https://www.faz.net/-gtl-16rr9

Spaniens Gerard Pique : Der Beckenbauer des 21. Jahrhunderts

Gerard Pique: Der spanische Leidensmann Bild: picture alliance / dpa

Der Spanier Gerard Piqué verkörpert einen neuen Typ von Abwehrspieler: Der Innenverteidiger der spanischen Elf ist auch Spielmacher. Im Achtelfinale gegen Portugal (20.30 Uhr) sind aber vornehmlich andere Qualitäten gefragt.

          3 Min.

          Vermutlich werden sich die Chefärztin Montserrat Piqué und der Rechtsanwalt Joan Piqué am Fernseher zuletzt gefragt haben, ob das nötig war. Ob sie für das, was sie aus Südafrika sahen, ihrem Sohn eine solch gute Kinderstube mitgeben mussten - auf der katholischen Eliteschule „La Salle Bonanova“ und auf der berühmtesten Fußballakademie der Welt, „La Masia“ des FC Barcelona. Groß, gut aussehend, eloquent, intelligent: Ihrem Junior stünde die Welt offen. Er könnte sein Geld auf angenehme Weise verdienen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Stattdessen sahen sie beim 0:1 der spanischen Nationalelf gegen die Schweiz, wie ihr Sohn Gerard im erbitterten Zweikampf vor dem Gegentor von einem Stollen an der Augenbraue erwischt wurde. Die blutige Platzwunde musste verklebt werden. Beim 2:0 gegen Honduras traf ihn abermals eine Schuhsohle im Gesicht und riss einen Teil der Lippe auf. Die Betreuer stopften ihm eine Handvoll Mull in den Mund, genäht werden konnte erst später (drei Stiche). Das Auge beklebt, der Mund gestopft, so spielte er weiter, der Lazarus dieser WM. Und dann traf ihn auch noch ein scharf geschossener Ball genau dorthin, wo einem Mann kein Verband hilft; nur tiefes Ein- und Ausatmen, wenn man Glück hat.

          Im Ensemble der körperlosen Schönspieler Spaniens ist Gerard Piqué der Leidensmann. Dabei ist er gar kein typischer Ab- und Aufräumer in der letzten Linie. Vielmehr wird er in Spanien wegen seiner Übersicht, Technik und Eleganz, die erstaunlich ist für einen 1,92-Meter-Mann, schon „Piquénbauer“ gerufen - in Anlehnung an einen großen deutschen Vorläufer. César Luis Menotti, der Weltmeistertrainer von 1978, nannte ihn in einer WM-Kolumne „den besten zentralen Abwehrspieler, seit Franz Beckenbauer aufhörte“.

          Pique wirkt etwas ungelenk, taugt aber dennoch als Spielmacher

          Van Gaals Rempler

          Beim FC Barcelona, wo man über die Jahre einen brillanten kleinen Ballrotierer nach dem anderen produziert hat, von Xavi über Iniesta bis Messi, ist der lange Piqué das Spezialmodell, das im Gesamtkunstwerk noch gefehlt hatte. Piqué, der demselben Jahrgang in „La Masia“ angehörte wie Lionel Messi und Cesc Fabregas, ist jener Typ Abwehrspieler, den Bayern-Trainer Louis van Gaal als Zukunft des Fußballs betrachtet (und in der Gegenwart mit Demichelis und van Buyten noch nicht hat): der Innenverteidiger als Spielmacher.

          Komischerweise hat derselbe van Gaal als Trainer in Barcelona einst die Fähigkeiten des jungen Piqué sehr kritisch beurteilt. Das war vor elf Jahren, und van Gaal besuchte Amador Piqué, Gerards Großvater, der zwanzig Jahre dem Präsidium des Klubs angehörte. Als er den zwölfjährigen Jüngling sah, rempelte er ihn ohne Vorwarnung zur Seite und scherzte: „Mit dieser Standfestigkeit wirst du nie Verteidiger bei Barca.“ Der Junge vergoss Tränen, nahm es aber als Ansporn.

