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AC Mailand gehört Chinesen : Berlusconi verkauft sein Spielzeug

  • -Aktualisiert am

Silvio Berlusconi (links) hat den AC Mailand verkauft. Bild: AP

Eine Ära geht zu Ende: Silvio Berlusconi hat den AC Mailand nach China verkauft. Der Handel bringt ihm 520 Millionen Euro – und für den Klub ein großes Wagnis.

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          Für Mailänder Traditionalisten ist dieser Samstag schwer zu ertragen. Das Stadtderby zwischen Inter Mailand und dem AC Mailand wird schon um 12.30 Uhr angepfiffen, also zu einem schon aus kulinarischen Gründen denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Dass das Spiel samstags stattfindet, ist auch schon eine Zumutung, schließlich spielen die Teams der Serie A traditionell am Sonntag. Der Tabellensiebte tritt gegen den Sechsten an, dem Mailänder Selbstverständnis entsprechen diese Plazierungen kaum. Und dann stellt dieses Spiel auch noch eine historische Wende dar, da erstmals zwei Eigentümer beim „Derby della Madonnina“ mitfiebern werden, die bis vor kurzem noch gar nicht wussten, dass mit der Madonnina die Madonnenstatue auf dem Mailänder Dom gemeint ist.

          Am Donnerstag hat Silvio Berlusconi den AC Mailand endgültig an einen chinesischen Eigentümer verkauft. Inter Mailand gehört bereits seit vergangenem Sommer dem Elektronik-Konzern Suning aus Nanjing. Mailand, das bis vor etwa zehn Jahren weltweit bewunderte Zentrum europäischer Fußballkultur, lässt sich nun ganz und nur teilweise freiwillig auf ein großes Experiment ein. Beim AC Mailand ist die 31 Jahre dauernde Ägide des extrovertierten Vereinschefs und vierfachen italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi zu Ende. Ab sofort übernimmt die Rossoneri Sport Investment Lux des auch in China offenbar nicht besonders bekannten Unternehmers Li Yonghong. „Wir müssen Milan wieder an die Spitze bringen“, sagte der 48-Jährige aus der südchinesischen Millionenstadt Shenzen.

          Der traditionsreiche italienische Klub soll wieder erfolgreicher werden.
          Der traditionsreiche italienische Klub soll wieder erfolgreicher werden. : Bild: Reuters

          Während die Unternehmerfamilien Moratti (Inter) und Berlusconi (AC Mailand) die hohen Kosten für ihre Lieblingsspielzeuge nicht mehr tragen wollten und konnten, sind Investitionen im Sportgeschäft Teil chinesischer Staatspolitik. Insofern wirken die Übernahmen konsequent. In China boomt das Geschäft mit dem Fußball, Inter und Milan sind dort nach Real Madrid die Vereine mit der größten Anziehungskraft. Geschäftlich schlummert im bevölkerungsreichsten Staat der Erde (bald 1,4 Milliarden Menschen) großes Potential, gerade für europäische Vereine. Das erklärt teilweise wohl auch den hohen Preis für den AC Mailand. Berlusconis Familienholding Fininvest strich nach komplizierten, zweijährigen Verhandlungen, insgesamt 520 Millionen Euro ein. Bis zuletzt drohte der Deal zu scheitern. Yonghong verpflichtete sich auch zur Übernahme der Schulden des Vereins in Höhe von 220 Millionen Euro. Mehr als 300 Millionen Euro steuerte im letzten Moment die Elliott Management Corporation, ein amerikanischer Hedgefonds bei.

          Wenn Yonghong oder andere noch zu findende Investoren innerhalb von 18 Monaten dieses Darlehen nicht zurückzahlen, könnte der AC Mailand im Herbst 2018 nicht mehr in chinesischen, sondern in amerikanischen Händen sein. So weit will in Mailand derzeit aber kaum jemand denken. Die für die Tifosi drängendste Frage lautet vielmehr, ob der 18 Jahre alte Startorwart Gianluigi Donnarumma gehalten werden kann. Der neue Eigentümer, von dem man immer noch sehr wenig weiß, hat sich zu jährlichen Investitionen bis zu 150 Millionen Euro verpflichtet. Yonghong hält Firmenanteile in Höhe von rund 500 Millionen Euro in der Verpackungsindustrie, im Geschäft mit Phosphat-Minen sowie in Immobilien. Im Vergleich zu seinem ebenso schillernden wie umstrittenen Vorgänger Berlusconi wirkt der Chinese wie ein fader Bürokrat.

          Berlusconi hingegen nutzte seinen Abschied am Donnerstag noch einmal für die große Geste. Er versicherte, die Trennung vom AC Mailand nur unter „Schmerzen und Rührung“ zu verkraften, und versprach, auch in Zukunft „immer der erste Tifoso von Milan“ zu bleiben. Die 520 Millionen Euro Gewinn werden ihn trösten, das Geld soll teilweise in der Übernahmeschlacht mit dem französischen Vivendi-Konzern eingesetzt werden, der Berlusconis Fernsehimperium Mediaset übernehmen will. Mit dem Milan-Verkauf endet nicht nur die sportlich erfolgreichste Zeit des Klubs, der seit 1986 unter anderem acht Meistertitel und fünfmal die Champions League gewann. Auch die jahrzehntelang vom inzwischen 80 Jahre alten Berlusconi verkörperte Macht-Melange aus Politik, Fernsehen und Fußball löst sich langsam, aber sicher wieder in ihre einzelnen Bestandteile auf.

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