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Serbien : Neven Subotics globaler Traum

Bereit für Deutschland: Für Neven Subotic ein ganz besodneres Spiel Bild: AP

Vom Parkkicker zum WM-Teilnehmer: Der Bundesligaprofi Neven Subotic spielt am Freitag um 13.30 Uhr mit Serbien gegen Deutschland. Der 21 Jahre alte Innenverteidiger hätte beinahe auch auf der anderen Seite stehen können.

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          Eine wirkliche Heimat kennt Neven Subotic nicht. Und wenn der 21 Jahre alte Innenverteidiger der serbischen Nationalmannschaft zwischen seinen möglichen Heimatländern den einen Staat zum Leben wählen müsste, dann wäre es wohl eher nicht Serbien, sondern Amerika oder vielleicht auch Deutschland. In Serbien hatte er indes nicht mal an einem Tag sein Zuhause. Wenn der Bundesligaprofi von Borussia Dortmund nun am Freitag (13.30 Uhr/FAZ.NET-WM-Liveticker) bei der Fußball-Weltmeisterschaft dennoch für Serbien im Gruppenspiel gegen Deutschland in Port Elizabeth den Toreverhinderer spielt, so will Subotic neben seinem sportlichen Ehrgeiz vor allem auch „meine kleine Cousine im Kopf haben, die vor dem Fernsehapparat immer jubelt, wenn sie mich im Nationaltrikot sieht“. Diese kleine Cousine, die Vaterlandsgefühle weckt, lebt noch heute im serbischen Teil Bosniens, in der Republik Srpska, in dessen Hauptstadt Subotic im Dezember 1988 geboren wurde. „Und diese Reaktionen meiner kleinen Cousine und meiner vielen Verwandten sind für mich meine emotionale Verbindung zu Serbien.“

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Weg des Neven Subotic zum Weltmeisterschafsteilnehmer ist über die Schwierigkeit bei der Suche nach dem richtigen Heimatland hinaus denkbar ungewöhnlich. Vor fünf Jahren kickte er noch lediglich in einem Park in Bradenton, Florida. Dorthin verschlug es die Familie Subotic zu Beginn des Jahrtausends, nachdem Vater Zeljko und Mutter Svjetlana mit ihren Kindern 1990 vor den Wirren des Balkankriegs aus Nevens Heimatort Kulasi im serbischen Teil Bosniens (60 Kilometer von Banja Luka) zunächst nach Deutschland in die Nähe von Pforzheim geflohen waren. „In Florida gab es aber keine Ligenstruktur in der Jugend“, sagt Subotic. “Deshalb habe ich nach ein paar Versuchen mit schlaff organisierten Soccer-Clubs lieber mein eigenes Ding gemacht.“

          Jeden Nachmittag ging Subotic in einen Park, wo er andere Jugendliche traf - Erfahrungen mit einem richtigen Verein hatte er deshalb bis zu seinem 17. Lebensjahr nur von einigen Trainingseinheiten beim badischen Dorfklub TSV Schwarzenberg, wo er während des Aufenthalts seiner Familie in Deutschland eine Saison lang in der E-Jugend spielte. Eines Tages kam dann aber zufällig der Co-Trainer der amerikanischen U17-Nationalmannschaft im Park vorbei. Wenig später nahm Subotic an der Jugend-Weltmeisterschaft teil. Anschließend baute sein Berater 2005 den Kontakt zu Mainz 05 auf.

          In Mainz spielte sich Subotic (r.) neben Daniel Ischdonat) von der Ersatzbank in den Fokus
          In Mainz spielte sich Subotic (r.) neben Daniel Ischdonat) von der Ersatzbank in den Fokus :

          In Mainz das Talent entdeckt

          Beim Bundesligaklub aus Rheinhessen haben sie das Riesentalent des Innenverteidigers sofort erkannt. Sein Trainer Jürgen Klopp zögerte deshalb auch nicht, Subotic ins kalte Wasser zu schmeißen. Gleich im ersten Profijahr erspielte sich der Nachwuchsmann einen Stammplatz im Zweitligateam der Mainzer. “Und er spielte die Rolle als Innenverteidiger von Anfang an so, als ob er nie was anderes gemacht hätte“, sagt Klopp.

