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Debakel für Superstar : Ronaldo und „die verrückten sechs Minuten“

Kein Glück: Cristiano Ronaldo beim Spiel gegen AC Mailand Bild: AFP

Der AC Mailand dreht beim Duell mit Titelfavorit Juventus Turin spät und spektakulär auf. Während ein Topstar hadert, äußert sich ein anderer vielsagend zu seiner Zukunft.

          3 Min.

          Die neue Frisur von Cristiano Ronaldo hat ihm und Juventus Turin kein Glück gebracht. Statt mit Zöpfchen war der Superstar am Dienstagabend im Mailänder San-Siro-Stadion mit einem Lockenkopf aufgelaufen. Die spektakuläre Niederlage des Meisters, der in dieser Saison den neunten Titel in Folge anstrebt, konnte der portugiesische Stürmer aber nicht verhindern. Binnen sechs Minuten, die von der italienischen Sportpresse tags darauf einhellig als „die verrückten“ beschrieben wurden, drehte der AC Mailand ein fast schon verlorenes Spiel.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Angeführt vom überragenden Zlatan Ibrahimovic machte Milan von der 62. bis zur 67. Minute aus einem 0:2-Rückstand eine 3:2-Führung, die der frühere Frankfurt-Profi Ante Rebic in der 80. Minute mit seinem neunten Saisontreffer zu einem auch in dieser Höhe verdienten 4:2-Sieg veredelte. Die neue Frisur hat Ronaldo und Juve aber auch kein Pech gebracht: Weil sich Verfolger Lazio Rom zuvor im Nachmittagsspiel eine 1:2-Niederlage beim abstiegsgefährdeten US Lecce geleistet hatte, blieb es für Juventus beim beruhigenden Sieben-Punkte-Vorsprung.

          Durchhänger bei den Verfolgern

          Bis zum Abschluss der Serie A, die wegen der Corona-Pandemie in Italien vier Wochen länger unterbrochen war als die Bundesliga, sind es jetzt noch sieben Spieltage. Seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs werden die Begegnungen – Pokal mitgerechnet – im Drei-Tage-Takt ausgetragen. Für die nach mehr als drei Monaten Wettkampfpause alles andere als durchtrainierten Teams ist das eine enorme physische und auch mentale Belastung. Irgendwann zollt jede Mannschaft dieser Belastung Tribut, und bei Juventus war es am Dienstagabend gegen einen in der letzten halben Stunde wie aufgedreht spielenden AC Mailand soweit.

          Viel spricht dafür, dass Juventus trotz des Sechs-Minuten-Blackouts von Mailand seinen Vorsprung bis ins Ziel wird retten können. Denn die Verfolger, allen voran der schärfste Konkurrent Lazio Rom, haben sich gleich mehrere Durchhänger geleistet. Einzig Atalanta Bergamo, schon die zweite Saison in Folge das „Team der Stunde“ in der obersten italienischen Profiliga, hat sich bisher keine Blöße gegeben. Am Mittwochabend empfingen die Schwarz-Blauen, bei denen der Deutsche Robin Gosens längst zum verlässlichen Stammspieler geworden ist, Sampdoria Genua. Die neuerliche direkte Qualifikation für die Champions League ist dem gegenwärtigen Tabellenvierten kaum mehr zu nehmen.

          Zur Niederlage des Meisters in Mailand dürfte das Fehlen des argentinischen Stürmers Paulo Dybala und des jungen Niederländers Matthijs de Ligt in der Abwehr maßgeblich beigetragen haben. Mit beiden kann Trainer Maurizio Sarri nach Verbüßen der Gelb-Sperren für den Rest der Saison wieder rechnen. Und er braucht die beiden. Gonzalo Higauín konnte in Mailand, als Nebenmann von Cristiano Ronaldo, seinen zuletzt konstant formstarken Landsmann Dybala nicht annähernd ersetzen. Und de Ligt hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in Turin inzwischen zum kampf- und spielstarken Ruhepol in der Verteidigung entwickelt. Zudem könnte Abwehrchef Giorgio Chiellini, der seinen im August 2019 erlittenen Kreuzbandriss inzwischen vollständig überstanden hat, bald in die Startaufstellung zurückkehren.

          Der Kader beim Serienmeister Juventus steht im Wesentlichen auch für die Saison 2020/21 fest. Den größten, geradezu revolutionären Umbruch dürfte es beim AC Mailand, dem großen Sieger des 31. Spieltages geben. Altstar Ibrahimovic, mittlerweile 38, ließ nach seinem Glanzauftritt vom Dienstag durchblicken, er könnte seine aktive Karriere nach dieser Saison beenden. Für die Tifosi würde es ihm leid tun, wenn sie ihn „schon bald nicht mehr live sehen“ könnten, sagte Ibrahimovic in seiner typischen Art bei DAZN und fügte hinzu: „Ich habe noch einen Monat Gelegenheit zum Spaß. Danach geschehen Dinge, die man nicht kontrollieren kann. Ich bin alt, das ist kein Geheimnis, obwohl das Alter nur eine Zahl ist.“

          Mit den „Dingen“, die außerhalb seiner Kontrolle stehen, dürfte Ibrahimovic die mögliche Verpflichtung von Ralf Rangnick als Trainer und Sportdirektor von Milan gemeint haben. Es heißt, Rangnick habe als Trainer von Schalke 04 nach der 2:3-Niederlage gegen den AC Mailand in der Gruppenphase der Champions League vom 6. Dezember 2005 dem legendären Milan-Präsidenten Adriano Galliani damals seine Hochachtung für Arrigo Sacchi zum Ausdruck gebracht. Galliani habe Rangnick noch am gleichen Abend mit Sacchi bekannt gemacht. Anderthalb Jahrzehnte später könnte Rangnick wie damals Sacchi auf der Trainerbank von Milan sitzen. Es wäre ein großes Erbe.

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