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Sieg gegen Schweden : Elfmeterschießen? Für Holland endlich ein Kinderspiel

Van der Sar senior und junior Bild: dpa/dpaweb

Die Niederländer haben im EM-Viertelfinale einen zwölf Jahre währenden Albtraum besiegt und nach vier Fehlversuchen mal wieder ein Elfmeterschießen gewonnen. Nach dem 5:4 gegen Schweden wartet jetzt Portugal im Halbfinale.

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          Im nachhinein war alles ein Kinderspiel. Der kleine van der Sar, in orangefarbenen Haaren und mit Torhütertrikot in Miniformat, winkte, wie es der an diesem Abend besonders große Vater Edwin tat, und Patrick Kluiverts Filius, wie der Papa im Dress mit der Nummer neun, hüpfte auf dem Rasen von da nach dort.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es schien plötzlich alles so kinderleicht an diesem 26. Juni 2004, als die Niederländer einen zwölf Jahre währenden Albtraum besiegt und zu neuem Teamgeist gefunden hatten. Wie sie das, was ihnen zuvor viermal in Folge unmöglich war, mit einem Male schafften, nur darüber stritten die Schützen.

          "Ein langer, langer Weg"

          Er sei froh gewesen, den Anfang gemacht zu haben, bekannte Ruud van Nistelrooy, für den der Gang vom Anstoßpunkt "ein langer, langer Weg" war. "Man muß die dreißig Meter vom Mittelkreis zum Punkt konzentriert zurücklegen", behauptete indes Roy Makaay. "Ich habe den Verstand auf Null gestellt", sagte der niederländische Jungstar Arjen Robben, der sein bislang herausragendes Auftreten in Portugal krönte, indem er in Faro den entscheidenden sechsten Elfmeter zum 5:4 im EM-Viertelfinale gegen die schwedische Auswahl verwandelte.

          Kniefall: van Nistelroy und Makkay

          Frank de Boer, beim Wettschießen längst wieder verletzt auf der Bank, hatte seinerseits "einfach ein gutes Gefühl". Ob so, so oder so - die "Oranjes" sahen rosarot, nachdem sie seit ihrem EM-Titel 1988 einen schwarzen Tag nach dem anderen erlebt hatten. Zur Belohnung nach zuvor 120 torlosen Minuten am Samstag dürfen sie am nächsten Mittwoch gegen EM-Gastgeber Portugal, der gegen England ebenfalls nach Elfmeterschießen weiterkam, um den Einzug ins Finale spielen.

          Van der Sar zuvor immer auf der Verliererseite

          Ob bei Europameisterschaften wie 1992 im Halbfinale gegen Dänemark, 1996 im Viertelfinale gegen Frankreich, 2000 im Halbfinale gegen Italien oder bei der Weltmeisterschaft 1998 in der Runde der letzten vier gegen Brasilien - stets hatten die Holländer ihr Pulver verschossen, wenn es zum Shoot-out kam. Auch Phillip Cocu war am Samstag beim vierten Anlauf am Torpfosten gescheitert, doch weil zuvor Zlatan Ibrahimovic in die Wolken gedroschen und danach Edwin van der Sar den Schuß des schwedischen Kapitäns Olof Mellberg pariert hatte, wurde der Torhüter vom FC Fulham von Kollegen, Kind und Kegel gefeiert. Dieser Erfolg bedeute für van der Sar "eine ganze Menge, schließlich stand er zuvor immer auf der Verliererseite", sagte der trotz seiner erst zwanzig Lebensjahre im rechten Moment mal leidenschaftliche, mal kaltschnäuzige Robben.

          Für seine Auswahl hatte sich Dick Advocaat, der mit nunmehr 54 Länderspielen als Nationaltrainer Rinus Michels an der Spitze der niederländischen Bestenliste ablöste, etwas besonderes einfallen lassen: kein Elfmetertraining vor dem Spiel! Im Gegensatz zu seinen schwedischen Kollegen Lars Lagerbäck und Tommy Söderström, die ihren Schützenverein tags zuvor bestimmt und die Duelle Mann gegen Mann eingeübt hatten, ließ der Bondscoach seinen Spielern freie Hand bei der Fußarbeit. "Allein die Qualität der Spieler ist entscheidend", sagte Advocaat. Darum wollte er auch von einer "Lotterie" nichts wissen, ganz im Gegensatz zu seinen bei den Pleiten verantwortlichen Vorgängern und einigen seiner Aktiven. Johnny Heitinga meinte schon nach van der Sars Parade gegen Mellberg das große Los gezogen zu haben, rannte jubelnd auf den Torhüter zu - und drehte wieder kleinlaut ab als er bemerkte, daß Robben noch ein letztes Mal anlaufen mußte. Die Niederländer konnten es kaum erwarten, ihren Alb abzuschütteln.

