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Lage bei Juventus Turin : In den Fesseln der Diven um Ronaldo

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Torjäger und Tonangeber: Cristiano Ronaldo zeigt bei Juventus, wo es lang geht. Bild: AFP

In seiner ersten Saison mit Juventus Turin wird Trainer Maurizio Sarri wohl Meister. Dafür musste er von den eigenen Prinzipien abrücken – auch wegen Cristiano Ronaldo.

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          Bei Spitzenvereinen muss alles immer spitze sein, sonst rumort es. Gut, dass Juventus Turin einen Trainer hat, der schon einmal ein anderes, sagen wir, gewöhnlicheres Leben geführt hat und die Dinge aus einer distanzierten Perspektive sehen kann. Maurizio Sarri war früher Freizeitfußballer und Bankangestellter. Nach Feierabend zog er sich den Trainingsanzug über und coachte Mannschaften aus der italienischen Provinz. Das ging so lange, bis die Provinz zu eng für den heute 61-Jährigen wurde. Im vergangenen Jahr gewann Sarri mit dem FC Chelsea die Europa League. Seit Saisonbeginn ist er Trainer von Juventus Turin und demnach nominell auch Vorgesetzter von Cristiano Ronaldo. Wobei das mit der Hackordnung bei Spitzenklubs, Spitzenspielern und sogenannten Top-Trainern so eine Sache ist.

          Nach dem 2:1-Sieg am Montagabend gegen den Tabellenvierten Lazio Rom wurde dem Trainer, der aus der Provinz kam, bereits zu seiner ersten italienischen Meisterschaft gratuliert. Als er in der Pressekonferenz auf den wahrscheinlichen Gewinn des Scudetto angesprochen wurde, fingen die TV-Kameras auffällige Handbewegungen unter dem Tisch ein. Man zog in der Sportpresse daraus einhellig den Schluss, der bodenständige Coach führe eine abergläubische Geste im Schritt durch, die etwa dem hiesigen Aufs-Holz-Klopfen entspricht. „Die Möglichkeit, den Scudetto zu gewinnen, ist wie die Möglichkeit, ein Tor zu erzielen“, sagte Sarri: „Wenn es nicht klappt, zählt es gar nichts.“

          Das sollte bedeuten: Trotz nun acht Punkten Vorsprung in der Serie-A-Tabelle vor Inter Mailand bei vier ausstehenden Spielen ist noch nichts gewonnen. Die italienischen Zeitungen sahen das ganz anders. „Die Hände am Titel“ überschrieb die „Gazzetta dello Sport“ ihre erste Seite. „Matchball Juve“ titelte der „Corriere della Sera“. Zwei Siege fehlen noch, dann wäre der neunte Meistertitel in Folge perfekt. Wenn die Konkurrenz dieser Tage schwächelt, könnte es schon beim Auswärtsspiel in Udine am Donnerstag zu Feierlichkeiten kommen. Zu nehmen ist der Erfolg Sarri und Juventus kaum noch. „Ronaldo unterschreibt den Scudetto“, hieß es in „La Repubblica“.

          Der 35-Jährige hatte tatsächlich den größten Anteil am Sieg. Zuerst verwandelte er einen Handelfmeter (51. Minute), nur drei Minuten später erhöhte der Portugiese auf 2:0, nachdem Lazio-Verteidiger Luis Felipe an der Mittellinie den Ball an Paolo Dybala verloren hatte. Dybala lief einmal quer übers Feld und schob Ronaldo im entscheidenden Moment den Ball zu, eine zukunftsträchtige Maßnahme. Denn Ronaldo traf in der Serie A damit zum 30. Mal in dieser Spielzeit. Insgesamt erzielte er 51 Liga-Treffer für Juventus und ist damit der erste Spieler überhaupt, der in Serie A, spanischer Liga und englischer Premier League jeweils mehr als 50 Tore erzielte. Der Rekord ist gut für Ronaldos Ego und damit auch gut für Juventus Turin. Erst vor Tagen wurden wieder Wechselgerüchte lanciert. Der Trainer sei das Problem, wurde gemunkelt.

          Torschützenkönig müsste Ronaldo für die allgemeine Satisfaktion noch werden, da stört allerdings ein gewisser Ciro Immobile die Pläne empfindlich. Als der Lazio-Stürmer in der 83. Minute einen Foulelfmeter zugesprochen bekam und auf 1:2 verkürzte, redete Ronaldo zuvor eindringlich auf Juventus-Torwart Wojziech Szczesny ein, in der Hoffnung auf eine Parade. Immobile zog allerdings in der Torjäger-Tabelle mit Ronaldo gleich (30 Treffer).

          Trainer Sarri hob die Leistung seines Superstars gebührlich hervor. „Außerordentlich“ sei Ronaldos Leistung gewesen, vor allem der mentale Aspekt habe ihn beeindruckt. „Wenn er sich etwas in den Kopf setzt, ist seine Entschiedenheit enorm.“ Bleibt die Frage, was Ronaldo ab Herbst im Kopf hat. Das wegen Corona publikumslose Spiel kommt einem Hauptdarsteller wie ihm nicht zugute, aber Stadion-Zuschauer hat derzeit auch die Konkurrenz nicht. Anerkennende Worte und Torvorlagen sind jedenfalls nicht verkehrt, um Ronaldo in Turin zu halten.

          Die Kritiker allerdings geben keine Ruhe. Wieder beobachteten sie einen Spannungsabfall im Team nach der 2:0-Führung. „In der Champions League darf uns das nicht passieren“, sagte der Trainer. Juventus muss im Achtelfinale eine 0:1-Niederlage aus dem Hinspiel gegen Olympique Lyon aufholen. Immer noch ist wenig von Sarris spektakulärem, angriffslustigem Spielstil, dem sogenannten Sarrismo, zu erahnen, mit dem er beim SSC Neapel begeisterte.

          Aber mit Fußballdiven wie Ronaldo ist das nicht zu machen, die laufen bei Ballverlust einfach zu wenig und können sich das auch erlauben. Also wechselte Sarri gegen Lazio gegen Spielende zwei Verteidiger ein und löste zwei Angreifer ab, eine schmerzhafte Abkehr von den eigenen Prinzipien. Doch Sarri hält das aus, er blickt mit gewissem Abstand auf die Dinge. „Als ich die Arbeit gewechselt habe und Trainer wurde, hätte ich nie gedacht, so weit oben zu landen“, sagte er. Er habe einfach einen Job machen wollen, der ihn begeistert.

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