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Spielbetrug im Fußball : Verloren im Fettklub

Spielsucht und Pizza: René Schnitzler hatte so seine Leidenschaften Bild: dpa

Der Fußballprofi René Schnitzler hatte hohe Spielschulden, als er den Wettenvermittler Paul Rooij traf. Jetzt wird in Bochum gegen beide verhandelt: wegen Spielbetrugs.

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          Der Fußballprofi René Schnitzler hat in seiner kurzen Karriere für die deutsche U-20-Nationalmannschaft und drei Vereine gespielt: Borussia Mönchengladbach, Bayer Leverkusen und den FC St. Pauli. Beim Hamburger Zweitligaklub, bei dem Schnitzler, Jahrgang 1985, zwischen 2007 und 2009 stürmte, war er auch Mitglied eines anderen Klubs. „Ich war im Fettklub, ich kam da nie raus“, sagt der Angeklagte René Schnitzler am Dienstag vor dem Bochumer Landgericht. Wer im Kader mehr als elfeinhalb Prozent Körperfett hatte, musste nach dem Training laufen. Schnitzler lief - ohne Aussicht auf Bewährung: Denn er führte als Fußballspieler ein so ungesundes Doppelleben, dass sein Körperfettanteil eine der wenigen Konstanten blieb: „Ich war immer bei 16 Prozent.“

          Schnitzler war Fußballprofi, vor allem aber war er Zocker. Süchtig, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. „Ich hatte Training“, sagt Schnitzler am Dienstag in Bochum, „ein- oder zweimal am Tag. Danach habe ich entschieden, ob ich online spiele oder wette. Oder Poker. Oder Casino.“ Schnitzler zockte die Nächte durch, gefüttert vom reichlich erscheinenden Salär eines jungen Fußballspielers, und futterte dabei Burger und Pizza. Die Nächte endeten für ihn „manchmal erst um elf, zwölf, eins, wenn das Training rief“. Ein Uhr mittags wohlgemerkt.

          Angefangen hatte alles am Tag der Volljährigkeit, dem 14. April 2003. Schnitzler, Vertragsamateur bei Borussia Mönchengladbach, fährt ins Casino nach Aachen. „Ich war von der ersten Sekunde an gefesselt. In den 14 Tagen danach war ich neunmal dort.“ Sein Weg führt Schnitzler, spielsüchtig, treffsicher, in die Zweite Bundesliga und in St. Paulis Fettklub. Nach Hamburg kommt er im Alter von 22 Jahren, mit „50- bis 60.000 Euro Schulden“. Als er zwei Jahre später geht, sind es 160- bis 170.000 Euro. Und Schnitzlers Pfad kreuzt auch, auf der Suche nach neuen Geldquellen, den schillernden Lebensweg des Niederländers Paul Rooij, einst Eisschnellläufer, Alarmanlagenelektriker, Kasinobetreiber, Black-Jack-Profi. Und Vermittler von Wetten nach Asien.

          Superman war früher: Der einstige Fußballprofi Schnitzler lebt heute von Hartz IV

          Am Dienstag, als vor der 8. Strafkammer des Bochumer Landgerichts die Anklageschrift gegen Schnitzler, Rooij, den früheren Zweitligaprofi Björn Brunnemann und einen weiteren Angeklagten verlesen wird, nimmt Rooij, 56, blass, hager, Vollglatze, Nickelbrille, direkt hinter Schnitzler Platz, der in schwarzem Hemd und für die Jahreszeit erstaunlich gut gebräunt in Bochum erschienen ist. Rooij, der Hintermann. So verliest es jedenfalls Oberstaatsanwalt Andreas Bachmann.