          So war es fast selbstverständlich, dass der Fußballlehrer seinen Musterschüler 2008 von Mainz nach Dortmund mitnahm - und dem ehemaligen Klub eine Transferentschädigung in Höhe von fünf Millionen Euro bescherte. Auch bei der Borussia avancierte der 1,93 Meter große und körperlich robuste Subotic sofort zum Stammspieler - trotz einer anfänglichen Eskapade. “Ich erinnere mich, dass Nevenmit so Rasta-Löckchen in Dortmund ankam“, sagt sein Trainer. “Er ist sonst einer der erwachsensten 21-Jährigen, die ich je getroffen habe. Aber diese Löckchen . . . Jedenfalls habe ich ihm gesagt: Du willst hier durch Leistung auffallen, nicht durch deinen Hut. Am nächsten Tag war der Rasta-Look weg.“

          Löw hatte Interesse

          Vom extravaganten Look befreit verpasste Subotic in zwei Jahren nur genau 90 Pflichtspielminuten wegen einer Gelbsperre. “Ich habe eine sehr, sehr besondere Zeit hinter mir seit meinem Wechsel nach Dortmund“, sagt Subotic. “Die Qualifikationsspiele mit Serbien waren dann die Krönung.“ Da trug er mit dazu bei, dass seine Mannschaft den Weg zum Turnier in Südafrika bewältigte.
          Bei der WM will er nun aber trotz der 0:1-Auftaktniederlage gegen Ghana noch mehr. Für dieses hehre Ziel müsste Serbien freilich am Freitagnachmittag der deutschen Mannschaft die Grenzen aufzeigen.

          Für die DFB-Auswahl kam Subotic, der gegen Ghana nach der Roten Karte für Lukovic eingewechselt wurde und nun als Stellvertreter des gesperrten Innenverteidigerkollegen gegen Deutschland an der Seite von Nemanja Vidic von Beginn an spielen wird, übrigens auch einmal kurz infrage. Bundestrainer Joachim Löw hatte vor anderthalb Jahren Interesse bekundet, der Weg zur Spielberechtigung für Deutschland wäre jedoch wegen früherer Einsätze in der amerikanischen Jugendnationalelf weitaus umständlicher gewesen als der Sprung in die Nationalmannschaft Serbiens. „Ich mag Deutschland sehr und die deutsche Mannschaft wäre für mich auch interessant gewesen, weil ich dem Land viel zu verdanken habe. Aber letztlich ging es bei der Entscheidung nicht nur um mich, sondern auch um meine Familie. Mein Vater ist nun sehr stolz auf mich“, sagt Subotic. „Und nun will ich natürlich die Deutschen ärgern, nachdem die meisten nach der Auslosung das Gefühl vermittelt haben, dass das Spiel gegen uns schon gewonnen ist.“

          Anfragen aus England

          Für Subotic dient die WM freilich nicht nur der Befriedigung rein sportlicher Ambitionen. Zudem kann er das sechs bis acht Wochen lange Zusammensein mit seinen Teamkameraden zur sprachlichen Weiterbildung nutzen. “Ich kann zwar schon ganz gut Serbisch, mir fehlt aber die Praxis“, sagt Subotic. “Die werde ich nun bis zum Ende der WM sicher bekommen.“ Zudem ist die große Bühne Weltmeisterschaft die nächste Gelegenheit, den Marktwert zu steigern.

          Im Winter sollen bereits einige englische Klubs ernsthaft bei seinem Berater angefragt haben. Vielleicht hat der nach dem Freitags-Spiel auf der ganz großen Bühne noch mehr Anrufe zu beantworten.

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