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Spielabbruch in Genua : „Ein Angriff auf den serbischen Staat“

  • -Aktualisiert am

Eskalation der Gewalt: Serbische Randalierer provozieren einen Spielabbruch Bild: dapd

Serbische Hooligans randalieren beim EM-Qualifikationsspiel in Italien. Das Spiel wird erst verschoben, dann abgebrochen. Zwanzig Personen werden verhaftet. Serbiens Verbandspräsident spricht von „Schande“.

          Es war ein jämmerliches Bild. In Trainingsjacken liefen die serbischen Spieler auf die Kurve ihrer Anhänger zu und beklatschten die Ultràs. Dejan Stankovic spreizte jeweils drei Finger seiner beiden Hände ab und zeigte den Gruß der serbischen Nationalisten. Die Geste wirkte wie eine Unterwerfung. „Wir haben ihnen nicht applaudiert. Wir wollten sie nur beruhigen“, rechtfertigte sich der Kapitän der serbischen Fußball-Nationalmannschaft . „Es tut uns leid“, gestand der Spieler von Inter Mailand später unter Tränen. Da war schon nichts mehr zu machen.

          Das EM-Qualifikationsspiel zwischen Italien und Serbien am Dienstagabend in Genua hatte mit einer halben Stunde Verspätung begonnen und wurde nach sechs Minuten beim Stand von 0:0 abgebrochen. Der schottische Schiedsrichter Craig Thomson sah die Sicherheit der Spieler nicht gewährleistet. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli. Einige der 1750 serbischen Ultràs hatten im Stadio Luigi Ferraris immer wieder Feuerwerkskörper auf das unmittelbar an die Zuschauerränge angrenzende Spielfeld geworfen und die Glasabsperrungen mit Stahlrohren zu zertrümmern versucht.

          Bereits vor dem Spiel hatte es Ausschreitungen gegeben. In der Nacht zum Mittwoch kam es wiederum zu Zusammenstößen zwischen Hunderten serbischen Fans und der italienischen Polizei. 16 Verletzte und 17 festgenommene Hooligans, darunter ein Italiener, sind die Bilanz. Drei Ultràs wurden schon am Mittwoch in Genua zu Bewährungsstrafen verurteilt und wieder auf freien Fuß gesetzt. Auch der serbische Fußballverband muss sich auf eine Strafe gefasst machen. Serbien riskiert zumindest eine Platzsperre für mehrere Heimspiele. Im schlimmsten Fall droht sogar der Ausschluss von der EM-Qualifikation. Es gilt als sicher, dass die Uefa das Spiel mit 3:0 für Italien werten wird.

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          „Die italienische Polizei hat uns um keinerlei Hilfe gebeten

          Nun streiten Serbien und Italien darüber, ob die Krawalle vermeidbar gewesen wären. Zwar entschuldigte sich der serbische Außenminister bei seinem italienischen Amtskollegen. Die Innenminister der beiden Länder sind jedoch geteilter Meinung. Während Italiens Roberto Maroni das Vorgehen der Polizei lobte und behauptete, sie habe „ein Blutbad“ verhindert, sagte der Serbe Ivica Dacic: „Die italienische Polizei hat uns vor dem Spiel um keinerlei Hilfe gebeten.“ Der Präsident des serbischen Fußballverbands Tomislav Karadzic sagte, man habe die Italiener davor gewarnt, „dass rechtsextreme Ultràs nach Genua kommen würden“. Die gewaltbereiten Anhänger hätten nach einem bereits in Belgrad von Hintermännern gefassten Plan gehandelt, um das Spiel zu verhindern.

          Im italienischen Innenministerium beteuert man, nichts von der Gefährlichkeit der serbischen Anhänger gewusst zu haben, deren Gewaltbereitschaft aber keine Neuigkeit ist. Seit Serbien im Dezember 2009 dem Schengener Abkommen beigetreten ist, können auch serbische Fußballfans ohne Visum in Europa reisen. Bei den Gewalttätern in Genua handelte es sich vor allem um Ultràs von Roter Stern Belgrad und Partizan Belgrad, die in Serbien eine extreme und oft gewalttätige Rivalität pflegen, sich bei Spielen der Nationalmannschaft aber verbünden.

          Idol des harten Kerns der Roter-Stern-Ultràs ist der im Jahr 2000 ermordete Zeljko Raznatovic, der als „Arkan“ an Völkermord sowie Vertreibung im Bosnien-Krieg wesentlich beteiligt war und Hooligans für seine „Tiger“-Miliz rekrutierte. Ultràs der Vereine sollen vor wenigen Tagen auch an den Krawallen gegen eine Schwulenparade in Belgrad beteiligt gewesen sein. Dabei gab es 120 Verletzte.

          „Dies war kein Angriff auf unser Team, sondern auf unseren Staat“

          Wie entschlossen und bedrohlich die Gewalttäter vorgingen, musste wenige Stunden vor Spielbeginn auch Torwart Vladimir Stojkovic erleben, als er von Belgrader Hooligans mit einem Feuerwerkskörper im Mannschaftsbus angegriffen wurde. Stojkovic spielte früher bei Roter Stern und beging die angebliche Sünde, nach Jahren im Ausland Anfang der Saison zum Lokalrivalen Partizan zu wechseln. Nach der Attacke im Mannschaftsbus verzichtete der 27-jährige Profi auf einen Einsatz in Genua und ließ sich von Ersatzmann Zeljko Brkic vertreten. „Der serbische Torwart kam zu uns in die Kabine, er zitterte und hatte Angst“, berichtete Italiens Trainer Prandelli über die aufgeheizte Atmosphäre im Stadion.

          Offensichtlich wollten die serbischen Hooligans ihren Auftritt in Genua auch für politische Ziele instrumentalisieren. Einige Ultràs verbrannten rote Fahnen mit schwarzem Adler als Protest gegen die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo durch 22 Staaten der Europäischen Union. „Dies war kein Angriff auf unser Team, sondern auf unseren Staat“, sagte Verbandschef Karadzic. Auch die serbische Regierung sprach von politischer Sabotage: „Offensichtlich will jemand beweisen, dass Serbien weder bereit noch reif für Europa ist“,sagte Slobodan Homen, Staatssekretär im Justizministerium.

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