          Er soll vier Spiele in gewünschte Bahnen gelenkt haben

          Denn Rooij soll Schnitzler Geld in sechsstelliger Höhe gegeben haben, damit der Fußballprofi vier Zweitligaspiele im Jahr 2009 in die gewünschte Bahn lenkt: Alles auf Niederlage, strafbar als gewerbsmäßiger und als Bande begangener Betrug. Brunnemann, 108 Zweitligaspiele, heute Kapitän des BFC Dynamo in der Regionalliga, soll Beihilfe geleistet haben. Im Mai 2009 gegen Alemannia Aachen (Endergebnis 0:2) und Mainz 05 (1:5), am 26. September gegen Rostock (0:3) und am 23. November abermals gegen Mainz. Dieses vierte Spiel endete unentschieden, 2:2. Oberstaatsanwalt Bachmann wirft Rooij vor, er habe bei Buchmachern in Fernost trotzdem gewonnen, mit einer sogenannten „Über-Torwette“.

          Das Verfahren in Bochum entspringt den umfangreichen Ermittlungen zu Spielbetrug im europäischen Fußball, die erstmals im Herbst 2009 bekanntwurden und in deren Zuge mehrere hundert Fußballspiele unter Verdacht gerieten. Im Zuge dieser Verfahren war schon Ante Sapina verurteilt worden, erstmals 2011. Auch Sapinas ebenfalls verurteilter Kompagnon Marijo Cvrtak stand in Verbindung mit Rooij, einem Mann mit guten Kontakten, vor allem nach Fernost. Denn Rooij konnte auf dem Wettmarkt in Fernost hohe Summen plazieren, etwa bei der Firma AFB88, Heimat Kambodscha. Wer „nach Asien will“, wer im Milliardengeschäft mitmischen will, braucht einen wie Rooij, einen „Super Master Agent“; zuständig, wie Rooij am Dienstag in Bochum sagte, für Europa und Lateinamerika.

          „Im Großen stimmt das“, sagte Rooij, als ihn der Vorsitzende Richter Stefan Culemann danach fragte, was er von dem halte, was der Staatsanwalt ihm vorgeworfen hatte. Rooij hofft auf eine Bewährungsstrafe, will nicht zurück in ein deutsches Gefängnis. Vor Jahren saß er hier schon mal, zu acht Jahren Haft verurteilt, weil er mit Marihuana gehandelt hatte, mit „mehreren hundert Kilo“, wie er 2011 in einem Interview dem „Stern“ erzählt hatte.

          Nach Lage der Dinge wird es erst einmal das letzte der Bochumer Wettskandal-Verfahren werden, sechs Verhandlungstage sind angesetzt. Bislang hatte Schnitzler, inzwischen Spielertrainer des Rheydter SV, Bezirksliga Niederrhein, Gruppe 3, behauptet, von Rooij zwar Geld angenommen, aber kein Spiel verschoben zu haben. Am Dienstag will Schnitzler zu den Vorwürfen in der Anklageschrift noch nichts sagen. Dafür erzählt er von seinem Werdegang als Fußballprofi.

          Früher BMW 325tds, 330 Cabrio, Porsche Boxster - heute Hartz IV

          Als der Gutachter, der über seine Spielsucht und deren Einfluss auf die Schuldfähigkeit befinden soll, von ihm wissen will, welche Autos er in seiner Karriere fuhr, zählt Schnitzler auf: „BMW 325tds, 330 Cabrio, Porsche Boxster. In Hamburg dann den Mercedes CLS 500, Audi Q7 und den Hummer. Zur gleichen Zeit.“ „Zur gleichen Zeit?“, fragt der Gutachter. „Warum nicht?“, antwortet Schnitzler. „Ich dachte, ich bin 24 und mit meinen Zwölftausend im Monat der Größte, der hier rumläuft. Warum soll ich mir einen Polo holen, wenn ich Mercedes fahren kann?“

          Als er einst, mit 18 Jahren, ein Konto eröffnete, gab ihm die Bank eine goldene Kreditkarte. Heute, mit 30, lebt Schnitzler von Hartz IV und bei seinen Eltern. Alle zwei, drei Wochen werde die Spielsucht trotz Therapie zu groß. „Dann gibt mir meine Mutter zehn Euro.“ Schnitzler fährt dann in die Spielhalle und füttert den Automaten.

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