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Spanischer Fußball : „Der Fußballgott hat einen Namen: Barca!“

Samuel Eto (r.) zeigt seine Trophäe: ein zerknäultes Real-Trikot Bild: AFP

Mit einem 6:2-Triumph bei Real Madrid hat der FC Barcelona die Fußball-Welt verzaubert und seinen Status als beste Mannschaft der Welt eindrucksvoll untermauert: „Wir haben gezeigt, dass nur wir Meister werden können“, sagte der überragende Messi.

          Die Niederlage war saftig, doch nicht einmal übertrieben: Mit 6:2 überrollte der FC Barcelona im Bernabéu-Stadion den Gastgeber Real Madrid und entschied damit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur die spanische Meisterschaft, sondern hinterließ auch ein halbes Dutzend Lektionen für Technik, Athletik, Raumaufteilung und mannschaftliche Geschlossenheit. Wie Schuljungen ließen die Madrilenen sich vor dem eigenen Publikum vorführen. „Dies ist einer der schönsten Tage meines Lebens“, sagte Trainer Pep Guardiola, der die Mannschaft zu Saisonbeginn übernommen hatte. „Heute habe ich von meinen Spielern Mut und Tapferkeit gefordert. Und die haben sie bewiesen wie noch nie.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Jeweils ein paar Minuten zu Beginn jeder Halbzeit durfte der Titelverteidiger träumen. Hochmotiviert berannten die Real-Spieler sofort das Tor von Víctor Valdés. In dieser Anfangsphase entwischte Robben mehrfach seinem Bewacher Abidal, und in der 13. Minute stand es durch einen wuchtigen Kopfball von Higuaín 1:0. Erinnerungen an die titanischen Kraftakte der letzten Jahre wurden wach, als pure Willenskraft ausreichte, den Sieg zu erzwingen. Doch sechs Minuten später stand es durch Henry und Puyol schon 2:1, und in der 33. Minute ließ Messi das 3:1 folgen. Verhältnisse geklärt. Die einen hechelten und rannten. Die anderen, angeführt von dem genialen Xavi, tänzelten ihren Toren entgegen. So leicht sah das alles aus, dass die Vorführung etwas Brutales bekam.

          Schlimmstes Heimdebakel seit 1974

          Ob es „die größte Demütigung der Geschichte“ war, wie das Sportblatt „Marca“ klagte, darüber müsste man noch einmal nachgrübeln. Seit dem 0:5 der Saison 1973/74 (damals spielte noch Netzer gegen Cruyff) jedenfalls hat es kein solches Heimdebakel für Real mehr gegeben. Und ganz sicher hat kein Duell der beiden Rivalen in den letzten zwanzig Jahren einen solchen Klassenunterschied offenbart. Nicht das 3:0 von Ronaldinho & Co. vor vier Jahren. Und auch nicht das 4:1 von Real Madrid letztes Jahr gegen eine gedrückte blaurote Truppe in den letzten Tagen des Trainers Rijkaard. „Marca“ fragte sich sogar, welcher Madrider Spieler heute bei Barça einen Stammplatz hätte, und kam auf anderthalb Feldspieler: vielleicht Lass; wahrscheinlich Pepe. Nun, Pepe war beim Klassiker der Primera División nicht dabei, weil er sich durch brutale Fouls in der Woche zuvor für zehn Ligaspiele selbst aus dem Gefecht gezogen hat.

          Barcelonas Spieler nach dem 6:2 in Madrid: „Das war eine wunderbare Nacht”

          „Diese Niederlage“, gab Trainer Juande Ramos unumwunden zu, „spiegelt unseren Leistungsstand wider.“ Barça unterdessen ist auf dem besten Weg, sämtliche Rekorde für Offensivfußball zu brechen. Als Vorstopper Piqué in der 82. Minute gegen eine längst auseinandergefallene Hintermannschaft das 6:2 erzielte, war der hundertste Barça-Treffer in der laufenden Ligasaison gefallen. Noch sieben dazu, und die Bestmarke von Real Madrid aus dem Jahr 1990 wäre gekippt.

          Real muss mit dem Wiederaufbau beginnen

          Das Team, das Trainer Guardiola mit exquisitem Instinkt für jeden Spieler und die einzelnen Mannschaftsteile zusammengebaut hat, spielt konkurrenzlos den schönsten Fußball der Welt. Diesmal waren es zweimal Messi und zweimal Thierry Henry, die im Sturm die Akzente setzten. Guardiola hatte Mittelstürmer Eto'o auf den rechten Flügel gezogen, um Messi die Laufduelle gegen die ungestümen Madrider Außenverteidiger zu ersparen. So konnte der kleine Argentinier den Ball im Mittelfeld in Empfang nehmen und entweder gegen die hilflosen Cannavaro und Metzelder dribbeln oder Vorlagen auf Henry geben. Die Rechnung ging perfekt auf. Kein Barça-Stürmer wurde übermäßig getreten, und alle hatten ihren Spaß.

          Betrachtet man das Ergebnis nüchtern, enthüllt es aber auch einige Sonderbarkeiten des spanischen Fußballs. Mannschaften auf dem absteigenden Ast reißen das eigene Tor auf, als gäbe es kein Morgen. Was sich Sergio Ramos auf dem Posten des Außenverteidigers leistete, spottete jeder Beschreibung. Ja, der Mann ist spanischer Nationalspieler, hat große Kraft und Ausdauer und kann sehr schöne Kopfballtore machen, wie man in der 56. Minute sah. Aber er ließ Henry auf dem linken Flügel soviel Platz, wie der nie wieder in seinem Leben bekommen wird, sprang spektakulär neben die Bälle und ließ sich ein ums andere mal ausspielen, bis der Trainer ihn vom Feld holte (71.). Sergio Ramos, früher ein Symbol des kämpferischen Madrid, ist in Wahrheit ein alarmierendes Symptom für eklatanten Mangel an Disziplin und taktischem Geschick. Auch Cannavaro ist kein Vorstopper von Format mehr - und Heinze die Karikatur eines Verteidigers. Von Raúl gar nicht zu reden.

          Der kommende Präsident oder der kommende Trainer oder beide werden diesen großen, verdienstvollen Profi davon überzeugen müssen, dass er als Stammspieler keine ganze Saison mehr schafft. Während der FC Barcelona feiert und sich dann für das Champions-League-Rückspiel gegen Chelsea rüstet, muss Real Madrid den Wiederaufbau beginnen. Aber diesmal richtig.

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