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Herberger-Ausstellung : Fußballtaktik mit Platon, Mao und Co.

Altbundestrainer Sepp Herberge: das „Wunder von Bern“ hat seine Wurzeln in einer mit Büchern vollgestopften Schrankwand Bild: Picture-Alliance

Mao, Macchiavelli, Platon: Sepp Herberger war ein fanatischer Leser, stets bemüht um praktischen Nutzen. Auch das „Wunder von Bern“ hat seinen Ursprung in breitgefächerter Lektüre.

          3 Min.

          China sucht im Fußball den großen Sprung nach vorn, auch mit deutscher Hilfe. Dabei gelang Deutschland der große Sprung nach vorn einst mit chinesischer Hilfe. Sepp Herberger besaß drei Bücher von Mao Tse-tung, dessen Ideen zum Guerrillakrieg er vor dem WM-Sieg 1954 fleißig studierte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Für die letzte Teambesprechung vor dem Halbfinale gegen Österreich notierte er sich: „Angriffswirbel, ständiger Wechsel auf den Positionen im Angriff. Keiner ist an seinen Platz gebunden, aber jeder Platz muss besetzt sein.“ Das Ziel: nicht berechenbar sein und den Gegner mit einer Überfalltaktik von „Blitzangriffen“ verwirren.

          „Wenn der Mao wüsste, dass ich ihn hier zum Fußball-Strategen umfunktioniert habe ...“, notierte Herberger, der große Autodidakt, der als eifriger Leser im kleinen Studierzimmer unter der Dachschräge seines Hauses in Hohensachsen, heute ein Stadtteil von Weinheim an der Bergstraße, den geistigen Rahmen für den Aufstieg des deutschen Fußballs schuf.

          Hier hat das „Wunder von Bern“ seinen Ursprung

          Dieser bisher nahezu unbekannte Einfluss durch breitgefächerte Lektüre wird erstmals vom 26. März an in der Ausstellung „Herbergers Welt der Bücher – Die unbekannten Seiten der Trainer-Legende“ im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund dargestellt. Als „Raumskulptur“ ist dort die komplette, rund 1500 Bände umfassende Bibliothek zu sehen, die Herberger dem DFB vermachte.

          Nach dem Finalsieg wurde Herberger (r.) wie Kapitän Walter auf Schultern getragen. „Wenn der Mao wüsste, dass ich ihn hier zum Fußball-Strategen umfunktioniert habe ...“
          Nach dem Finalsieg wurde Herberger (r.) wie Kapitän Walter auf Schultern getragen. „Wenn der Mao wüsste, dass ich ihn hier zum Fußball-Strategen umfunktioniert habe ...“ : Bild: dpa

          Das „Wunder von Bern“, so die Quintessenz, hat seine Wurzeln auch in einer mit Büchern vollgestopften Schrankwand in einem deutschen Nachkriegswohnzimmer und in einem kleinen Büro unterm Dach. „In seinem Studierzimmer hat er die meisten Bücher aus seiner Bibliothek regelrecht durchforstet“, schreibt Manuel Neukirchner im illustrierten Begleitbuch zur Ausstellung (Verlag „Die Werkstatt“). Dort „abstrahierte er aus den verschiedensten Bänden Leitsätze für seine Lehre“.

          Herberger las Bücher über Rhetorik und Redensarten, über Psychoanalyse und Sexualethik, über Charakterforschung und „Über die Dummheit – Ursachen und Wirkungen der intellektuellen Minderleistung des Menschen“. Er las Buddha und Platon, Machiavelli und Mussolini, stets bemüht um praktischen Nutzen. Die Bildung, die ihm verwehrt geblieben war, weil er die Schule nach dem Tod des Vaters schon mit zwölf Jahren verlassen musste, holte er als fanatischer Leser nach.

          Besonderes Interesse an praktischer Psychologie

          Besonders Bücher zur praktischen Psychologie fesselten ihn. Fündig für seine Arbeit, für Menschenführung und Motivation, wurde er vor allem beim amerikanischen Ratgeberautor Dale Carnegie, wie Neukirchner am Beispiel des Verteidigers Werner Kohlmeyer illustriert. Herberger holte ihn mit an Carnegie angelehnter „positiver, indirekter Beeinflussung“, mit Briefen, in denen er ihn an seine Stärken erinnerte, aus einer Formkrise. Kohlmeyer wurde eine der Stützen des Weltmeisterteams und besorgte nach dem 3:2-Sieg gegen Ungarn als Geschenk den Finalball für Herbergers Wohnzimmer.

          Dick unterstrichen hatte Herberger bei Carnegie den Satz, wonach „ein Tropfen Honig mehr Fliegen fängt als ein ganzer Liter Galle“. Er formulierte es in seiner ganz eigenen, klaren Sprache in ein anderes Bild um: „Die Fußballspieler sind manchmal wie die lieben Viecherl. Man muss sie streicheln, statt es ihnen ins Genick zu geben!“

          Die Lektürevorlieben dieses lebenslang wissenshungrigen Mannes dokumentieren die ewigen Spannungsfelder eines Lehrers und Trainers: Theorie und Praxis, Führung und Freiheit, Kollektiv und Individuum. Immer suchte er beides zu vereinigen. So hatte neben Mao auch der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz großen Einfluss auf Herbergers Denken. Dessen „flexibles Manövrieren“, die Beweglichkeit einer Truppe, die sich strategisch in der Verteidigung befindet und dennoch taktisch offensiv agiert, klingt wie das Erfolgsrezept im WM-Finale gegen die hoch favorisierten und früh 2:0 in Führung gegangenen Ungarn in Bern 1954: das Verharren in der Defensive, bis der Gegner ermüdet, um dann, am „Kulminationspunkt des Sieges“, in die Offensive zu gehen.

          „Homo ludens“

          „Was versteht man unter Taktik?“, hatte Herberger in seinem Konzeptpapier für die WM schon ein Jahr vor dem Turnier gefragt und sich selber geantwortet: „Clausewitz. Also: wirkungsvolle, erfolgreiche Ausnutzung der Situation unter Ausspielung der eigenen Stärken!“ Doch zugleich kannte Herberger immer auch die Grenzen der Theorie, wie ein Vermerk in seinem Clausewitz belegt: „Die Strategie kann nichts entscheiden, sondern bloß das Gefecht vorbereiten.“

          Herbergers Leistung war es, trotz des Interesses an militärischer Theorie keinen militärischen Fußball spielen zu lassen wie sein Vorgänger Otto Nerz, der auf Drill, Gleichschritt, Physis und Befehlserfüllung setzte. Herberger, der Huizingas „Homo ludens“ las, strebte „eigenständiges Denken“ seiner Spieler an und versuchte ihnen so viel individuelle Freiheit wie möglich zu geben. Er wollte Spielfreude, ließ mit dem Ball trainieren, und in seiner Elf sollten immer „elf Mann im Angriff, elf Mann in der Abwehr sein“. Ideen wie aus dem 21. Jahrhundert.

          Ein spannendes Unterfangen: die Welt eines Mannes der Tat anhand der Bücher darzustellen, die er las. Die geistige Welt eines Menschen, der kein Professor war, kein Philosoph, sondern ein Praktiker. Ein Fußballtrainer. Ein Mann, der dabei mit den Ideen, die er aufnahm, umformulierte, umsetzte, und mit lebenslänglicher Neugier und Lernbereitschaft ungeheuer modern wirkt.

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