          Fast alles gewonnen, was möglich ist

          Heute ist er im Nationalteam wie in Barcelona die erste Relaisstation im Aufbauspiel, die zweite ist meistens Xavi, mit dem er glänzend harmoniert. Wenn der Gegner Xavi zudeckt, verlagert Piqué das Spiel sofort so, dass der Gegner sich verschieben muss, und nach zwei, drei schnellen Stationen landet der Ball dann doch beim nun anspielbaren Xavi. Oder Piqué kürzt, wenn sich die Gelegenheit bietet, die übliche Ballstafette ab, lässt das Mittelfeld aus und schickt selbst den Pass in die Spitze, so wie im April in der Champions League bei Arsenal, als er zum 2:0 einen Traumpass über fünfzig Meter auf den Fuß von Ibrahimovic schlug.

          An diesem Dienstag ist Piqué im tückischen Nachbarschaftsduell mit Portugal besonders gefordert. Denn üblicherweise wird die Qualität der Verteidigung im Laufe eines WM-Turniers immer wichtiger. Sollte er mit Spanien Weltmeister werden, könnte er aufhören. Dann hätte er, mit 23 Jahren, so ziemlich alles gewonnen, was man als Fußballer gewinnen kann: mit Manchester United Champions League und englische Meisterschaft 2008, mit Barcelona Champions League und spanische Meisterschaft 2009, dazu den spanischen Pokal, den spanischen Supercup, den europäischen Supercup, die Klub-Weltmeisterschaft und 2010 wieder die spanische Meisterschaft. Beim Gewinn der Europameisterschaft 2008 stand er als Juniorennationalspieler noch nicht im Kader des damaligen Trainers Luis Aragones, seinen Europameistertitel sicherte er sich freilich schon 2006 mit der U19-Auswahl seines Landes.

          Einige Tage Flüssignahrung

          Trotz der Erfolge und des Talents gibt er sich nicht als etwas Besseres, als ein verkappter Spielmacher und Schönspieler, der Nebenmann Carles Puyol und andere hinten die Drecksarbeit machen ließe. Er riskiert selbst Kopf und Kragen, um Gefahr abzuwenden. Die blutigen Folgen dieser Einsatzfreude zwangen ihn nach dem Honduras-Spiel zu einigen Tagen Flüssignahrung - und dürften einer unbekannten Zahl junger Damen einen Aufschrei des Schreckens entlockt haben. Der schicke Katalane gilt als großer Frauenschwarm.

          Das kleine Einmaleins des Verteidigens - Stellungsspiel, Kopfballstärke, Präsenz und Timing im Zweikampf - hat er in seinen ersten drei Profijahren bei Alex Ferguson in Manchester gelernt. Er kehrte nach Barcelona zurück, weil er durch die damalige Dominanz von Ferdinand und Vidic, für ihn „die beste Innenverteidigung der Welt“, zu wenig Einsatzchancen bekam. Kaum wieder daheim, kam er ganz groß heraus. Einer, der das Verteidigen in Manchester lernte und das Fußballspielen in Barcelona - die perfekte Mischung für Piqué Ass, den Beckenbauer des 21. Jahrhunderts.

          Weitere Themen

          FC Bayern trifft auf Olympiakos Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern trifft auf Olympiakos

          Am dritten Spieltag müssen die Bayern nach Griechenland zu Olympiakos Piräus, dem Tabellen-Dritten in der Gruppe B. Trainer Niko Kovac warnte auf der letzten Pressekonferenz vor der Partie und vor dem Gegner.

          Pinguine auf ganz dünnem Eis

          Eishockey in Krefeld : Pinguine auf ganz dünnem Eis

          Sportlich läuft es nicht beim Tabellenletzten der Deutschen Eishockey Liga. Und über die Krefelder Finanzen verbreiten Geschäftsführer Roos und Gesellschafter Ponomarew unterschiedliche Versionen.

          Topmeldungen

          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Ukraine-Affäre : Stehen die Republikaner weiter hinter Trump?

          Der amerikanische Botschafter in der Ukraine, William Taylor, hat Donald Trump vor dem Kongress schwer belastet. Die Republikaner reagierten mit Solidaritätsbekundungen, aber einige in der Partei setzen sich auch von ihrem Präsidenten ab.

          Sorgen beim FC Bayern : „Es muss alles besser werden“

          Drittes Spiel, dritter Sieg: Doch die Münchner zeigen in der Champions League in Piräus viele Mängel. Sportdirektor Salihamidzic übt deutliche Kritik. Dazu kommt Verletzungspech. Der nächste Spieler fehlt lange.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.