe und ihre Auswirkungen werden fast täglich in den Nachrichtensendungen gewürdigt.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Seit 2003 läuft jedoch ein Projekt des Auswärtigen Amtes in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), das erst in diesen Tagen richtig bekanntgeworden ist: die Entwicklung des Frauenfußballs in Afghanistan. Nach vier Jahren weitgehend unbeachteter Mühen bricht so etwas wie eine Medienlawine über die besten afghanischen Spielerinnen und ihre Trainer sein.

          „Geld kann nicht besser angelegt werden“

          "Jogi Löw betreibt im Moment auch nicht mehr Öffentlichkeitsarbeit als ich", sagt Klaus Stärk. Die beiden sind Kollegen beim DFB, der eine Bundes-, der andere Auslandstrainer. Seitdem die besten 18 Fußballspielerinnen aus Kabul in der Sportschule Ruit in Ostfildern am 21. Januar ihr erstes Training aufgenommen haben, ist fast täglich eine Journalistengruppe zu Besuch gekommen. Nicht ganz zufällig: Das Auswärtige Amt und der DOSB haben ganz schön getrommelt und eine Pressekonferenz organisiert.

          „Von heute auf morgen kann das Projekt sterben, wenn es zu gefährlich wird”
          „Von heute auf morgen kann das Projekt sterben, wenn es zu gefährlich wird” : Bild: dpa

          Und das mit reinem Gewissen - wenn es schon mal gute Nachrichten in Sachen Entwicklungshilfe gibt. "Das Geld kann nicht besser angelegt werden", sagt Trainer Stärk und fügt an: "Es ist viel besser investiert als in fünf weitere Panzer." Sein afghanischer Kollege Ali Askar Lali ergänzt: "Die Frauennationalmannschaft ist die Institution, die in Afghanistan das meiste für die Frauenemanzipation getan hat, mehr als das Frauen- und das Kultusministerium."

          Zerrissene Gesellschaft

          Große Worte, die durch Taten und Gesten der 18 auserwählten Spielerinnen im Trainingslager belegt werden, die Mitteleuropäer als klein empfinden, die aber in Afghanistan für viele Ungeheuerlichkeiten stehen: vor Männern außerhalb ihrer Familie ohne Kopftuch zu erscheinen, ihnen im Gespräch in die Augen zu schauen, ihren Sport in der Öffentlichkeit vor Männern auszuüben, laut Musik aufzudrehen, während ihr Trainer ein Interview hat, und, und, und. "Die Mädchen sind selbstbewusst geworden durch den Fußball, das ist das Ziel. Wir wollen sie stärken und aus den Häusern herausholen", sagt Shams Alhayat Alam. Die 55 Jahre alte Delegationsleiterin ist Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees. "Sehen Sie nur, wie lebendig die Jungen sind und wie ruhig wir Älteren. Sie werden es ihren männlichen Verwandten zu Hause nicht mehr so leicht machen. Sie werden sich nicht mehr alles vorschreiben und sich einsperren lassen."

          Die afghanische Gesellschaft ist zerrissen. Nach einer Phase relativer Freizügigkeit in den siebziger Jahren begünstigte der Krieg die Rückkehr fundamentalistischer Tendenzen, die in der Machtergreifung der Taliban 1995 mündeten. Eine Verbotsliste der Talibanregierung zeigt, welchen Weg die Fußballmädchen mit ihrem Verhalten schon zurückgelegt haben: Frauen hatten ihren Körper mit der Burka (Ganzkörperschleier) zu bedecken; ihnen war jegliche Arbeit außerhalb des eigenen Hauses verboten; Frauen war ärztliche Behandlung nur in Begleitung eines Mannes erlaubt und nur durch weibliche Ärzte. Da für Frauen faktisch ein Berufsverbot bestand, gab es keine Ärztinnen und somit auch keine Behandlung für Frauen. Frauen war das Verlassen des Hauses nur in Begleitung männlicher Verwandter erlaubt; die Fenster der Häuser waren teilweise als Sichtschutz mit Farbe bemalt, so dass sie nur durchscheinend, aber nicht mehr durchsichtig waren. Es bestand ein Verbot des Besuches jeder Art von Bildungseinrichtung (Schule, Hochschule) für Mädchen und Frauen.

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