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Sieg der Klinsmann-Boys : „Ein unterhaltsames Spielchen“

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„Mit der ersten Halbzeit bin ich sehr, sehr zufrieden“: Bundestrainer Joachim Löw (links) mit Jürgen Klinsmann Bild: dpa

Der frühere Bundestrainer gibt sich nach dem 2:1-Sieg seines amerikanischen Teams über Deutschland bescheiden. Klinsmanns ehemaliger Assistent Löw sieht auch auf deutscher Seite „wahnsinnig viele gute Aktionen“.

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          Jürgen Klinsmann zügelte seinen Stolz, so gut es ging. „Es war ein unterhaltsames Spielchen mit einem schönen Ende für uns“, lautete das Fazit des deutschen Trainers der amerikanischen Fußballnationalmannschaft nach dem 2:1-Erfolg über Deutschland in der Heimat des Weltmeisters. Dem 50 Jahre alten Schwaben, der seit Jahren in Kalifornien lebt, war zwar bewusst, dass sein Team bei der Europa-Reise im Juni dank der sehenswerten Treffer des New Yorkers Mix Diskerud (41. Minute) und des Auer Zweitligaabsteigers Bobby Wood (87.) ein weiteres fettes Ausrufezeichen hinter den beachtlichen Wachstumsprozess des Fußballs made in the USA gesetzt hatte.

          Doch allzu viel Aufhebens wollte er dennoch nicht von den Auswärtssiegen in den Niederlanden beim WM-Dritten von 2014 (4:3) und in Köln über ein deutsches Team machen, in dem eine Reihe von Weltmeistern wie Toni Kroos, Thomas Müller und Manuel Neuer im Urlaub bleiben durften und andere Titelhelden wie Mats Hummels und Benedikt Höwedes verletzungsbedingt für diesen Test und das am Samstag folgende Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar in Faro absagen mussten. Aber auch gegen einen dezimierten Champion verdientermaßen zu gewinnen, ist, wie Klinsmann freudig anmerkte, „eine Riesensache, denn das kommt ja nicht alle Tage vor“.

          Während der frühere Bundestrainer immer wieder von der steilen „Lernkurve“ sprach, die seine Spieler derzeit nähmen und seine Boys demnächst mit besten Aussichten in die Spiele um den Gold Cup, die Nord- und Mittelamerikameisterschaft, schicken kann, sehnte sich sein früherer Assistent Joachim Löw nach dem Saisonende für seine gestressten Stars. Kapitän Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil, Mario Götze, André Schürrle oder Sami Khedira, die vor einem Jahr in Brasilien ihren Karrieregipfel erklommen und nun eine beschwerliche Saison mit Höhen, Tiefen und Verletzungen in den Knochen haben, müssen in dieser Woche noch einmal ran, um ihre Pflicht als Protagonisten der „Mannschaft“, wie sich die Nationalelf seit dieser Woche werbewirksam nennen lassen möchte, bestmöglich zu erfüllen.

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          Nicht zu fassen: Die Amerikaner siegen, Götze fragt nach dem Warum :

          Dass sie am Mittwochabend erstmals ein Heimspiel gegen die Amerikaner verloren, nahmen ihnen die 40.000 Zuschauer im Stadion nicht weiter krumm, zumal die von den Sonnenliegen aus dem Urlaubermodus zurück auf den Rasen beorderten Spieler zumindest in der ersten Hälfte „wahnsinnig viele gute Aktionen nach vorn“ hatten, wie Löw lobend anmerkte. Was wieder einmal fehlte, war die Konzentration im Abschluss. So blieb es beim 1:0 durch Götzes Flachschuss nach fabelhafter Vorarbeit von Patrick Herrmann, dem 75. Debütanten in der Ära des Bundestrainers Löw.

          Herrmann war am Mittwoch der große Gewinner im deutschen Team. Viele, die dem Mönchengladbacher Wirbler  bei seinen Tempodribblings und klugen Pässen staunend zusahen, fragten sich, warum dieser 24 Jahre alte Saarländer nicht schon viel früher die Gelegenheit bekam, für Deutschland zu glänzen. Auch Löw mögen diese Gedanken gekommen sein, als er den Rechtsaußen mit einer Selbstverständlichkeit auf Touren kommen sah, die in keiner Sekunde darauf deutete, dass hier ein Debütant seine erste Arbeitsprobe für den Weltmeister ablieferte. „Patrick Herrmann hat ein sehr gutes Spiel gemacht, er hatte viel Zug zum Tor und den Treffer mit klasse Übersicht vorbereitet“, pries Löw den in der Bundesliga zu den besten Spielern dieser Saison gerechneten Neuling im Nationaltrikot.

          Ganz im Gegensatz zu dem Gladbacher Aufsteiger mutete der Kölner Lukas Podolski, eingewechselt zur zweiten Hälfte, in seinem Müngersdorfer „Wohnzimmer“ wie ein Fremder an. Sogar ein paar Pfiffe musste sich Podolski in seiner Heimatstadt gefallen lassen, als ihm ein Ball unter der Sohle durchrutschte, weil er wieder einmal nicht bei der Sache war. In der Form vom Mittwoch scheint sich die Nationalmannschaftskarriere des früher unbeschwerten, heute nur noch bemühten Angreifers dem Ende zuzuneigen.

          Podolski hatte andererseits auch das Pech, nach der Pause ins Spiel zu kommen, als eine Reihe seiner Kollegen mit den physisch überlegenen Amerikanern nicht mehr so richtig mitkamen. Während das Gros des Gegners mitten in der Saison bei besten Kräften ist und voller Elan auf den Gold Cup zusteuert, dessen Sieger sich für den Confederations Cup 2017 in Russland qualifiziert, musste Löw seine Spieler daran erinnern, sich „nochmal zu konzentrieren und die Spannung hochzuhalten“. Kapitän Schweinsteiger empfand die Heimniederlage gegen die starken Amerikaner denn auch nicht als „Warnschuss“ vor dem ungleichen Duell mit Gibraltar. Trotzig sagte er an die Adresse von Klinsmanns Profis: „Wenn wir wollen, schlagen wir sie.“

          Sie konnten es aber nicht am Mittwochabend, auch weil die Aushilfsabwehr mit den aneinander vorbeiarbeitenden Innenverteidigern Rüdiger und Mustafi den Amerikanern zu viel Platz ließ. Löw kritisierte das suboptimale Duo denn auch ziemlich deutlich: „Es war zu spüren, dass wir nicht in jeder Situation Herr der Lage waren.“ Der Bundestrainer empfand die 1:2 Niederlage zwar als „ein bisschen ärgerlich“, aber auch „gut zu verschmerzen“. Er hatte zumindest in Teilaspekten positive Ansätze gesehen. So das zuletzt vor lauter Ballbesitz etwas verloren gegangene blitzartige Umschaltens bei Ballgewinn und mehr  Sprints in die Tiefe des gegnerischen Raums „Das habe ich in der ersten Halbzeit“, demonstriert vor allem von Herrmann, Özil und Götze, „vermehrt gesehen“, lobte Löw diesen Fortschritt wie auch die zurückeroberte Fähigkeit, unter Druck „ruhig, mutig und gut hinten rauszuspielen“.

          Die Spiele, in denen der passende Mix aus Ballbesitz und Konterfußball, Kombinationssicherheit und Risikopässe erforderlich ist, kommen erst noch in diesem heißen Herbst – wenn sich Weltmeister Deutschland frisch gestärkt auf den Weg zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich macht und in den Qualifikationsspielen gegen Polen, in Schottland und Irland alte Klasse und neuen Hunger zeigen muss.

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