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Produktionsbedingungen für Adidas : Weltmeister-Sterne im Akkord

  • -Aktualisiert am

Teure Sterne: Adidas druckt das neue Weltmeistertrikot. Bild: WITTERS

Adidas erläutert die Produktionsbedingungen des Weltmeistertrikots: Die Arbeiter in der Provinz Guangdong verdienen demnach weit mehr als den Mindestlohn. Kritiker sprechen von Irreführung.

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          Der Sportartikelkonzern Adidas versucht in der Diskussion über das Weltmeistertrikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft den Vorwurf zu entkräften, er ließe das Hemd mit den vier Sternen unter menschenunwürdigen Bedingungen in Billiglohnländern produzieren. Der in diesem Fall für Adidas tätige Hersteller in China erfülle alle gesetzlichen und unternehmerischen Vorgaben aus Deutschland, teilte das Unternehmen der F.A.Z. mit. Produziert wird das Trikot in einem Zulieferbetrieb (Bowker Yee Sing) in der südchinesischen Provinz Guangdong (Heyuan). Dort erhielten die Arbeiter einen Nettolohn von derzeit umgerechnet bis zu 339 Euro. Der gesetzlich vorgesehene Mindestlohn in dieser Region liege seit Juli dieses Jahres bei rund 127 Euro, gibt Adidas an. Der Zulieferbetrieb sei einer der „vorbildlichsten Hersteller“ und erfülle stets die eingeforderten Arbeitsplatzbedingungen. Doch es stellen sich weiterhin Fragen – so muss für das Gehalt 60 Stunden gearbeitet werden.

          Zuletzt war durch die Kritik des Bundesentwicklungsministers Gerd Müller (CSU) an den Produktionsbedingungen großer Unternehmen im Ausland eine Debatte entbrannt. Müller hatte dabei auch Nationalmannschaftssponsor Adidas ins Visier genommen. Diese Zeitung berichtete vergangene Woche darüber. Die „Kampagne für Saubere Kleidung“, die sich seit Jahren mit der Problematik ausgebeuteter Arbeiter in Billiglohnländern beschäftigt, sieht Firmen wie Adidas weiterhin kritisch. „Adidas liegt mit seinen Lohnzahlungen immer noch weit unterhalb der Forderungen“, sagt Berndt Hinzmann vom Inkota-Netzwerk in Berlin.

          Ein akzeptabler Mindestlohn müsse mindestens beim Doppelten des jetzigen liegen, so Berechnungen der Partner in Asien wie der Asia Floor Wage Alliance. Gemessen an dieser Forderung befindet sich Adidas mit seinem Nettolohn bei der Produktion des WM-Trikots allerdings im grünen Bereich. Trotzdem: Wie setzt sich das Gehalt zusammen? Auf welchem Niveau liegen Basislohn und Leistungszuschläge? Wie viele Überstunden müssen für den Lohn geleistet werden?

          Liste aller Hersteller für mehr Transparenz veröffentlicht

          Adidas gibt für den Standort Heyuan an, dass in der Fabrik dort bis zu 60 Stunden pro Woche gearbeitet werde. Die Internationale Arbeitsorganisation fordert in ihrer Konvention ein Maximum von 48 Stunden regulärer Arbeitszeit; dazu sollten nur unregelmäßig zwölf Überstunden in der Woche kommen. Adidas spricht von Genehmigungen der Provinzregierung und Absprachen mit staatlichen Gewerkschaftsvertretern. Die gesetzlich bestimmte Höchstarbeitszeit liegt in der Provinz Guangdong deutlich höher als woanders im Land. Die durchschnittliche Arbeitszeit beim Zulieferbetrieb Bowker variiert nach Adidas-Angaben stark. Auch für das WM-Trikot mit den vier Sternen auf der Brust sei in Produktionsspitzen bei Bowker im Juli im Schnitt knapp 60 Stunden gearbeitet worden.

          Der von Adidas genannte durchschnittliche Netto-Monatslohn von derzeit bis zu 339 Euro setzt sich nach Angaben des Unternehmens aus vierzig Prozent Basislohn, 35 Prozent für Erfolgszuschläge, Verpflegung, Unterkunft und Betriebszugehörigkeit sowie zu 25 Prozent aus Überstunden zusammen. Organisationen wie Inkota kritisieren, dass der somit bestehende Basislohn von etwa 136 Euro nicht reiche und sich vor allem unter dem eigentlich notwendigen Existenzlohn am Standort befinde. Nach einer Berechnung der Fair Wear Foundation müsste ein akzeptabler Basislohn, gleich dem existenzsichernden Lohn, in etwa beim 2,3-fachen des aktuellen, in Heyuan gesetzlich geltenden Mindestlohnes von derzeit 127 Euro liegen. Ein Grundlohn ohne Erfolgszulagen und Überstunden befände sich auf Basis dieser Forderung für die Näher des WM-Trikots bei 292 Euro. „Leistungsanreize sind grundsätzlich nicht das Problem. Aber der Basislohn muss sich an den Berechnungen des Existenzlohnes und der Internationalen Arbeitsorganisation orientieren und für den Lebensunterhalt ausreichen. Alles andere führt aufgrund der engen Vorgaben zu massivem Leistungsdruck und einer hohen Abhängigkeit“, bemängelt Hinzmann.

          Nicht für alle lustig: Das Weltmeistertrikot
          Nicht für alle lustig: Das Weltmeistertrikot : Bild: dpa

          Für mehr Transparenz hat Adidas eine Liste aller Hersteller auf seiner Internetseite veröffentlicht. Doch auch hiermit sind Kritiker nicht zufrieden. „Nach unserem Kenntnisstand wird bei Auftragsspitzen die Produktion weitergeleitet an Fabriken, die das zweite oder dritte Glied in der Beschaffungskette bilden. Die kurzen Lieferfristen zum möglichst günstigen Preis führen zur Auslagerung und zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen entlang der Kette“, sagt Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero. Adidas bestreitet diese Praxis und gibt an, seinen Zulieferern eine solche Sub-Auftragsvergabe zu verbieten.

          Der Deutsche Fußball-Bund wollte sich in der Diskussion über die Herstellung des Weltmeistertrikots nicht äußern. Nach einer Erhebung der Beratungsagentur „PR Marketing“ in Rheine erhält der Verband für jedes verkaufte Trikot eine Lizenzgebühr von 5,10 Euro. Diese Summe ist Bestandteil des Ladenverkaufspreises von 85 Euro. Die Gewinnspanne von Adidas liegt bei 16,26 Euro pro verkauftem Trikot. Für den Stoff, die Herstellung und den Transport kalkuliert der Sportartikelkonzern mit 8,23 Euro pro Hemd.

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