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Ex-Fußballprofis in Nöten : Gefallene Helden

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Goldenes Tor: Brehmes Elfmeter gegen Argentinien 1990 bescherte Deutschland den dritten WM-Titel, dem Schützen aber kein dauerhaftes Glück. Bild: WITTERS

Berühmt und reich: Das Klischee vom Fußballprofi trifft nur auf eine kleine Gruppe zu. Viele Spieler kriegen nur einen einzigen Vertrag in ihrer Karriere, im Schnitt für drei Jahre. Andere landen nach einer rauschenden Karriere haltlos in der Insolvenz.

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          Sein Elfmetertor zum 1:0-Endspielsieg über Argentinien öffnete 1990 in Rom die Tür zum dritten deutschen Weltmeisterschaftstitel und machte Andreas Brehme zu einem deutschen Helden. Für alle Zeiten? Sein Ruhm ist dem bei München sesshaft gewordenen Hamburger geblieben, [...] – Schlagzeilen, die schlaglichtartig verdeutlichten, dass selbst Weltmeister absteigen, wenn sie den Schlüssel zum Glück verloren haben.

          Das Leben nach der Sportkarriere zu einer zweiten persönlichen Erfolgsgeschichte zu machen ist nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das zu illustrieren, muss der Blick nicht einmal auf beklagenswerte Einzelschicksale wie das Los des ehemaligen Fußballnationaltorwarts Eike Immel gerichtet sein, der nach einer turbulenten Vita in die private Insolvenz stürzte und allmählich wieder festeren Boden unter sich spürt. Ganz zu schweigen von einem Fußballgenie wie dem im Alter von 59 Jahren gestorbenen Nordiren George Best, dessen größter Freund und Feind der Alkohol war. Von ihm, den die Massen in seiner Glanzzeit bei Manchester United liebten, stammt das von Selbstmitleid freie Lebensfazit: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“

          Für das Leben nach der großen Karriere gerüstet

          Es gibt genügend Anzeichen dafür, dass den deutschen Fußballweltmeistern von 2014 der Umgang mit ihrem Glück, Gut und Geld dauerhaft besser gelingt als einer Reihe ihrer Vorgänger. Profis wie Philipp Lahm, Manuel Neuer, Mats Hummels, Thomas Müller oder Per Mertesacker verfügen über das Talent und die vorsorgende Vernunft, ihr beträchtliches Kapital dauerhaft zu veredeln. Sie scheinen für das Leben nach der großen Karriere gerüstet. Da es aber genügend Beispiele für Auf-und-Ab-Biographien unter den Bundesligaprofis von gestern gibt, kümmert sich die in Duisburg angesiedelte Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) vorrangig um die Lebensplanung der Profis von heute. „Es ist wichtig“, sagt VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky, „den Spielern frühzeitig klarzumachen, dass sie selbst für ihre Karrieren verantwortlich sind, weil ihnen später wahrscheinlich keiner mehr hilft.“

          Dabei dürften nach der letzten Bildungsstanderhebung der VdV in Zusammenarbeit mit der Hochschule Koblenz aus der Saison 2011/12 genügend Spieler in der Lage sein, ihren weiteren Lebens- und Berufsweg selbst zu planen. 55 Prozent der befragten Kicker aus der ersten, zweiten und dritten Liga hatten einen Abitur- oder Fachabiturabschluss; ein weiteres Drittel hatte die Realschule erfolgreich absolviert. 24 Prozent der Profis verwiesen auf eine „abrufbare Berufsausbildung“. Auch das eine zumindest auf den ersten Blick erfreuliche Erkenntnis, die aber dadurch getrübt wird, dass man, so Baranowsky, „nach der Definition der Arbeitsagenturen wieder als gering qualifiziert oder gar nicht ausgebildet gilt, wenn man vier Jahre nicht im erlernten Beruf tätig war“. Ernüchternder noch ist ein Befund, den Baranowsky aus seiner Fachkenntnis der Dinge preisgibt: „Zwei Drittel der Profis haben sich bisher noch nicht oder nur gelegentlich mit ihrer beruflichen Zukunft am Ende der Profilaufbahn befasst. Das ist ein erschreckender Wert.“ Der noch dadurch an Bedeutung gewinnt, dass die meisten Karrieren in dieser kleinen Berufsgruppe schon nach wenigen Jahren zu Ende gehen. „Sehr viele Karrieren im Profifußball sind Einvertragskarrieren“, sagt Baranowsky, „das heißt nach den Erkenntnissen früherer Studien, sie dauern nicht länger als maximal drei Jahre. Nur zwanzig Prozent aller Spieler haben länger als zwölf Jahre gespielt.“ Immerhin nimmt rund ein Viertel der 1300 von der VdV vertretenen Spieler Weiterbildungsangebote, etwa per Fernstudium, wahr. „Es gibt“, hebt Baranowsky hervor, „maßgeschneiderte Fernstudiengänge, die zeitlich so flexibel ausgestaltet sind, dass sie die Spieler bewältigen können.“