          "Als die Hitze nachließ, haben wir aktiver attackiert"

          Verdient hatten sie den Sieg allemal, waren sie doch nach einem müden Kick in der ersten Halbzeit die aktivere Mannschaft, als die Temperaturen im Estadio Algarve sanken. Doch entweder stand der Pfosten im Wege, als Robben in der Verlängerung abzog (93. Minute), oder der schwedische Torhüter Andreas Isaksson parierte im Fluge, als es Clarence Seedorf mit einem Freistoß versuchte (107.); Van Nistelrooy verfehlte mehrfach mit Kopf und Fuß das Gehäuse. Zwar waren auch die Schweden durch Henrik Larsson, der die Oberkante des Quergebälks traf (112.), und Fredrik Ljungberg, dessen Schuß vier Minuten später am Pfosten landete, der Entscheidung nahe. Aber van Nistelrooy sah sich und die Seinen als verdienter Sieger. "Als die Hitze nachließ, haben wir aktiver attackiert."

          Das schwedische Trainergespann zeigte sich überrascht von der holländischen Spielweise, es weniger mit kurzen Pässen als vielmehr mit langen Flanken zu versuchen. Obwohl aber Mellberg sich in den Zweikämpfen mit van Nistelrooy aufgerieben hatte und Jungstar Ibrahimovic sich über den Rasen schleppte, dachten Lagerbäck und Söderberg nicht daran, die vorgesehenen Elfmeterschützen auszutauschen. Nur die Reihenfolge habe man verändert, sagte Lagerbäck, der nach sechs gemeinsamen Jahren mit seinem Kollegen die skandinavische Auswahl fortan alleinverantwortlich betreuen wird und Söderberg einen erfolgreicheren Abschied gegönnt hätte: "Man könnte es akzeptieren, wenn der Gegner besser gewsen wäre. Aber so ..."

          Lagerbäck: "Wir kommen dem Endspiel näher und näher"

          Den Schweden fehlen langsam die Worte, nachdem sie beim zweiten großen Turnier in Folge unglücklich scheiterten. Bei der WM 2002 in Asien verloren sie im Achtelfinale gegen Senegal in der 104. Minute durch "Golden Goal", diesmal durften sie im Viertelfinale von Faro noch ein bißchen länger hoffen und bangen. Doch die Wende blieb aus an jenem Tag, als Schweden daheim die Sommersonnenwende feierte. "Wir kommen dem Endspiel näher und näher", sagte Lars Lagerbäck ebenso launig wie mutig.

          Hoffentlich dräut Schwedens Fußball nicht ein neuer Fluch, nachdem die Niederlande einen alten besiegt haben. "Die Zeit, in der man über unsere Elfmeter redet, ist endlich vorbei", sagte Pierre van Hooijdonk. So schnell geht es.

          Schweden - Niederlande 0:0 n.V., 4:5 i.E.
          Schweden : Isaksson - Östlund, Mellberg, Jakobsson, Nilsson - Jonson (65. Wilhelmsson), Linderoth, Ljungberg - Svensson (81. Källström) - Ibrahimovic, Larsson
          Niederlande: van der Sar - Reiziger, Frank de Boer (36. Bouma), Stam, van Bronckhorst - Seedorf, Davids (62. Heitinga), Cocu - van der Meyde (87. Makaay), van Nistelrooy, Robben
          Schiedsrichter: Lubos Michel (Slowakei)
          Elfmeterschießen: 1:0 Källström, 1:1 van Nistelrooy, 2:1 Larsson, 2:2 Heitinga, Ibrahimovic schießt über das Tor, 2:3 Reiziger, 3:3 Ljungberg, Cocu schießt an den Pfosten, 4:3 Wilhelmsson, 4:4 Makaay, van der Sar hält gegen Mellberg, 4:5 Robben.
          Zuschauer: 28.000
          Gelbe Karten: Ibrahimovic, Östlund - Frank de Boer, van der Meyde, Makaay

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