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Sir Alex Ferguson : Weiß alles, sieht alles

Rekordmeister ist Ferguson inzwischen, doch Schluss soll noch lange nicht sein Bild: dapd

Alex Ferguson feiert an diesem Sonntag ein einmaliges Jubiläum: Er ist seit 25 Jahren Trainer bei Manchester United. In Wahrheit aber ist er längst viel mehr als das.

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          Das Leben ist eine Folge von Fehlern. Dumm nur, dass man an manche ein Leben lang erinnert wird. So wie jener Manager der Plattenfirma Decca, der 1962 eine junge Band namens „Beatles“ für zu untalentiert hielt. Oder die Lektoren jener Buchverlage, die 1996 ein Manuskript mit dem Titel „Harry Potter“ ablehnten.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dann die Manager jener beiden NBA-Klubs, die beim „Draft“, der jährlichen Verteilung der Basketballtalente, 1984 einen gewissen Michael Jordan verschmähten. Und dann wäre da noch Willie Todd, der 1978 als Boss des schottischen Fußballklubs St. Millen seinen Trainer entließ. Begründung: Er besitze „keine Führungsqualitäten“.

          Diese Entlassung, die einzige im Leben von Sir Alex Ferguson, verdient ihren Platz im Kanon klassischer Fehlentscheidungen der Entertainment-Branche. An diesem Sonntag vollendet der erfolgreichste Klubtrainer der Welt 25 Jahre bei Manchester United - einmalig im kurzlebigen Fußballgeschäft.

          Längst ist Ferguson mehr als ein Trainer. Er ist eine Trainerdynastie in einer Person. Aber eine ohne Thronfolger. Kein Wunder, dass er sich schwertut mit dem Gedanken an Abschied. Schließlich war es immer sein Stehvermögen und das seiner Teams, das ihm die größten Momente bescherte, die beiden Champions-League-Siege: Nachspielzeit gegen Bayern 1999, Elfmeterschießen gegen Chelsea 2008.

          „Mir bleiben noch drei oder vier Jahre“

          „Ich bin im Elfmeterschießen meiner Karriere“, sagte er in diesem Frühjahr. „Vielleicht müsst ihr mich hier hinaustragen. Ich fürchte den Gedanken an Rücktritt. Ich sitze schon so lange auf dem Zug, dass ich fürchte, wenn ich aussteige, wird mein System kollabieren.“ Inzwischen hat er weitergedacht: „Mir bleiben noch drei oder vier Jahre. Aber wenn ich aufhöre, werde ich ein starkes junges Team zurücklassen, das auch unter meinem Nachfolger Erfolg haben wird.“

          Als junger Trainer in Schottland hatte Ferguson mit dem FC Aberdeen die Vormacht der Glasgower Klubs gebrochen, drei Meistertitel und den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. Doch in Manchester musste er am 6. November 1986 wieder unten anfangen. Er fand einen maroden Klub vor, ein zerrissenes Team, undisziplinierte Spieler. Er räumte auf. Aber erst nach dem Meistertitel 1993, dem ersten von zwölf, saß er fest im Sattel.

          Gut eingepackt erschien Alex Ferguson am 7. November 1986 zu seinem ersten Arbeitstag Bilderstrecke

          Seine Spieler verehren und fürchten ihn gleichermaßen. Ferguson ist legendär für seinen Mix aus Fürsorge und Furor (das Anbrüllen aus kurzer Distanz nennen die Spieler „Hairdryer“, weil man sich danach das Fönen sparen kann). Gerard Pique, der bei United spielte, ehe er zum FC Barcelona zurückkehrte, sagt: „Ich sah ihn nicht als Trainer, er war eher wie der Klubbesitzer.

          Ferguson kontrollierte alles, sogar dein Privatleben. Er sieht alles!“ Der Boss ist legendär dafür, alles zu wissen, auch die Namen der Jugendspieler, auch die ihrer Eltern, ja sogar, wie der Kollege Harry Redknapp behauptet, „die Namen der Platzwarte“. Noch mit bald 70 Jahren ist er ein akribischer Arbeiter, der morgens um 7.30 Uhr zum Dienst erscheint.

          „Arbeit, Opferbereitschaft, Solidarität“

          Ferguson hat aus seiner proletarischen Herkunft die Verhaltensmuster für den kollektiven Erfolg bezogen. „Ich erinnere die Spieler gern an ihre Wurzeln. Ich will, dass sie an die Geschichte ihrer Familie denken. Dass sie die Werte ihrer Klasse wahren“, sagt der Sohn eines Werftarbeiters aus Glasgow.

          „Wer heute aus der Arbeiterklasse kommt, steht einer Welt voller Technologie und Luxus gegenüber, die er sich nicht leisten kann. Die Spieler können sich alles leisten, aber ich sorge dafür, dass sie ein Ethos bewahren.“ Dessen Kern: „Arbeit, Opferbereitschaft, Solidarität“.

          Ferguson ist auf dem Transfermarkt in der Defensive

          Fergusons Kunst besteht darin, diese sozialen, ja sozialistischen Werte in der knallhart kapitalistischen Welt des Profifußballs zu verwirklichen - und sich zugleich in dieser Welt und ihren Geld- und Transfermärkten virtuos zu bewegen. Allerdings steht der Klub, den Ferguson zum umsatzstärksten der Welt gemacht hatte, dabei längst nicht mehr so gut da wie vor der feindlichen Übernahme durch den Amerikaner Malcolm Glazer 2005.

          Der operative Gewinn wird nun aufgezehrt durch die jährlich mehr als 70 Millionen Pfund zum Bedienen der Glazer-Kredite. Das führte dazu, dass Ferguson nach fast zwanzig Jahren, in denen er die bestimmende Macht auf dem englischen, zeitweise auch auf dem europäischen Transfermarkt war - einer, der die Spieler bekam, die er wollte -, inzwischen in die Defensive geraten ist.

          Manchester United eine kollektive DNA eingepflanzt

          Mit dem Lokalrivalen Manchester City, der mit dem Geld aus Abu Dhabi wuchern kann und beim 6:1 im Derby Ferguson vor zwei Wochen „den schwärzesten Tag“ seiner Karriere bescherte, kann United im Kampf um Weltklassespieler nicht mehr mithalten. Zum Jubiläum gab es am Samstag immerhin einen 1:0-Sieg über Sunderland.

          Doch das, was er in 25 Jahren aufgebaut hat, lässt sich auch mit ein paar Milliarden schnellen Geldes nicht so einfach kopieren. Ferguson hat United eine Art kollektive DNA eingepflanzt. Sie macht seine Teams, egal in welcher Besetzung, unverwechselbar: eisenharte Defensive, laufstarkes Mittelfeld, wuchtiger Sturm. Es sind stets funktionierendes Kollektive ohne Angst, ohne Schwäche, ohne Geschenke. Vielleicht hat Willie Todd seine Meinung doch noch geändert.

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