https://www.faz.net/-gtl-6kzrv

Serbische Hooligans : Randalieren für das Serbentum

In Genua meinten Fußballfans, das Serbentum mit fragwürdigen Mitteln verteidigen zu müssen Bild: dpa

Nach den Ausschreitungen serbischer Hooligans in Genua hat die Uefa Ermittlungen aufgenommen, die zu einem EM-Ausschluss der serbischen Nationalmannschaft führen könnten. Derartige Gewaltausbrüche gibt es in Belgrad immer wieder - hinter den Tätern steht das Milieu der Miloševic-Jahre.

          4 Min.

          Es war gut für die serbische Polizei, dass das Fußballspiel zwischen Italien und Serbien, das am Dienstag in Genua nach Krawallen serbischer Gewalttäter abgebrochen werden musste, eine Auswärtsbegegnung für die Serben war. Denn die serbischen Sicherheitskräfte waren schon in den Tagen zuvor in Belgrad besonderen Belastungsproben ausgesetzt, mussten ihre Verletzten versorgen und eine Bilanz über die Schäden an ihrem zertrümmerten Fuhrpark erstellen. Die Gründe für die Großeinsätze der serbischen Sicherheitskräfte waren der Besuch der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton in Belgrad und vor allem eine „Anti-Homosexuellen-Demonstration“ am Sonntag.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wie schon bei dem Aufenthalt des amerikanischen Vizepräsidenten Biden im vergangenen Jahr wurden am Dienstag ganze Viertel der serbischen Hauptstadt zeitweise abgesperrt, da Gäste aus Washington (anders als im Kosovo oder in Albanien) in Serbien nicht an der Spitze von Popularitätslisten stehen – schon gar nicht, wenn sie den Namen Clinton tragen: Bill Clinton war Präsident, als Nato-Flugzeuge während des Kosovo-Kriegs 1999 Ziele in Serbien bombardierten. Wenn die Stunden, in denen Belgrad in eine Art Clinton-Starre versetzt wurde, dennoch ohne fernsehtaugliche Zwischenfälle verstrichen, mag das auch daran gelegen haben, dass ein großer Teil der Störenfriede sich schon auf dem Weg nach Italien befand, um in Genua das Serbentum zu verteidigen.

          Dort wiederholten sich dann Szenen, die den Belgradern schon vom Sonntag her bekannt waren, als etwa 6000 Demonstranten plündernd und zerstörend durch die Stadt am Zusammenfluss von Donau und Save zogen. Den formalen Anlass für die Zerstörungsorgie bot eine Veranstaltung, bei der sich nach Augenzeugenberichten einige hundert, höchstens aber 1000 Personen zusammengefunden hatten, um für die Rechte von Homosexuellen zu demonstrieren. Im vergangenen Jahr war eine ähnliche Veranstaltung abgesagt worden, da die Behörden nach zahlreichen Drohungen blutige Ausschreitungen fürchteten.

          Steht die rechtsradikale Organisation „Obraz” („Ehre”) hinter den Ausschreitungen?

          Schon 2001 fand in Belgrad eine ähnliche Kundgebung statt

          Schon im Jahr 2001, als erstmals eine ähnliche Kundgebung in Belgrad stattfand, endete das für viele Beteiligte mit längeren Krankenhausaufenthalten. In diesem Jahr hatte sich die Regierung, dem Vernehmen nach vor allem auf Druck der EU, jedoch dazu entschlossen, die Demonstration zu erlauben, damit Serbien sich als weltoffene, europäische Demokratie darstellen könne. Unter starkem Polizeischutz konnte die Veranstaltung auch tatsächlich abgehalten werden. Die „Gegendemonstranten“ zogen derweil durch die Stadt und zerschlugen im Namen serbischer Werte und des serbischen Volkes alles, was ihnen in die Quere kam.

          Opfer ihrer Zerstörungswut wurde unter anderem ein mobiles Mammographiegerät in der Belgrader Innenstadt. Ob die Demonstranten damit ausdrücken wollten, dass Brustkrebsvorsorge unserbisch sei, konnte nicht geklärt werden. Womöglich störten sie sich einfach an dem lateinisch klingenden Wort. Außerdem griffen sie die Zentrale der von Staatspräsident Boris Tadic geführten Demokratischen Partei (DS) an und versuchten, das Gebäude in Brand zu stecken. Außer zahlreichen Geschäften wurde schließlich auch ein Gebäude des serbischen Staatsfernsehens Ziel ihrer Attacken, während im Hintergrund pittoresk die in solchen Fällen obligatorische Müllcontainer brannten.

          2008 brannte die Botschaft der Vereinigten Staaten

          Weitere Themen

          Die dickste Luft Europas

          FAZ Plus Artikel: Smog im Balkan : Die dickste Luft Europas

          Die Städte des Balkans versinken im Smog. Rückständige Heizsysteme, veraltete Autos und eine schlechte Verkehrsinfrastruktur sorgen im Winter für katastrophal hohe Feinstaubwerte. Oder sind die nur Ergebnis einer Intrige?

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          Topmeldungen

          Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

          1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.