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Sepp Maiers Film : Ein römisches Super-8-Märchen

Szene aus dem Videotagebuch: Sepp Maier (links) und Mannschaftskapitän Lothar Matthäus bei der Siegesfeier 1990 Bild: dpa / Sepp Maier

Sepp Maiers Film „We are the Champions“ lockt das Publikum scharenweise zum Berliner Festival und nimmt es mit auf eine Zeitreise. Es ist ein deutscher Familienfilm.

          Sepp Maier mag Applaus, er hat ihn immer gemocht. Man merkt, dass er das Gefühl hat, sich diesen Beifall auch über das Karriereende als Torwart hinaus verdient zu haben. Als Sepp Maier am Freitagabend die Bühne des Filmtheaters Babylon in Berlin-Mitte betritt und seinen Film „We are the Champions“ auf dem internationalen Fußballfilmfestival „11mm“ erstmals der Öffentlichkeit zeigt, ist der Applaus, der ihn umfängt, so warm, dass es so aussieht, als würde Maier nach so vielen Jahren im Rampenlicht tatsächlich etwas rot. Vielleicht liegt es daran, dass Maier diesmal nicht genau weiß, warum all diese Leute gekommen sind.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Saal ist hoffnungslos überfüllt, überall sind Kameras, zusätzliche Stühle stehen zwischen den Reihen, Abstellkammern mit kleinen Fenstern sind zu zusätzlichen Zuschauerräumen umfunktioniert worden - und nach der Premiere stehen schon wieder fünfhundert Leute für die Zusatzvorstellung an. Als Maier an diesem Abend gefragt wird, warum er glaubt, dass sich nach über zwanzig Jahren so viele Leute für seinen Film aus dem WM-Sommer 1990 interessieren, schüttelt er den Kopf und sagt: „Weil die Leute verrückt sind.“

          Der schönste deutsche Sommer

          Sepp Maiers Film spielt in Italien, dem Land der Weltmeisterschaft von 1990, erst in Südtirol, dann in Como, Mailand, Turin und schließlich beim Endspiel in Rom. Aber eigentlich zeigt Maier einen deutschen Sommer, den schönsten vielleicht, den das Land erlebt hat, den Sommer, in dem es noch staunte, dass es nicht mehr getrennt war, und sich freute, bald vereint zu sein.

          Der Filmschaffende Sepp Maier stellt sein Werk beim Berliner Festival vor

          Maier hält auf den Fahrten vor und nach den Spielen seine Kamera aus dem Mannschaftsbus heraus, und am Straßenrand kommen immer wieder Menschen mit deutschen Fahnen ins Bild, die so aussehen wie die Leute, die im Sommer davor aus der DDR über die ungarische Grenze flüchteten oder über den Zaun der Botschaft in Prag kletterten. Es ist, als gäbe es nur glückliche Gesichter in jenen Tagen, als deutsche Nationalspieler in Ballonseide steckten, der Vokuhila-Schnitt (vorne kurz, hinten lang) mit Schnauzbart Fußballmillionäre und ihr Publikum einte und Spielerfrauen noch an Jugendlieben erinnerten.

          „Ja, bist du denn blöd“

          Es ist eine Zeitreise, auf die Sepp Maier die Leute an diesem Abend mitnimmt. Es sind viele gekommen, die in der digitalen Welt von Berlin-Mitte zu Hause sind, die nun mit Maier und seiner damals ganz neuen Super-8-Kamera in die analoge Welt ihrer Kindheit zurückkehren. „Keine Macht den Drogen“ steht auf den Trainingsanzügen, „Müllermilch“ auf den Kappen, und auch Heribert Fassbender ist an diesem Abend da. Der Fernsehkommentator (“n’ Abend allerseits“, „schickt den Mann zurück in die Pampa“), der in Italien damals die deutschen WM-Spiele für die ARD kommentierte und von Fernsehkritikern immer auch sein Fett abbekam, befragt den Filmemacher Maier.

          Das Trainerteam der WM 1990: Holger Osieck, Franz Beckenbauer, Berti Vogts und Sepp Maier (von links)

          Auch Fassbender wird mit großer Sympathie begrüßt von der bestens gelaunten Fußballfangeneration-11-Freunde, die es damals noch nicht gab, aber den Fußball- und Fernsehhelden von gestern nur zu gerne Kultstatus zugesteht. „Ihr müsst euch vorstellen: Diesen Film habe ich vor 22 Jahren gemacht. Heutzutage einen Videofilm zu machen, ist ja keine Kunst. Aber ich war drei Tage, drei Nächte dort gesessen, habe rumgeschnitzt, von V8 auf Video umgepolt, Musik gemacht und Titel reingemacht, ja, bist du denn blöd, habe ich mir gedacht“, sagt Maier über sein einstündiges Werk.

          Helmut Kohl grinst und genießt

          Der Film ist herrlich distanzlos, mitunter wirken die Aufnahmen von den Hotels und der italienischen Landschaft wie längst vergangene bundesrepublikanische Filmabende aus den siebziger, achtziger Jahren, wenn sich Familie und Freunde die Urlaubsfilme von Papa anschauen mussten. Und es ist ja auch ein deutscher Familienfilm, den Maier zeigt, man kennt sie ja alle darauf: Franz Beckenbauer, wie er auch mal ungewohnt hölzern beim Triumphmarsch in der Kabine mitmacht, Rudi Völler nach dem Spiel sein Haar richtet, Pierre Littbarski sich in Trikot und kurzer Hose unter der Dusche einseift, Wolfgang Niersbach albern und noch gar nicht präsidial im Mannschaftsbus lümmelt und Lothar Matthäus in der Nacht der Fußballnächte von Rom nackt wie alle anderen in der Kabine herumhüpft und sich vor Maiers Kameraauge mit dem WM-Pokal bedeckt - und während überall der Champagner fließt, steht ein Mann mit Coca-Cola-Plastikbecher am Rand, grinst in die Kamera und genießt still: Helmut Kohl.

          Näher dran geht nicht: Pierre Littbarski jubelt am 08.07.1990 mit dem WM-Pokal in der Kabine

          Sepp Maier war in Italien eigentlich Torwarttrainer. Er hatte schon immer Gefallen daran zu filmen, und das hat er dann im Trainingslager in Südtirol vor der Weltmeisterschaft bei der Nationalmannschaft auch einfach getan. Irgendwann, als sie auch die Holländer geschlagen hatten, dachte er sich, das könnte vielleicht ein guter Film werden.

          Die Spieler fragten sich, als es noch keinen Sönke Wortmann gab, was er da eigentlich macht, der Sepp. „Ja, filmen“, erzählt Maier. „Für wen filmst du das? Willst das vielleicht verkaufen?“ „Nein, habe ich gesagt: Wenn wir Weltmeister sind, kriegt jeder eine CD, und das könnt ihr nach zwanzig, fünfundzwanzig Jahren wieder anschauen, und dann freut euch mal, dass ihr Weltmeister geworden seit. Ich bin es 74 gewesen“, erzählt Maier, „aber ich habe keinen gehabt, der gefilmt hat“. Schade eigentlich.

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