https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/sophia-kleinherne-im-interview-zur-frauenfussball-em-2022-18225554.html

Sophia Kleinherne im Interview : „Der Beginn von etwas ganz Großem“

  • -Aktualisiert am

„Eine ehrliche Einheit, keine künstlich überspitzte“: Sophia Kleinherne (links) und Sara Doorsoun nach Kleinhernes Tor im EM-Spiel gegen Finnland Bild: Imago

Nationalspielerin Sophia Kleinherne spricht im Interview über die große Aufmerksamkeit nach der EM, die Pläne mit der Eintracht und was sich ändern muss, damit wieder mehr Mädchen Fußball spielen.

          5 Min.

          Frau Kleinherne, was war Ihr erinnerungswürdigster Moment der zurückliegenden EM-Wochen?

          Es gab so viele Schlüsselmomente, die mich geprägt haben, dass ich da gar keinen einzelnen herauspicken mag. Das Spanien-Spiel war mein erstes Match auf solch einer Riesenbühne. Gegen Finnland habe ich mein erstes Länderspieltor überhaupt erzielt. Die Kulisse im Finale in Wembley war unglaublich. Aber auch der Empfang hier in Frankfurt auf dem Römerberg – wir haben nicht damit gerechnet, dass uns so viele Menschen empfangen werden.

          Inwiefern wirken solche Schlüsselmomente, wie Sie sagen, prägend auf Sie?

          Das waren Momente, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Auch in dem Sinne, dass es eine Wertschätzung und Belohnung für das war, was man Wochen, Monate und Jahre täglich im Verborgenen gegeben hat. Ich habe mehr Spielzeit erhalten, als ich mir vorher ausgemalt hatte, und habe mir vorgenommen, für die Mannschaft da zu sein, wenn ich gebraucht werde. Das habe ich ganz gut hinbekommen. Es war großartig, auf dieser Bühne gegen solch starke Gegner dokumentieren zu können, was ich kann und wie ich dazugelernt habe. Das maximal hohe Niveau der Spiele in England hat uns als Mannschaft über uns hinauswachsen lassen. Es war toll zu erleben, wie alle hundertprozentig da waren, als wir es am meisten gebraucht haben. Und dass wir dabei offensichtlich so viele Menschen begeistert und mitgerissen haben, ist die größte Wertschätzung, die uns zuteilwerden konnte.

          Empfinden Sie es nicht auch als ein Stück weit beleidigend, dass nun plötzlich alle Welt feststellt: Oh, die können ja richtig gut kicken! Starkes Niveau wird bei den Topduellen in Bundesliga und Champions League schon länger gezeigt.

          Es ist toll, dass die EM so viel ausgelöst hat. Aber, ja, irgendwo ist es auch schade, dass es große Turniere wie die EM in dieser Form brauchte, um uns sichtbarer zu machen. Denn wir kämpfen dafür schon viele Jahre. Aber natürlich tut uns dieser Schub durch die EM sehr gut für diesen Kampf um Akzeptanz und Anerkennung. Vielleicht schaut man ja in einigen Jahren auf dieses Turnier 2022 zurück und bezeichnet dieses als Schlüsselmoment für eine Aufwärtsentwicklung, die daraufhin eingesetzt hat. Dieses Turnier sollte nicht als Ende gesehen werden von vier Wochen, an deren Schluss wir den Titelgewinn knapp verpasst haben. Sondern als Beginn von etwas ganz Großem, als erste Etappe, um noch einiges mehr für den Frauenfußball zu erreichen.

          Was sind nun die wichtigsten Schritte mit dem Rückenwind des Turniers?

          Wir wollen, dass die Euphoriewelle aus England hier herüberschwappt. Dass es keine einmalige Ausnahmesituation bleibt und wir nach drei Monaten wieder vergessen werden können. Was man hört und was man liest und nicht zuletzt, welche Rückmeldungen ich bekommen habe, weist daraufhin, dass viele Menschen nun auch mal ein Bundesligaspiel besuchen wollen. Und nicht nur ein ausgewähltes Topspiel wie Bayern München gegen VfL Wolfsburg. Ein deutlich erhöhter durchschnittlicher Zuschauerschnitt wäre für die Liga ein wichtiger Schritt.

          Leere Ränge sind in der Bundesliga keine Seltenheit, wie hier bei der Meisterfeier der Bayern 2021.
          Leere Ränge sind in der Bundesliga keine Seltenheit, wie hier bei der Meisterfeier der Bayern 2021. : Bild: dpa

          Was noch?

          Es müsste den Zuschauern einfacher gemacht werden, uns zu erleben und zu verfolgen, live im Stadion oder vor dem Fernseher. Um zu zeigen, wie professionell wir arbeiten und uns vorbereiten auf die Wettkämpfe. Darin täuschen sich viele noch. Die Doku „Born for this – Mehr als Fußball“ der Nationalmannschaft macht dies deutlich und hat vielen erst einen Einblick gegeben, was wir leisten und was in uns abgeht. Da haben wir uns schon sehr geöffnet, und die nächsten Folgen mit Inhalten von der EM dürften auch sehr spannend und sehenswert werden.

          Wann ist dieser besondere Teamgeist entstanden, der die deutsche Mannschaft durch die EM getragen hat? In den Monaten zuvor schien dieser durch viele personelle Experimente der Bundestrainerin und viele Ausfälle bei den Vorbereitungsspielen noch nicht sehr ausgeprägt gewesen zu sein.

          Es ist kein Geheimnis, dass es Phasen gab, in der wir uns als Mannschaft überhaupt nicht gefunden haben. In denen es zwischen Mannschaft und Trainerteam nicht gepasst hat und auch untereinander zwischen den Spielerinnen geknirscht hat. Die beiden Vorbereitungs-Camps in Herzogenaurach haben sehr viel dazu beigetragen, dass wir eine Einheit gebildet haben. Und zwar eine ehrliche und keine künstlich überspitzte. Wir sind in England gelandet und haben uns in die Augen geschaut im Wissen, dass es nur gemeinsam geht. Spätestens nach dem ersten Spiel gegen Dänemark war uns klar, dass es keine Illusion ist, sondern dass wir wirklich das Potential und die Qualität haben, weit zu kommen. Dass jeder, egal in welcher Rolle, das große Ganze trägt, haben alle im Kader, Trainerteam und Staff voll gelebt.

          Weitere Themen

          Farke findet Erklärungen

          Gladbacher Debakel : Farke findet Erklärungen

          Sprunggelenkprobleme, gebrochene Nase, Magenverstimmung: Als Ausreden will Gladbachs Trainer dies nicht gelten lassen, wohl aber als Hinweise. Fragt sich nur, warum er das Lazarett auflaufen ließ?

          Topmeldungen

          Noch läuft es: Das Kernkraftwerk Isar 2 in der Nähe von Landshut

          Atomenergie : Habecks Kehrtwende reicht nicht

          Der Wirtschaftsminister lässt zwei Atomkraftwerke länger laufen. Was Deutschland wirklich braucht, ist eine unideologische Politik, die viel weiter geht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.