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Spaniens Mittelfeld : Die Magie des Unvorhersehbaren

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Bringt stets Farbe ins Spiel: Wo Andres Iniesta seine Kunst zelebriert, ist er ganz bei sich Bild: AFP

Annehmen, passen, anbieten: Barcas Musterprofi Andres Iniesta ist das Herz des spanischen Kurzpass-Spiels. Wollen die Spanier gegen Deutschland weiterkommen, müssen Iniesta und sein kongenialer Partner Xavi zeigen, dass sie das beste Paar im Weltfußball sind.

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          Er bleibt auch in der größten Hitze des Gefechts vollkommen blass im Gesicht. Doch wenn er bei der Arbeit am Ball ist, bringt er stets Farbe ins Spiel. Andrés Iniesta veredelt den Fußball: ob daheim für die Blau-Roten des katalanischen Volksvereins FC Barcelona oder im Dienst an der Nation unter der rot-gelb-roten Flagge Spaniens. Wo immer er seine Kunst zelebriert, ist Andrés Iniesta ganz bei sich. Er sieht, wann und wohin er den Ball abspielen muss, er dribbelt, wenn er damit Löcher reißen kann, er schießt, wenn sich eine Lücke auftut, und er bestimmt dazu Rhythmus und Takt des Spiels, im Verein mit seinem Freund und Kollegen Xavi - ob bei Barca oder bei der Selección.

          An diesem Mittwoch kommt es wieder einmal auf diese beiden an, will der Europameister in Durban sein Halbfinalspiel bei der WM gegen die bisher spielerisch und kämpferisch überragenden Deutschen gewinnen. Xavi, der Kopf, und Iniesta, das Herz des spanischen „Tici-Taka“, also des in Barcelona und im Nationalteam bis zur Perfektion eingeübten Kurzpass-Spiels, sind dazu auserkoren, aus Ballbesitz Chancen zu kreieren und damit den spanischen Paradestürmer David Villa (fünf Treffer bei diesem Turnier) in beste Schussposition zu bringen.

          Iniesta freut sich auf das Wiedersehen mit dem frisch erstarkten EM-Endspielgegner von 2008: „Auch die Deutschen spielen schnell und sind sehr gern in Ballbesitz. Für die Zuschauer wird es ein wunderschönes Spiel.“ Das schöne Spiel ist ihm eine Selbstverständlichkeit, seit dieser Andrés Iniesta im zarten Alter von zwölf Jahren aus seinem Heimatdorf, der Gemeinde Fuentealbilla, gelegen in der kastilischen Provinz La Mancha, nach Barcelona zog. Seine Erziehung zu einem Musterprofi aus der Barca-Schule hat Iniesta einmal mit der Wiederkehr des Immergleichen beschrieben: „Annehmen, passen, anbieten, annehmen, passen, anbieten.“ Die einfach anmutende und unendlich schwere Reifeprüfung in seinem Sport hat der heute 26 Jahre alte Profi längst summa cum laude bestanden.

          „Jeder Pass von ihm ergibt einen Sinn”: Andres Iniesta stammt aus der hohen Schule des Fußballverstehers
          „Jeder Pass von ihm ergibt einen Sinn”: Andres Iniesta stammt aus der hohen Schule des Fußballverstehers : Bild: REUTERS

          Mit dem vier Jahre älteren Xavi, dem Strippenzieher des spanischen und katalanischen Spitzenfußballs, versteht sich der Fußball-Genius Iniesta, der das Spiel seiner Mannschaften mit der Magie des Unvorhersehbaren anreichert, blind. Giovanni van Bronckhorst, der Kapitän der holländischen Nationalelf, sagt über das beste Duo des internationalen Fußballs im Blick zurück auf seine Jahre in Barcelona (2003 bis 2007): „Xavi und Iniesta scheinen immer zu wissen, wo der andere gerade ist. Diese beiden haben alles - Technik, die Fähigkeit, Tore zu erzielen, den tödlichen Pass zu spielen. Sie sind die perfekten Mittelfeldspieler.“

          Einzigartig selbst in der Meisterklasse

          Bei dieser WM allerdings sind Xavi und Iniesta von der Vollkommenheit noch ein Stück entfernt. Iniesta, der zum Saisonfinale in Barcelona an einer Knieverletzung litt und zum Turnierbeginn in Südafrika an einer Oberschenkelblessur, kam erst beim mühsamen 1:0-Erfolg der „Furia Roja“ über Paraguay im Viertelfinale richtig auf Touren; Xavi wirkte eine Spur „überspielt“, da seinen Pässen die letzte Schärfe und auch die Tiefe fehlte, um den Gegner damit in höchste Gefahr zu bringen. „Manchmal“, sagt Iniesta, der von weitem wie ein weiß geschminkter Clown ausschaut, „finden wir zu unserem Stil, manchmal nicht. Wir versuchen, mit schönem Fußball zu gewinnen, aber das ist nicht immer möglich.“ Gegen die Deutschen, fordert der zweite Starregisseur im spanischen Spiel, „müssen wir besser spielen, wenn wir sie besiegen wollen.“

          Setzt der wie Xavi nur 1,70 Meter große, von seinem Nationaltrainer Vicente del Bosque meist auf der rechten Seite, gelegentlich auch links eingesetzte Iniesta seinen Aufwärtstrend fort, wird es schwer werden, ihn in seinem Vorwärtsdrang einzuengen. Wie er trotz seiner zierlichen Statur auch Abwehrriesen mit seinen Drehungen und Wendungen überlistet, Gegenspieler auf sich zieht und damit freie Räume für seine Mitspieler schafft, das ist einzigartig selbst in der Meisterklasse des Weltfußballs.

          Ein Haus in Fuentealbilla

          Luis Aragones, del Bosques Vorgänger als Coach der Europameister von 2008, preist den Spieler mit der Rückennummer 6 als denjenigen, „der in Spaniens Mannschaft am meisten bringt“. Das passt zu dem, was Pep Guardiola, sein Vereinstrainer in Barcelona, einmal über den sechzehnjährigen Iniesta gesagt hat, als sich Barcas einstige Mittelfeldgröße mit seinem Nachfolger Xavi über den jungen Kollegen unterhielt. „Er ist so gut, dass er uns alle in den Schatten stellen wird. Jeder Pass von ihm ergibt einen Sinn.“

          Real Madrid wollte diesen gefühlvollen Ballbeschützer 2007 einmal für 65 Millionen Euro vom FC Barcelona loseisen, stieß damit aber im Klub wie bei Iniesta selbst auf eisige Ablehnung. „Wenn ich sage, ich möchte meine Karriere beim FC Barcelona beenden, ist das auch so“, entgegnete der Umworbene, der sich bis 2015 an seinen Verein gebunden hat und angeblich nur für eine utopische Ablöse von 200 Millionen Euro zu haben wäre. Verließe er irgendwann die katalanische Metropole, ginge er höchstens zurück in seine Heimatgemeinde Fuentealbilla. In dem Ort von gerade mal 2000 Einwohnern hat er längst ein Haus gebaut. Es ist das Anwesen mit der Nummer 1 in der Calle Andrés Iniesta.

          Mehr Starrummel aber lässt der kleine Zauberer nicht zu, denn die schöpferische Kraft seiner großen Phantasie gehört allein seinen beiden Herzensmannschaften in Blau-Rot und Rot-Gelb-Rot. Dafür gibt er alles aus seiner hohen Schule des Fußballverstehers: Annehmen, passen, anbieten, annehmen, passen, anbieten - bis sich das Tor des Gegners öffnet.

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