https://www.faz.net/-gtl-xu3g

Spanischer Fußball : Vergesst die Krawatten

Ein „Sieger”, genau der Richtige, um Real Madrid die verlorene Größe zurückzugeben: Jose Mourinho Bild: REUTERS

An diesem Samstag startet die Primera Division in die Saison. Während die Philosophie des FC Barcelona dank Spaniens WM-Triumph das weltweite Gütesiegel bekommen hat, wartet beim Rivalen Real Madrid harte Arbeit unter Startrainer Mourinho.

          Früher sah das Madrider Fußball-Sommerspektakel so aus: Der Präsident Florentino Pérez verpflichtete einen oder zwei sündhaft teure Stars, von denen die Zeitungen in den Wochen darauf überquollen, dann holte er auch noch einen Trainer, weil er den alten rausgeworfen hatte, und dann war es die Aufgabe dieses neuen Übungsleiters, um die frisch verpflichteten Neuzugänge herum die Mannschaft zu bauen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Diesen Sommer war alles anders. Schon Ende Mai wussten alle, dass José Mourinho kommt. Ein paar neue Spieler, so dachte man, wären auch nicht schlecht, aber vor allem zählte die Verpflichtung des Trainers, der mit Inter Mailand den FC Barcelona und damit das „Prinzip Guardiola“ geschlagen hatte. Der in Portugal, England und Italien reihenweise Titel gewonnen hat, ein „Sieger“, wie es heißt, genau der Richtige, um Real Madrid die verlorene Größe zurückzugeben.

          Guardiolas Philosophie hat das weltweite amtliche Gütesiegel

          Und jetzt ist er da. Doch die Vorbereitung auf die neue Saison lief so holperig wie noch nie, was nicht an Mourinho lag, sondern daran, dass Spanien Weltmeister wurde und die Spieler ihre Ferien brauchen. Wenn an diesem Wochenende die Primera División den Betrieb aufnimmt, wird Real Madrid als ziemlich unfertiges Team auf Mallorca antreten und nicht einmal annähernd wissen, wie die sechs Neuverpflichtungen, darunter die Bundesligastars Mesut Özil und Sami Khedira, ins Mannschaftsgefüge passen.

          Seine Philosophie hat das weltweite amtliche Gütesiegel bekommen: Pep Guardiola

          Bei der Konkurrenz in Barcelona bietet sich ein völlig anderes Bild. Durch den spanischen WM-Sieg, bei dem alle Tore von Barça-Spielern geschossen wurden, hat Pep Guardiolas Philosophie des offensiven Kurzpassfußballs das weltweite amtliche Gütesiegel bekommen. Noch nie lagen Nationalmannschafts- und Vereinsfußball so dicht beieinander wie diesmal, bei der Kopie des Europameisterschafts-Sieges von 2008, und die Frage, wie hoch der katalanische Anteil am spanischen Erfolg (oder umgekehrt) zu bewerten wäre, ist rein akademisch.

          Zlatan Ibrahimovic als teuerster Fehleinkauf aller Zeiten

          Seit Jahrzehnten hat es bei einem Weltmeister nicht mehr einen so klar erkennbaren Stil gegeben, in den jeder neue Spieler hineinwächst wie in Kindergarten und Grundschule. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Selección vom Madrider Urgestein Vicente del Bosque trainiert wird. Es ist, als hätte sich das Land die Spielweise patentieren lassen, um den modernen Fußball neu zu definieren.

          Das hat den FC Barcelona, das am besten eingespielte Team der Primera División, vor eine besondere Aufgabe gestellt. Trainer Guardiola muss den Siegeshunger bewahren und seine wichtigsten Leute vor dem enormen Verschleiß der langen Spielzeit schützen. Doch sein Kader ist der kleinste der spanischen Liga. Neuzugänge wie David Villa (früher FC Valencia) für den Sturm und Javier Mascherano (ehemals FC Liverpool) für das defensive Mittelfeld, angereichert mit Spielern aus dem Nachwuchs, sollen das Problem lösen.

          Madrids Sportpresse entdeckt sogar Züge von Humor

          Währenddessen zeichnet sich ab, dass der schwedische Mittelstürmer Zlatan Ibrahimovic als teuerster Fehleinkauf aller Zeiten in die Klubgeschichte eingehen wird. Nach langen Transferverhandlungen der Vereinsführung mit dem AC Mailand deutet sich an, dass Barça zwischen der Verpflichtung des Schweden vor einem Jahr und dem Verkauf gut vierzig Millionen Euro verlieren wird.

          Was es einbringt, wenn ein Team sein Handbuch im Schlaf beherrscht, sah man bei Barcelonas 4:0-Sieg im spanischen Supercup gegen den FC Sevilla. Die Katalanen mussten ein 1:3 wettmachen, um sich den ersten Titel der Saison zu sichern, und sie überrollten den Gegner mit frischen Kombinationen und einem gut erholten Messi, der drei Tore erzielte. Sah man dem Spielverständnis von Xavi, Iniesta und Villa zu, meinte man noch in Südafrika bei der Nationalmannschaft zu sein, so vertraut und bewährt wirkte das alles.

          Die übrigen Klubs versinken in die Rolle von Statisten

          Nicht nur die übrigen Klubs, die in die Rolle von Statisten zurücksinken könnten, auch Real Madrid wird es nicht leicht haben, gegen diese sieggewohnte Maschine anzukommen. Wenn irgendetwas dabei helfen kann, dann wohl nur eine Renovierung der Mannschaft in Sachen taktischer Disziplin und Siegesmentalität. So hat es seinen tiefen Sinn, dass im ersten Jahr ohne Raúl, den legendären Kapitän, der zwar noch die Werte, aber längst nicht mehr die Klasse des neunfachen Champions-League-Siegers verkörperte, eine neue Führungspersönlichkeit mit Namen Mourinho das Ruder übernimmt.

          Die Madrider Sportpresse behandelt den Portugiesen bisher mit größter Ehrerbietung, entdeckt Züge von Humor und Liebenswürdigkeit, wo vorher nur ein arroganter Arbeitsfanatiker gesehen wurde, und kritisierte allenfalls, dass der Mann bei seinem ersten Auftritt im Bernabéu-Stadion, beim Testspiel gegen den uruguayischen Meister Peñarol, in Trainigskluft und nicht im Anzug an der Seitenlinie stand. Mourinhos Botschaft schien aber so deutlich wie alle, die der neue Trainer bisher gesandt hat: vergesst die Krawatten. Hier wartet Arbeit.

          Weitere Themen

          BVB tankt Selbstvertrauen vor Barça-Duell

          Stärke gezeigt : BVB tankt Selbstvertrauen vor Barça-Duell

          Aus heftiger Kritik wird überschwängliches Lob. Der BVB zeigt nach der Niederlage bei Aufsteiger Union Berlin seine bisher beste Saisonleistung. Der deutliche Erfolg gegen Leverkusen macht Hoffnung auf ein „Fußball-Fest“ in der Champions League.

          Topmeldungen

          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.