          Um bei der Frage, „was tun?“, Hilfestellung zu leisten, beschäftigt die Spieler-Gewerkschaft Frank Günzel, einen Laufbahncoach, der seine Klientel individuell berät. Günzel und Baranowsky begegnen immer wieder Spielern, die für sich nur eine Zukunft im Fußball sehen. Mit „neunzig Prozent“ beziffert der VdV-Geschäftsführer die Zahl derjenigen Profis, die später Trainer oder Sportdirektor werden wollen. Eine unter Konkurrenzgesichtspunkten riskante Planung bei gerade mal 56 Klubs, die in den drei Profiligen versammelt sind.

          Wo ist es geblieben? Brehme auf Glückssuche

          Besser dran als diejenigen, die alles auf die Karte Fußball setzen, sind oft genug jene Profis, die sich für eine ganz andere zweite Laufbahn entscheiden und dafür die Zäsur wagen. Zum Beispiel Knut Reinhardt, der 1997 mit Borussia Dortmund die Champions League gewann und sich danach für ein Lehramtsstudium entschied. „Ich bin heute superglücklich“, sagt Reinhardt, der Grundschullehrer im Dortmunder Norden ist und nebenbei Trainer der „U12“ des Hombrucher SV. Einen vergleichbaren Weg hat auch Tobias Rau, siebenmaliger Nationalspieler wie Reinhardt, eingeschlagen. Der frühere Linksverteidiger des VfL Wolfsburg, des FC Bayern München und des DSC Arminia Bielefeld studiert an der Bielefelder Universität Sport, Pädagogik und Chemie. Fußball spielt er auch noch – beim Kreisklassenklub TV Neuenkirchen. Auch dem bodenständigen Rau ist der Abschied vom Showbetrieb Bundesliga nicht allzu schwergefallen. Der Allgäuer Karl-Heinz Riedle, der 1990 gemeinsam mit Andreas Brehme Weltmeister wurde, ist dem Fußball zwar stets verbunden geblieben, wovon schon seine Fußballschule in Oberstaufen zeugt, doch in erster Linie ist der ehemalige Spitzenstürmer von Werder Bremen, Borussia Dortmund, Lazio Rom und dem FC Liverpool Hotelier in seinem Heimatort. Riedle, der 1997 zum Champions-League-Triumph des BVB beim 3:1 über Juventus Turin zwei Treffer beisteuerte, will als Gastgeber nicht ständig in Erinnerungen schwelgen.

          Und deshalb sagt er: „Morgens durch den Frühstücksraum zu stolzieren und mit den Gästen über alte Fußballzeiten zu plaudern kommt für mich nicht in Frage.“

          Die Fähigkeit sich von Gestern lösen zu können

          Die Fähigkeit, sich vom Gestern lösen zu können und den eigenen Lebensstil den Notwendigkeiten von heute anzupassen, fehlt zuzeiten gerade besonders renommierten Profis, die den Unterschied zwischen Schein und Sein auch schon mal ignorieren. „Viele leben auch zehn Jahre nach ihrer Karriere gedanklich in der Profiwelt“, sagt Baranowsky, „machen keinen Cut und haben keine Ausrichtung nach vorn.“ Das kann zum existentiellen Problem werden, wenn dem Publikum der alte Luxus trotz veränderter Kassenlage vorgegaukelt werden soll und damit Zahlungsverpflichtungen einhergehen, die auf Dauer nicht einzulösen sind.

          Den richtigen Umgang mit dem Geld zu erlernen und sich nicht über Gebühr von der Zockerleidenschaft anstecken zu lassen ist auch eine Aufgabe, der sich die VdV verpflichtet sieht. Sie ist 1987 auch gegründet worden, um Spieler vor desaströsen Investitionen zu bewahren. Damals standen eine Reihe von Profis mit leeren Händen und einem Haufen Schulden da, die sich für die seinerzeit angepriesenen und angeblich hohen Gewinn verheißenden Bauherrenmodelle begeistern ließen. Baranowsky sieht auch für die heutige Spielergeneration Gefahren und warnt: „Man ist in dem Alter geschäftlich unerfahren.

          Darum ist es unsere Aufgabe zu sagen, halte deinen Lebensstil auf einem möglichst erträglichen Niveau, aber habe immer eine langfristige Perspektive und verplane nur das, was du sicher hast. Und lass dich vor allem nicht locken von total unrealistischen Renditeversprechungen und Steuersparmodellen.“ Ein Aufruf, der auch so gemeint ist, dass sich die Fußballprofis dem Rat seriöser Finanzprofis anvertrauen sollen, die ihnen auch die nicht immer einfach zu entschlüsselnde Finanzsprache verständlich übersetzen können.

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