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Sepp Maier wird 70 : Katze, Krake, Kauz

Die „Katze von Anzing“: Schmalgliedrig im schlichten schwarzen Pullover Bild: dpa

An großen Torhütern hat es im deutschen Fußball nie gemangelt, aber keiner war so beständig brillant wie Sepp Maier. Und der kauzige Humor der „Katze von Anzing“ ist legendär. An diesem Freitag wird er 70.

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          Seinen 65. Geburtstag hat er auf Tournee erlebt. Da war er mit Florian Silbereisen im „Überraschungsfest der Volksmusik“ 48 Tage lang auf Deutschland-Tour, als Gesangspartner von Wencke Myhre bei ihrem alten Hit „Er steht im Tor“; und als Zauberer, der Frauen und eine Ente verschwinden ließ. Zu seinem 70. Geburtstag an diesem Freitag hat der Hobby-Magier sich nun selber verschwinden lassen. Er ist irgendwo hin gefahren mit seiner Frau, um seine Ruhe zu haben. Sepp Maier macht immer noch am liebsten sein eigenes Ding.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Er wurde zum „Torwart des Jahrhunderts“ in Deutschland gewählt, und das zu Recht. An großen Torhütern hat es im deutschen Fußball nie gemangelt, aber keiner war so beständig brillant und auf den Punkt verlässlich wie Maier. Das Spiel seines Lebens sah ihn in der Form seines Lebens, im WM-Finale 1974 gegen die Niederländer, die das deutsche Tor in der zweiten Halbzeit vergeblich belagerten.

          Von den dreizehn Endspielen seiner Karriere verlor er nur eins. Um Maier darin zu schlagen, war ein anderes Schlitzohr nötig: der Tscheche Antonin Panenka, der einen ganz neuartigen Elfmeter erfand. Er überraschte Maier im EM-Finale 1976 mit einem Schlenzer in die Mitte des Tores.

          Sepp Maier war ein guter Turner - diese Geschmeidigkeit vermisste er zunächst bei seinem Schüler Oliver Kahn Bilderstrecke

          Keiner im Kasten hatte einen so einen kauzigen Humor wie die „Katze von Anzing“. Einem Journalisten schmuggelte er einen Ziegelstein statt der Schreibmaschine in den Beutel. Dem verblüfften DFB-Masseur Adi Katzenmaier hoppelte dank Maier kurz vor der WM 1990 ein Hase aus der Tasche, als er sie zur Behandlung eines Spielers auf dem Rasen öffnete.

          Auch die Ausstellung in der „Erlebniswelt“, dem Klubmuseum des FC Bayern, die ihm vom 16. März an gewidmet ist, zeigt unter dem Titel „Torwart, Tüftler, Tausendsassa“ nicht nur den Sportler, auch den Spaßvogel Maier – und den Bastler, der als einer der ersten seines Fachs mit selbst geklebten und genähten Weichschaumhandschuhen experimentierte. Das gab bessere Haftung für die immer glatter gewordenen Kunststoffbälle. „Alle Torhüter heute“, sagt er, „sollten mir dankbar sein, wenn sie die Bälle festhalten“.

          Teil der Fußballästhetik der verklärten 70er Jahre

          Maier war als Kind ein begabter Turner und hat diese Geschmeidigkeit, die er bei seinem späteren Schüler Oliver Kahn zunächst vermisste, als Torwart genutzt. Seine langen, krakenartigen Arme wickelten Schüsse um den Pfosten und saugten Flanken vom Himmel. Der Anblick solcher schmalgliedriger, tollkühner, schlicht in schwarz oder anderen unauffälligen Farben gekleideter Torhüter wie Maier – dieses Bild ist ein Teil der ganz eigenen Fußballästhetik der verklärten 70er Jahre, in denen für viele der schönste, der weiträumigste Fußball gespielt wurde.

          Er war Welt- und Europameister, gewann je vier Europapokale, Meisterschalen und DFB-Pokale mit dem FC Bayern. Aber das Unglaublichste sind seine 442 Bundesligaspiele am Stück, dreizehn Jahre, ohne eine Partie zu verpassen – ein Rekord für die Ewigkeit.

          Mit dem TC Hasenbergl viermal deutscher Tennismeister

          Es wären noch mehr geworden, wäre Maier nicht 1979 in einem Wolkenbruch mit seinem Auto in den Gegenverkehr gerutscht. Er kam knapp mit dem Leben davon, kassierte eine Million Mark aus einer Berufsunfähigkeitsversicherung als Sprungbrett in den Ruhestand und stand, abgesehen von zwanzig Minuten in seinem Abschiedsspiel, nie wieder in einem Fußballtor. Es folgten fast zwanzig Jahre als Torwarttrainer bei den Münchner Bayern und im Nationalteam, wo er 2004 im Streit mit Jürgen Klinsmann ausschied. Der hielt Maier für zu parteiisch in der großen Frage vor der Weltmeisterschaft 2006: Oliver Kahn oder Jens Lehmann.

          Seine Tennisanlage hat Maier, als Jungsenior mit dem TC Hasenbergl viermal deutscher Tennismeister, vor kurzem nach vierzig Jahren verkauft. Im Winter fährt er immer noch Ski im Tiefschnee, im Sommer geht es auf lange Hochgebirgstouren. Vom heutigen Fußball hält er sich am liebsten fern, „zu viel Rummel, zu viel Gequatsche“. An schönen Samstagnachmittagen haben selbst die TV-Spiele des FC Bayern keine Chance gegen die größte sportliche Leidenschaft von Sepp Maier, Handicap 6,5: „Dann stehe ich lieber auf dem Golfplatz“. Bälle wegzaubern.

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